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Kramms Hits : Der Affe mit dem gelben Hut

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Harmlose blaue Pillen für Freunde von Industrial und Independent – Bruno Kramm empfiehlt wieder die besten, frei erhältlichen Songs aus dem Internet.

          1. Calamateur – „Call You King“

          Tiefstapeln gehört anscheinend zur Art des schottischen Produzenten Andrew Howie und seiner One-Man-Band Calamateur. Wer das niedliche, selbstgemalte Logo betrachtet und die Selbstbeschreibung seines Bandprofiles liest, ist erst einmal auf dem Holzweg; denn die finsteren Klangkaskaden führen in einen ausufernden Klangkosmos, der stellenweise zwar Nine Inch Nails und Konsorten zitiert, aber immer die eigene Handschrift trägt. Der Auftakt „Call Your King“ ist noch die harmloseste blue pill und das Eintrittsticket in das vielschichtige Werk „The Quiet in the Land“. Für Freude des Industrialrock eine echte Offenbarung.

          www.calamateur.com

          2. Color Theory – „What You Said”

          Johann Wolfgang von Goethes Farbenlehre konnte sich zeitlebens nie gegen das Werk des übermächtigen Isaac Newton durchsetzen, und dennoch beschrieb niemand das Wesen der Farbe umfassender als er. Als Kind der Achtziger sog Brian Hazard die Klangfarben der frühen Depeche Mode intensiv auf, machte sie sich zu eigen und perfektionierte den Falsettgesang des Sängers in der zweiten Reihe, Martin Lee Gore. Die einlullenden Pianoläufe und Vokalisen von „What You Said“ wiegen in vermeintlicher Sicherheit wie so vieles aus der Synthesizerpopwelt - wäre da nicht der Text einer gekränkten Seele, die zur Ultima Ratio greift.

          www.colortheory.com

          3. Adrian H. and the Wounds – „Cookies and Cocaine”

          Portland, liberal-freigeistiges Zentrum an der amerikanischen Nordwestküste, ist, im amerikanischen Maßstab, ein Sündenpfuhl, denn nirgendwo sonst, allenfalls im San Francisco der Blumenkinder, ist die Stripbar-Dichte so hoch und die Kulisse der düsteren Jahrhundertwendeviertel aus Spielhöllen, Whiskybars und Stripclubs augenfälliger. Nicht von ungefähr ist Portland ein Zentrum der Independent-Kultur und Courtney Love eines ihrer freigeistigen Kinder. Adrian H. passt mit seinen düsteren Murder Ballads perfekt zum Klischee der Stadt. Stimmlich zwischen Tom Waits und Nick Cave changierend, bannt die Liveperformance des Ausnahmetalents mit mexikanischen Wurzeln. Im Outfit eines Jahrhunderwende-Dandys traktiert er stehend sein Piano zur Ballade von Keksen, Kokain und Oralsex im Regen.

          www.adrianhandthewounds.com

          4. Stripmall Architecture – „Ownsome“

          Twin Peaks, Tarantino und die klingende Architektur amerikanischer Einkaufsmeilen der Sechziger: Geschickt kombinieren die Musiker aus San Francisco Filmmusik mit klassichem Retro- und Independentpop und schrammeln dennoch mit einer gehörigen Portion Nonchalance Gitarren und Bassläufe. Im Mittelpunkt dieser stilistischen Shoppingmall steht die Ausnahmestimme von Rebecca Coseboon, die das Sammelsurium der Zitate mit ihrer eindrucksvollen Gesangsperformance zusammenhält.

          www.stripmallarchitecture.com

          5. 9th Cloud – „Soldiers of Your Mind”

          Das fünfzehn Klangexponate umfassende Werk „A Monkey In A Yellow Hat“ des französischen Remixerkombinats 9th Cloud baut auf subtile Spannungsmomente fernab von Mainstreamstrukturen. Der dunkle Triphop aus Frankreich groovt sparsam instrumentiert und wird von einer atonalen Kontrabasslinie durchdrungen. Einziger Kontrast ist die mit leichtem Akzent charmant flirtende Gesangslinie. Die Sogwirkung des Soundtracks für lange Autofahrten ist garantiert. Nach einer Weile sitzt der Affe mit einem gelben Hut auf dem Beifahrersitz.

          www.9th-cloud.com

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