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„Kramms Hits“ : Wie ich meine Musik befreite

Bild: F.A.Z.

Seit Anfang Juni präsentiert meine Kolumne „Kramms Hits“ alle vierzehn Tage fünf legal erhältliche Musiktitel aus dem Internet. Und sie zeigt: Es geht auch ohne Gema.

          4 Min.

          Es war eine dunkle und stille Zeit. Der Verschränktheitsbegriff der Physik war reine Theorie, die Unschärfe hingegen greifbare Realität. Das Netzwerk der Welt bestand einzig aus Telefonleitungen und Funksendern. Das öffentlich-rechtlich finanzierte Programm der wenigen Fernsehstationen verbreitete den kleinsten gemeinsamen Geschmacksnenner dessen, was eine Unterhaltungsindustrie in den Chefetagen beschlossen hatte.


          Kommunikation im Zeitalter der Massenkultur war noch eine Einbahnstraße, an deren Gehsteig man vergeblich auf ein Stocken des Kulturverkehrs hoffte, um nur einmal die Straßenseite zu wechseln. Geflügelte Wörter wie „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht“ waren nur zur Hälfte wahr, denn außerhalb öffentlicher, den Öffnungszeiten unterworfenen Bibliotheken war Wissen ein eingehegtes Gut, das nur wenigen vorenthalten war.

          Der Kolumnist: Bruno Gert Kramm

          So erfuhren die an den Wochenenden debattierten Fragen meiner gerade gegründeten Band kaum Antworten, dafür umso mehr gefährliches Halbwissen vom Hörensagen semiprofessioneller Bands, die bereits außerhalb unseres Landkreises gastiert hatten.

          Die Verpackung ist der halbe Deal

          So nahm alles seinen Lauf. Mit der größten finanziellen Anstrengung wurden unsere Songs im örtlichen Studio unter der Ägide des überforderten Technikers auf ein rauschendes, kratzendes Tape gebannt. Den Leitspruch „Die Verpackung ist der halbe Deal“ im Kopf, wurden dann Fotos ausgeschnitten, Rubbelbuchstaben aufgeklebt, erneut abfotografiert und mit der kunstvoll verzierten Musikkassette an die Adressen verschickt, die wir auf unseren Lieblingsalben fanden.

          Als sich dann eines Tages ein Verlag aus dem fernen Niedersachsen meldete, schien der Durchbruch greifbar nah und der Vertrag war nur noch Formsache. Auch jene folgenschwere Zeile: „Der Auswertungszeitraum des Verlagsvertrages ist an die gesetzlichen Schutzfristen gebunden, und die Urheber verpflichten sich, einen Wahrnehmungsvertrag bei der Gema abzuschließen.“

          Das Wort „gesetzlich“ ließ uns in vermeintlicher Sicherheit wiegen und bescherte uns erst viele Jahre später die Einsicht, dass wir dadurch große Teile der uns zustehenden urheberrechtlichen Gema-Tantiemen zum damaligen Zeitpunkt bis fünfzig Jahre nach unserem Tod an einen Verlag übertragen hatten. Bei Banken hätte man solche Kreditkonditionen als unlauteren Wettbewerb anfechten können, denn der verrechenbare Vorschuss kam in seiner zeitlichen Relation einem Almosen gleich; die abgetretenen Rechte hingegen schmerzen uns noch heute. Übrigens wurden die Schutzfristen dank TRIPS und Konzernen wie Disney Mitte der neunziger Jahre von fünfzig auf siebzig Jahre nach dem Tod verlängert.

          Für jeden Tonträger eine Gebühr

          Da wir ohne Plattenfirma unsere LPs und CDs selbst herstellen mussten, stellte uns die Gema als Urheber und Lizenznehmer in Personalunion eine Rechnung für die mechanische Lizenz, aber auch für selbst organisierte Konzerte. So bezahlen wir bis heute für jeden Tonträger eine Gebühr an die Gema, wovon wir bestenfalls nach Jahren die Hälfte vergütet bekommen. Verlagsanteil und Gema-Administration verschlingen ihren Teil.

          Von den Tantiemen aus öffentlichen Aufführungen und Konzerten werden übrigens bestenfalls Anteile im Promillebereich ausgeschüttet, während Veranstalter regelmäßig Zigtausende Euro an die Gema abführen müssen, die dann bei Inhabern von Standardwerken landen.

          Viel größere Probleme bereitete uns aber der Vertrieb unserer Musik, denn wie sollte man je über den lokalen Fankreis hinausreichen, wenn eine elitäre Verbandsstruktur die Vergabe der überlebenswichtigen Labelcodes kontrollierte, die damals mindestens genauso wichtig für die Listung im Handel waren wie die Gema-Mitgliedschaft selbst.

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