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Kraftwerk : Der leidenschaftliche Laptop

  • -Aktualisiert am

Haben sich ganz gut gehalten: die vier von „Kraftwerk” Bild: AP

Seit Anfang der Siebziger versuchen die Musiker von „Kraftwerk“, den Geist der Maschinen freizusetzen. Der Entwertung elektronischer Klänge begegnen sie mit Qualität, die vor allem im Konzert spürbar wird.

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          Ein großer Mythos der Popmusik besagt, daß sich mit dem richtigen Song zur rechten Zeit ein Leben retten lasse. Wer in völliger Verzweiflung die entsprechende Sehnsuchtsmelodie höre, erfasse intuitiv das Trost- und Triumph-Potential der Musik. „Wenn ich diese Taste drück, ertönt ein kleines Musikstück“, textete die Band „Kraftwerk“ schon vor dreiundzwanzig Jahren. Doch nicht nur im Hinblick auf die fragwürdige Zukunft der Unterhaltungselektronik erwiesen sich die Düsseldorfer Daten-Dirigenten als wegweisend: Ihr verspielter Futurismus mit den Idealen von klinischer Klangperfektion, Autorenanonymität und antiseptischer Ekstase war der radikale Gegenentwurf zur schweißtreibenden Subjektivität der Rockmusik: Weg mit den Illusionen von Rebellion, Ehrlichkeit und Ursprünglichkeit, her mit den funktionalen Verheißungen der Technokratie.

          Seit Anfang der Siebziger versuchen Ralf Hütter und Florian Schneider - von wechselnden Mitmusikern unterstützt - den Geist der Maschinen freizusetzen. Ihre Beschwörungen, die man später in der Techno-Generation nachbetete, klingen einfach: "Rauf / runter, vor / zurück, schnell / langsam, laut / leise, linear / vertikal, weich / hart, verdichtet / geöffnet, schön / häßlich, dumpf / hell." Schon der Roboterrock der Siebziger und Achtziger lebte aus digitaler Zweiwertigkeit. Auch die Grablegung des klassischen Songs, wie ihn später alle Techno-Stile bejubelten, nahm im Kling-Klang-Studio von "Kraftwerk" seinen Anfang: Es triumphierte der Track - zusammengesetzt aus verschiedenen Musikspuren, ein rhythmisch fließendes Klangband, ohne harmonische Entwicklung, ohne spezifischen Anfang und besonderen Schluß.

          Die Mensch-Maschine

          Eine knarzende Computer-Stimme eröffnete jetzt das Konzert in der Frankfurter Jahrhunderthalle: "Meine Damen und Herren. Heute abend: Die Mensch-Maschine". Puppenhaft starr stehen die vier auf der Bühne. Im fahlen Licht ihrer Laptops steuern sie die Impulse im Netzwerk von Computern, Synthesizern und Samplern. Die Konzerte ihrer aktuellen Welttournee leben aus der Choreographie der Schriftzeichen und Piktogramme, die sich auf einer Leinwand im Bühnenhintergrund zu einem opulenten Opernball der Daten vereinigen. Jede noch so kleine Nuance der live generierten Soundtracks wird optisch kommentiert. In Gassenhauern wie "Autobahn", "Das Model" oder "Trans Europa Expreß" kollidieren alte Werbefilme mit den futuristischen Klangbändern. Sehnsucht und Melancholie der Großstadt wurden selten betörender thematisiert als in dem Titel "Neonlicht". Das nicht nur in der Öko-Bewegung verpönte Stück "Radioaktivität" - man hatte den Düsseldorfer Phantasten einen planen Fortschrittsoptimismus unterstellt - kam grell und giftig daher: Körperliche Bedrohung wurde durch Sensurrounds und Lichtblitze unmittelbar spürbar.

          Visuell betäubt von der geometrischen Ordnung all der Leinwand-Symbole und -Zeichen, immer wieder angerührt durch die völlig verqueren, süßen Keyboardmelodien in den kaltschnäuzigen Technik-Trips, ließ sich das Publikum noch einmal vom Mythos der Maschine betören. Und doch verströmten die Retorten-Reize ein wenig Wehmut: Was noch vor zwanzig Jahren als Pop-Provokation, ja als aufreizende Avantgarde wirkte, ist längst zum hermetischen Kraftwerk-Kult verkommen.

          Radikale Genauigkeit

          Einsam und allein im eigenen Kling-Klang-Kosmos gefangen, brauchten Ralf Hütter, Florian Schneider, Fritz Hilpert und Henning Schmitz immerhin siebzehn Jahre, um im vergangenen Sommer endlich mit dem neuen Album "Tour De France Soundtracks" auf den Markt zu kommen. Es offenbart das aktuelle Dilemma der vier: Wo Klänge und Zusammenspielungen durch immer kleinere und mobilere Musikmaschinen universell verfügbar geworden sind, wo im Datenrausch alles mit allem kombiniert werden kann, hat sich die einst brisante Vision einer klingenden Computerwelt auf banale Weise erfüllt. Die Kraftwerker setzen dieser fortschreitenden Entwertung der elektronischen Klänge eine radikale Genauigkeit entgegen: Jeder ihrer programmierten Klänge ist bewußt komponiert, in seiner Gestalt lang erprobt. Spürbar wird dieser Sinn für Qualität allein im Konzert, auf einem Tonträger klingen die Stücke seltsam nivelliert.

          Auch der Auftritt der legendären Roboter mag nur mehr wie eine nostalgische Geste wirken. Mit ihrem Ideal vom mechanischen Menschen sind die Kraftwerker von den heutigen biotechnologischen Verschmelzungsphantasien weit entfernt. Zeitlupenartig starr bewegen sich die Doppelgänger-Puppen zum paradigmatischen Refrain: "Wir sind die Roboter". Wo ihre Düsseldorfer Kollegen von "Mouse On Mars" mit einem musikalischen Viren-Programm längst dem Modell eines elektronischen Bio-Organismus huldigen, gleicht das Roboter-Bild von "Kraftwerk" noch dem vom Automaten.

          A-B-C-D-Vitamin

          Seltsamerweise wird der wachsende Anteil der Biochemie an der zukünftigen Mensch-Maschine gerade im klassischen Track "Tour de France" entdeckt. Radsport - die vier von "Kraftwerk" sind die schwierigsten Etappen der Frankreich-Rundfahrt selbst abgefahren - erscheint ihnen als perfekte Synthese aus Mechanik und Biochemie. Und so singen sie ihr "Kalium Kalzium / Eisen Magnesium / Mineral Biotin / Zink Selen L-Carnitin / Adrenalin Endrophin / Elektrolyt Con-Enzym / Carbo-Hydra Protein / A-B-C-D-Vitamin".

          Nach Hütters Worten zeichnet sich die perfekte Mensch-Maschine durch ein "geschmeidiges Wohlgefühl" aus. Ein leichtes Wippen in den Kniekehlen der vier Musiker signalisierte solche Regungen. Mit fluoreszierenden Gittern auf ihren Anzügen präsentieren sie sich am Schluß selbst nurmehr als Knotenpunkte des Netzes. In solchen Momenten schießen im Publikum tausendfach die Foto-Handys in die Höhe, um das Bild digital zu bannen. So findet der Klingelton der Zukunft sein optisches Pendant.

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