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Christina Aguileras „Liberation“ : So klingen die untersten Register

Weichzeichner und Pastell: Christina Aguilera am Strand Bild: Sony Music

Christina Aguileras neues Album „Liberation“ ist seltsam aus der Zeit gefallen. Der Musik kann man nichts vorwerfen – der Porno-Ästhetik aus den Nullerjahren durchaus.

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          Die augenscheinliche Verpflichtung, sich immer wieder neu zu erfinden, ist die größte Geißel des Popgeschäfts. Wohl dem Sänger, der wirklich das Bedürfnis hat, sich alle fünf Jahre zu häuten, neue Themen zu finden und seinen Sound um irgendetwas Originelles zu erweitern, etwa auf einem Cello gespielten Calypso. Für diejenigen, die ihr vorheriges Ich schon ziemlich passend fanden, bleibt nur Oberflächenkosmetik – die oft als große Veränderung hingestellt wird. Auch Christina Aguilera greift jetzt wieder auf diese Methode zurück. Und das, obwohl ihre Fähigkeiten unumstritten sind: Vom „Rolling Stone“ wurde sie auf Platz 58 der hundert besten Sänger aller Zeiten gewählt, zwischen Eric Burdon von den Animals und Rod Stewart.

          Ihre erste Häutung erlebte die Amerikanerin 2002 mit ihrem zweiten Album „Stripped“, als sie sich Xtina nannte und ihre Emanzipation von ihrer braven Jugend feierte. Anschließend nahm sie mit „Back to Basics“ Lieder im Retro-Stil auf, eine Verneigung vor ihren Vorbildern Etta James und Billie Holiday. Beide Alben waren enorm erfolgreich, es regnete Platin. Seitdem schaffte es Christina Aguilera nicht mehr nach oben in den Charts. Sie schauspielerte, sie saß in der Jury der Castingshow „The Voice“, denn wer wäre dafür geeigneter als sie? Aber ihre Alben floppten; eine Tour wurde wegen des schleppenden Kartenverkaufs abgesagt.

          Christina Aguilera

          „Liberation“ (Sony) ist ihr dritter Versuch, und sie hat alle Register dafür gezogen, auch die untersten. Lippen und Zunge und Brüste und Haut in Großaufnahme und dann Milch, die in Zeitlupe am Kinn herunterläuft: Die Idee der Subtilität hat die Musikvideos von Christina Aguilera auch 2018 noch nicht erreicht. Auf der anderen Seite bedurfte es mal wieder einer Häutung, einer neuen Ebene. Diesmal ist die Sängerin auf der Suche nach Maria, einem Persönlichkeitsanteil von ihr selbst – Maria ist ihr Zweitname. Aus dem Album lässt sich herauslesen, dass Maria in der Kindheit mit ihrem gewalttätigen Vater verlorengegangen ist. Christina Aguilera erzählt in einem etwas wirren Trailer, dass sie ihre Sommersprossen jetzt nicht mehr verdecken will, und entschuldigt sich bei ihrem alten Ich für all das Make-up. Dann sagt sie fröhlich, sie sei wohl in einem früheren Leben ein Pornostar gewesen.

          Das wirkt alles auf sonderbare Weise aus der Zeit gefallen. Die No-Make-up-Bewegung wird schon seit Jahren von Alicia Keys angeführt, in der Kosmetikwerbung gelten Sommersprossen als charmant, und wenn heute Janelle Monáe über Sex singt, trägt sie im Video eine ironisch-plakative Vulva-Hose. Aguilera dagegen bedient sich immer noch der Pop-Ästhetik der nuller Jahre, und es fällt schwer, das als Konzept zu verstehen – dafür ist diese Dekade einfach noch nicht lange genug vergangen.

          Die bisherigen Absatzzahlen der Single-Auskopplungen deuten nicht gerade auf einen umwerfenden kommerziellen Erfolg für „Liberation“ hin. Dabei kann man der Musik überhaupt nichts vorwerfen, sie ist kraftvoll, verspielt und immer wieder angenehm gegen den Strich gebürstet. Herausragend ist etwa der Song „Accelerate“ mit der Unterstützung zweier Rapper, der klingt, als würde jemand immer wieder den Radiosender wechseln – auf die bestmögliche Art. Und „Right Moves“, ein überraschender Reggae-Song, sowie die klassische Ballade „Unless It’s With You“ mit Hauchgeräuschen, alles getragen von Aguileras beeindruckend mühelosem Gesang.

          Wie persönlich im Sinne von intim dieses Album wirklich ist, lässt sich kaum sagen. Dafür fällt auf, wie persönlich es ist im Gegensatz zu sämtlichen politischen, gesellschaftskritischen oder sonst über den eigenen Nabel hinausblickenden Alben der letzten Jahre. „Liberation“ ist kein Statement, es ist allenfalls ein Plädoyer für mehr Liebe zum Körper und körperliche Liebe. Vielleicht ist gerade das sein derzeit größtes Alleinstellungsmerkmal.

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