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„Kraftwerks“ Elektropop : Kennzeichen D

„Die Mensch Maschine” von 1978 Bild: EMI

Musik als Kunst der Zeit: Kraftwerk aus Düsseldorf gelten als die wichtigste deutsche Popgruppe. Ihre elektronischen Hymnen wie „Autobahn“ oder „Das Model“ haben seit den Siebzigern Generationen von Musikern beeinflusst, bis heute wirken sie unverändert neu und modern. Woran liegt das?

          Popmusik beschäftigt sich mit Zeit. Sie kann gar nicht anders. Denn Popmusik ist untrennbar verbunden mit der Zeit, die sie hervorbringt, aber mehr noch mit der Zeit, die sie dauert. Ein Popsong dauert so lange, wie er dauert. Mit einem Buch ist das schon etwas anderes: Wie lange man braucht, seine Seiten zu lesen, hängt vom Leser ab, und genauso frei kann man gestalten, wie ausgiebig man ein Gemälde betrachtet. Es dauert aber immer gleich lang, die erste Strophe von „Yesterday“ der Beatles zu hören. Das ist kein Schicksal, kein Diktat, es ist auch gar nicht schlimm, es ist einfach so.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ralf Hütter, Kopf von Kraftwerk und letztes verbliebenes Gründungsmitglied der Elektronikgruppe aus Düsseldorf, hat Musik einmal als „Kunst der Zeit“ bezeichnet. Das war in einem Interview mit der Zeitschrift „Keyboards“, es ging damals, im Juli 1987, um die Frage, warum manche der Stücke von Kraftwerk wie „Trans Europa Express“ so ewig dauern. „Wir finden es total beschränkt in der Popmusik, dass alles in drei Minuten zu geschehen hat“, antwortete Ralf Hütter. „Das ist völlig künstlich und zielt nur darauf ab, dass so und so viele Songs in eine Rundfunkstunde passen.“ Kraftwerk, erklärte er dann noch, könnten, wenn sie wollten, natürlich auch in drei Minuten abliefern, was sie abzuliefern hätten (stimmt, denn „Das Model“, ihr berühmtestes Lied, zählt ja kaum länger). Aber ein Stück wie „Autobahn“ bräuchte nun mal, je nach Verkehr, seine Zeit: In der Originalaufnahme sind es mehr als zweiundzwanzig Minuten. „Das fließt ja alles“, sagte Hütter. „Wie kann man Musik, die Kunst der Zeit, einordnen oder stoppen wollen. Das hat uns immer geärgert.“

          Pop inszeniert die Gegenwart am intensivsten

          Seit 1970 gibt es Kraftwerk, in wechselnden Besetzungen. Ralf Hütter selbst ist 1971 kurzfristig nicht dabei gewesen. Florian Schneider, sein Partner von Anfang an, verließ die Gruppe vor einem Jahr. Er wurde geräuschlos ersetzt, so wie vor ihm Wolfgang Flür und Karl Bartos, die in der wichtigsten Phase der Band ab 1974 das elektronische Schlagzeug spielten, bis der eine 1986 und der andere 1991 ausstieg. Vierzig Jahre sind seit 1970 vergangen, in denen Kraftwerk zu Repräsentanten der Idee wurden, dass Musik die Kunst der Zeit ist. Und Pop unter allen Künsten die eine, die unsere Gegenwart vielleicht am intensivsten inszeniert.

          „Radioaktivität” erschien 1975

          Jetzt ist eine Box mit acht CDs der Elektronikmusiker erschienen: „Der Katalog“ beginnt mit „Autobahn“ aus dem Jahr 1974, geht über „Mensch-Maschine“ (1978) zu „Techno Pop“ alias „Electric Café“ (1986) und endet mit „Tour de France“ von 2003, dem letzten halbwegs neuen Material. Alle Stücke wurden digital überarbeitet. Wenn man genau hinhört und vergleicht, dann klingt aber eigentlich schon das analoge Material der frühen Kraftwerk, als noch keine Computer die Rhythmusspuren errechneten, wie eben erst aus der Folie gerissen, makellos, unbestechlich und neu.

          Wie kommt es nur, dass Kraftwerks Musik nicht zu altern scheint? Dass man die Lieder der Gruppe so hört, wie man die Architektur von Bauhaus betrachtet? Als sei sie zeitlos, als stünde sie ohne Abstand zur Gegenwart, als sei sie dieser Gegenwart vielleicht sogar immer noch einen Schritt voraus? Beim Bauhaus liegt es an der puren Form, ihrer Komprimierung und Reduktion. Bei Kraftwerk auch. „Der reine Klang“, erzählten sie schon 1975 dem amerikanischen Autor Lester Bangs, „ist das, was wir erreichen möchten.“ Ralf Hütter redet in den wenigen Interviews, die es mit ihm gibt, oft von „Konzentration“, um die Methoden seiner Band zu erklären.

          Die Suche nach der „reinen Effizienz ihres Sounds“

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