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Künstler gegen Viagogo : Und das soll Demokratisierung sein?

Auch Rammstein und Die Ärzte weisen Fans mit Viagogo-Karten ab. „Fans, die nicht auf sie personalisierte Tickets haben und zu einem überhöhten Preis auf dem Schwarzmarkt gekauft haben, kann natürlich kein Einlass gewährt werden“, sagt der Ärzte-Manager Schulz. Viagogo behauptet auf seiner Website das Gegenteil: „Diese Tickets sind dennoch gültig. Ihr Name muss nicht mit dem Namen auf dem Ticket übereinstimmen, um Eintritt in die Veranstaltung zu erhalten.“ Enttäuschten Besuchern bleibt nur der „Trouble-Schalter“, um sich ein reguläres Ticket zu kaufen – und zu versuchen, sich das Geld für die ungültige Karte bei Viagogo erstatten zu lassen.

Beim Sport ist es nicht anders: Rund zwei Jahre ist es her, als der Freiburger Bundestagsabgeordnete Johannes Fechner für sich und seine Tochter zwei Karten für ein Spiel des SC Freiburg kaufen wollte. Auf der Vereinshomepage waren alle Karten weg, also googelte er und wurde bei Viagogo fündig: zwei Tickets für jeweils 40 Euro. An der Einlasskontrolle ging es für die Fechners dann nicht weiter, die Karte der Tochter war offenbar personalisiert und nicht übertragbar. Der Vater musste ein neues Ticket kaufen, dieses Mal für den Originalpreis: 13 Euro. „Wir müssen diese Machenschaften abstellen“, sagt der SPD-Politiker. Er setzt sich für die schnelle Umsetzung einer EU-Richtlinie in nationales Recht ein, um Tickethändlern zu verbieten, softwareunterstützt massenweise Karten aufzukaufen. Zudem müssten Online-Tickethändler gesetzlich verpflichtet werden, die Originalpreise anzugeben, nur übertragbare Karten zu verkaufen und die Namen der Verkäufer zu nennen. Vor allem die Anonymität der Verkäufer eröffnet professionellen Schwarzmarkthändlern ein breites Betätigungsfeld.

Was sagt Steffi Graf?

Viagogo juristisch beizukommen ist möglich, aber aufgrund des Firmensitzes in der Schweiz, in Genf, mit einem hohen Aufwand verbunden. Das komme einem manchmal so vor, „als ob man versucht, etwas gegen eine Briefkastenfirma auf den Kaiman-Inseln zu unternehmen“, sagt der Münchner Anwalt Holzhäuser. Der Amerikaner Eric Baker gründete das Unternehmen 2006 in London, das später in die französischsprachige Schweiz zog. Problematisch ist nach Aussage von Rammstein und Den Ärzten oft schon die Zustellung von einstweiligen Verfügungen, auch die Verbraucherzentrale Bayern berichtet, dass Viagogo auf eine Abmahnung einfach nicht reagiert habe. „Ordnungsgeld ist denen ohnehin wurscht“, sagt Verbraucherschützerin Halm. Inwieweit in Genf mehr als Post angenommen wird, ist ohnehin unklar. Ein Blick in die Stellenanzeigen verrät, dass Viagogo operativ wohl vor allem in New York geführt wird.

Doch gerade die Sportbranche war nicht immer so schlecht auf Viagogo zu sprechen, wie das mittlerweile der Fall ist: Karl-Heinz Rummenigge vom FC Bayern München ließ sich einst mit Baker ablichten, der Verein kooperierte anfänglich mit Viagogo – Schalke 04 ließ erst nach heftigen Fanprotesten von der Ticketbörse ab. In den ersten Jahren nach der Gründung galt Viagogo als Hoffnungsträger und clevere Idee: Auch das berühmteste Tennis-Paar der Welt, Stefanie Graf und Andre Agassi, ließ sich damals von der schönen neuen Ticketwelt und den Gewinnaussichten beeindrucken. 2009 investierte es in Viagogo.

Der Eintrag wird „in Kürze“ gelöscht

Auf ihrer gemeinsamen Homepage war in dieser Woche noch immer von einer „Partnerschaft“ mit Viagogo die Rede, mit schmeichelnden Worten wird das Unternehmen beworben: „Viagogo bringt Effizienz und Transparenz in einen Markt, der traditionell undurchsichtig“ sei (im Original auf Englisch: „murky“). Besonders angetan hatte es ihnen offenbar auch das „spektakuläre Wachstum“. Auf Anfrage dieser Zeitung reagierte das Management von Graf allerdings distanziert: Von einer „Partnerschaft“ könne keine Rede sein, der Eintrag auf der Website werde „in Kürze“ gelöscht. Viagogo teilt mit: „Ja, Viagogo unterhält eine laufende Beziehung zu Stefanie Graf und Andre Agassi.“ Das wiederum dementiert das Graf-Management.

So rufschädigend eine Verbindung zu Viagogo für sie mittlerweile sein dürfte, an den Wachstumsaussichten gibt es nach wie vor nichts auszusetzen: Erst vor wenigen Monaten kaufte Viagogo von Ebay die Ticketbörse Stubhub zurück, ebenfalls eine Gründung Bakers. Für einen Milliardenbetrag in diesem lukrativen Geschäft.

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