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Künstler gegen Viagogo : Und das soll Demokratisierung sein?

Verbraucherschützer kritisieren, dass Viagogo im Internet ähnlich wie ein offizieller Ticketanbieter auftritt, intransparente Gebühren erhebt, oft zu hohe Preise verlangt und dafür manchmal nicht übertragbare und damit ungültige Eintrittskarten liefert. „Die Verbraucher sind einer Preiswillkür ausgesetzt“, sagt Halm, und „wer letztlich von den enormen Aufschlägen profitiert, bleibt unbeantwortet, weil die Käufer anonym sind“. In der Tat erfährt der Käufer in der Regel nicht, wer ihm ein Ticket veräußert. Im Januar 2019 hatten die Verbraucherschützer Preise verglichen und herausgefunden, dass die Tickets bei Viagogo häufig überteuert sind. „Das ist Abzocke“, sagt Halm. Die Verbraucherzentrale hat Viagogo 2018 wegen mangelnder Transparenz und „wertloser Garantieversprechen“ verklagt – und bekam Recht. Viagogo hat Berufung eingelegt, die Entscheidung soll noch im Juli fallen.

Stichprobe auf der Internetseite der Ticketbörse: Eine Rammstein-Karte für das wegen der Corona-Pandemie auf den 12. Juni 2021 verschobene Konzert in Belfast ist bei Eventim für umgerechnet 113 Euro zu bekommen, bei Viagogo kostet sie 147 Euro plus Mehrwertsteuer, einer „Buchungsgebühr“ von 52 Euro und einer „Bearbeitungsgebühr“ von sieben Euro, das macht insgesamt 206 Euro für ein Ticket. Während des Bestellvorgangs wird man unter Druck gesetzt: „Es verbleiben nur noch 04:22 Minuten, um ihren Kauf abzuschließen. Danach werden die Preise unter Umständen steigen oder diese Tickets nicht mehr verfügbar sein.“ Da kommt schon beim Bestellen Stress auf, man will nicht noch tiefer in die Tasche greifen müssen.

Till Lindemann beim Rammstein-Konzert am 13. Juli 2019 in der Commerzbank Arena in Frankfurt am Main.
Till Lindemann beim Rammstein-Konzert am 13. Juli 2019 in der Commerzbank Arena in Frankfurt am Main. : Bild: Lucas Bäuml

Viagogo verweist in dem Zusammenhang seit Jahren auf das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Schon 2012 sagte der Unternehmensgründer Eric Baker im Interview mit der F.A.Z.: „Wucher? Nein. Viagogo ist ein Marktplatz: Jeder Ticketbesitzer kann dort seine Tickets wiederverkaufen – zu dem Preis, den der Käufer zu zahlen bereit ist.“ Die Veranstalter sehen die Sache anders: „Hier verdienen Leute viel Geld, ohne eine Leistung zu bringen“, sagt Axel Schulz, Manager der Ärzte.

Stress beim Kartenkauf

Der Rechtsanwalt Sebastian Ott vertritt die Kollegen von Rammstein, er fühlt sich an frühere Zeiten erinnert: „Der Job des Schwarzhändlers war früher sehr mühselig. Die mussten vor den Stadien im Dunkeln im Regen stehen und hoffen, Tickets verkauft zu bekommen. Heute können sie ihre Ware bequem von zu Hause aus unter anderem über Viagogo veräußern.“ Den Kunden sei kein Vorwurf zu machen, weil sich das Portal wie ein offizieller Ticketverkäufer gebe. „Ich finde es sehr irritierend, einen solchen Milliardenmarkt fernab der für alle gültigen Regeln des Verbraucherschutzrechtes und Wettbewerbsrechtes schalten und walten zu lassen.“

Die hohen Preise sind nicht das einzige Problem. In Foren finden sich Tausende Erfahrungsberichte enttäuschter oder geprellter Viagogo-Kunden. Einer von ihnen ist Ralf Reichartz. Der Kölner Künstler ist Fan von Madonna: „In den letzten 20 Jahren war ich bei jedem ihrer Konzerte in der Nähe“, sagt er, „außer auf dem letzten“, das im März in Paris hätte stattfinden sollen. Reichartz hatte im September 2019 zwei Tickets bei Viagogo für knapp 1000 Euro bestellt. „Ich war in Eile und habe im Internet gesucht“, erzählt er am Telefon, Viagogo kannte er gar nicht, aber die Madonna-Website sei ihm zu unübersichtlich gewesen. „Es war mir egal, wie teuer die Karten sind – ich wollte da unbedingt hin.“ Es dauerte nicht lange, und die Karten kamen per E-Mail, doch seine war auf einen fremden Namen ausgestellt. Sein Glück im Unglück sei gewesen, dass Madonna das Konzert wegen einer Knieverletzung absagte und auch der Ausweichtermin wegen Corona vorerst nicht stattfindet. Vermutlich wäre Reichartz mit diesem Ticket an der Einlasskontrolle gescheitert, denn viele Veranstalter personalisieren ihre Karten, um den Weiterverkauf zu erschweren.

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