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Zum Tod von Dieter Moebius : Ein freier Experimentierer

Dieter Moebius in jüngeren Jahren Bild: bureau b

Die Leistungen des Krautrock werden hierzulande viel zu wenig gewürdigt. Mit Dieter Moebius ist nun ein international anerkannter Pionier der zeitgenössischen elektronischen Musik im Alter von 71 Jahren gestorben.

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          Die Pioniere der elektronischen Musik in Deutschland hatten einen Nachteil, den sie bald in einen Vorteil ummünzten: Die Nationalsozialisten hatten alles, was es in den zwanziger und dreißiger Jahren an subversiver Gegenkultur gegeben hatte, komplett eliminiert. Als dann in den sechziger Jahren die Rockrevolution über die jungen Künstler hereinbrach, gab es keinerlei Tradition, auf die sie sich berufen konnten. Die Jahre zuvor hatten die Wirkung einer tabula rasa. Can, Kraftwerk, Tangerine Dream, Faust und Kluster/Cluster konnten also bei Null anfangen. Sie konnten ihre Musik praktisch aus dem Nichts und dem freien Experiment neu erschaffen. Das geschah in Düsseldorf, Berlin und Hamburg.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Dies hat die Musiker radikaler gemacht als die progressiven Kräfte im angelsächsischen Raum. Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius, die schon ab 1969 in Berlin an ihrer Version der freien Improvisation gearbeitet haben, waren besonders radikal. Ihre ersten Schallplatten mit Conrad Schnitzler bestehen aus Sounds, nicht aus musikalischen Strukturen. Später wurden sie etwas herkömmlicher und tonaler. Zunächst verarbeiteten sie Einflüsse aus ihrer Wahlheimat Berlin. Hier hatten sie entscheidenden Anteil an der Gründung des Clubs Zodiak, in dem für eine intensive, aber sehr kurze Zeit der Grundstein für die elektronische Musikszene in Berlin gelegt wurde.

          Das Zodiak war eine Provokation für das bürgerliche Berlin. Kiffende junge Leute mit langen Haaren störten den Kulturbetrieb. Der Laden wurde geschlossen. Moebius und Roedelius fanden eine neue Heimat im Weserbergland, wo sie in ihrem eigenen Studio zu einem eigenständigen Sound fanden. Schnell stießen sie auf große Begeisterung britischer Avantgardisten wie Brian Eno von Roxy Music. Mit ihm nahmen sie eine wunderbare Platte auf. Dann verbanden sie sich mit dem Gitarristen Michael Rother von der Düsseldorfer Formation NEU!, was Mitte der siebziger Jahre ebenfalls zwei bahnbrechende Alben abwarf.

          Doch bis die Pioniere zu Nachruhm kamen, dauerte es sehr lang. Zwar ist David Bowies Aufenthalt in Berlin, wo er sich zu seinen Meisterwerken „Heroes“ und „Low“ inspirieren ließ, eine unmittelbare Folge seiner Begeisterung für die deutsche Elektronik. Doch erst in den neunziger Jahren wurden Bands wie Pavement, Stereolab oder Tortoise auf die Bedeutung des Krautrock aufmerksam. Das Kölner/Düsseldorfer Duo Mouse on Mars verstand sich als unmittelbare Nachfolger von Gruppen wie Cluster. Die hatten in der Zwischenzeit bis zum Ende ihrer Bandgeschichte längst weitere Grenzen ausgelotet. Damals hat Roedelius die dritte Inkarnation seiner Formation als Qluster gegründet. Im Ausland werden die beiden Pioniere (und auch Schnitzler) längst als innovativste Vertreter des Genres geschätzt. In ihrer Heimat werden sie viel zu wenig gewürdigt. Am Montag ist der in der Schweiz geborene Dieter Moebius im Alter von 71 Jahren gestorben.

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