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Kool Savas im Gespräch : „Ich würde eher Klicks kaufen als eine Bank zu überfallen“

„Es ist ein bisschen wie ein Insiderhandel“: Der Battlerapper Kool Savas Bild: obs

Die deutsche Hip-Hop-Szene diskutiert über den Vorwurf gekaufter Klicks und manipulierter Charts. Ein Gespräch mit dem Rapper Kool Savas: über Insiderhandel in der Musikbranche, echte Hypes und scheinheiligen Rap.

          4 Min.

          Herr Yurderi, wenn man sich Ihr aktuelles Album „KKS“ anhört, könnte man den Eindruck gewinnen, dass Sie von der deutschen Rapszene im Jahr 2019 nicht allzu viel halten.

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

          Das könnte man. „KKS“ lässt sich wahrscheinlich gut als Angriff auf das interpretieren, was die Szene gerade so ist. Aber ich habe auf dem Album eigentlich nur das gemacht, was ich schon immer mache. Mein Sound beschäftigt sich seit eh und je mit dem „Wack Mc“. Es ging mir bei „KKS“ nicht um einen Gegenschlag. Mein persönlicher Geschmack hat sowieso nie zu dem gepasst, was gerade Trend war.

          Hören Sie sich das, was gerade Trend ist, an?

          Ich höre nach wie vor überwiegend amerikanischen Rap. Aber inzwischen gerät man unweigerlich mehr mit deutschem Rap in Berührung. Der läuft ja überall im Radio. Früher war Rapmusik mehr Nische.  

          Wenn Sie „Ich kill' diese Rapper“ und „metzelt diese Vollidioten“ rappen, hat das dann nur mit den  Gepflogenheiten des Battleraps zu tun oder auch mit Aggressionsbewältigung?

          Sie müssen sich das vorstellen wie einen Boxkampf. Man misst sich mit denen, die gerade am erfolgreichsten sind. Man will einfach die beste Performance abliefern. Ich mache mir im Alltag wenig Gedanken über die Konkurrenz. Dafür hat sie zu wenig Einfluss auf mein persönliches Leben.

          In Ihrem Song „KDR“ fragen Sie sich beim Blick in den Spiegel: „Was habe ich da losgetreten?“ Haben Sie das, was wir jetzt im Radio hören, losgetreten?

          Mit Beginn meiner Karriere gab es große Veränderungen in der Szene. Vorher waren da Gruppen wie Fettes Brot und Advanced Chemistry. Dann kam auf einmal ein Rapper, der aussprach worauf er Lust hatte, ich war stellenweise frech und dreist und abgründig. Diese Strömung habe ich vor zwanzig Jahren losgetreten.

          Und diese Strömung hat heute noch Einfluss?

          Das ist ja eine kontinuierliche Entwicklung. Eine Weile klang deutscher Hip-Hop eher melancholisch, jetzt ist er tanzbar und autotunig. In ein, zwei Jahren folgt dann der nächste Trend. Aber es kommen immer noch Künstler und erzählen mir, wie sie bei einem meiner Song zum ersten Mal das Gefühl hatten, sie hörten Rap. Wie sie mit ihrem Vater im Auto saßen und im Tapedeck „Westberlin, maskulin“ lief. Sie zitieren meine Zeilen als Hommage an diese Zeit.

          Einigen sehr erfolgreichen deutschen Rappern wird gerade vorgeworfen, die Charts zu manipulieren, indem sie ihre Klicks kaufen – mit Streams, die nie ein Mensch gehört hat. Angeblich soll das in der Szene gang und gäbe sein.

          Ich finde es heuchlerisch, so zu tun, als sei die Manipulation der Charts ein neuer Trend. Das gab es früher schon -  auch wenn es anders gemacht wurde. Früher schickten die Labels Leute los, die Singles und Alben kaufen sollten, um sie groß zu machen. Ich kann nicht bewerten, ob die Dokumentation, die den Betrug aufdecken soll, gut recherchiert und die Fakten geprüft wurden. Es klingt jedenfalls unfair, wenn man Künstlern komplett abspricht, selbst für solche Hypes verantwortlich sein zu können.

          Auch, wenn die Anzahl ihrer Streaming-Erfolge außergewöhnlich hoch ist und in wenigen Stunden Hunderttausende Klicks dazukommen?

          Im Rap-Genre sind solche Zahlen absolut denkbar. Das sind überwiegend junge Leute, die in  der großen Pause Songs laden. Wenn man die Musik macht, die diese jungen Menschen anspricht, kann das schon sein. Wer hätte damals denn geglaubt, dass „Da da da“ so ein Riesenhit werden würde? Oder „Mambo Number Five“?

          Hat Ihnen schon jemand angeboten, Sie gegen Geld in die Charts zu holen?

          Etwa zwei Monate vor der Reportage hat mir ein anderer Musiker von dem Vorwurf erzählt. Er sagte, er fühle sich von den Klickkäufen betrogen. Sonst habe ich zu diesem Thema überhaupt keinen Bezug.

          Es heißt, die Sicherheitsmechanismen von Streaming-Diensten wie Spotify reichten nicht aus, um dagegen vorzugehen.

          Die meisten großen Labels sind selbst bei Spotify involviert und haben Anteile. Ich kenne keinen Rapper, der tatsächlich weiß, wie viel sein Label am Streaming verdient. Das ganze Wirtschaftsmodell ist verschleiert: Man versteht es nicht, niemand versteht es. Es lässt sich auch nicht recherchieren. Man kann nicht erwarten, an eine Tür zu klopfen und eine vernünftige Antwort zu bekommen. Jeder profitiert auf seine Weise davon.

          Stört es Sie, dass diese Rapper Ihnen Aufmerksamkeit wegnehmen?

          Meinem Kuchen nimmt diese Entwicklung doch nichts weg. Ich bin mir auch sicher, dass die Hörer meiner Musik älter sind. Ich freue mich mehr über ausverkaufte Konzerte und erfolgreiche Alben als über einen Pausenhof-Hit. Vielleicht verdiene ich an meinen Streams diesen Monat erst mal nur 15.000 Euro, aber im nächsten Monat sind es wieder 15.000 und immer so weiter. Es gibt da einen längeren Atem. Wenn du Glück hast, triffst du auch mal einen Nerv und löst einen Hype aus. Mein Song „Deine Mutter“ wurde etwa zwanzig Mal so oft gestreamt wie die anderen Songs auf meinem neuen Album. Das ist schwer vorauszuahnen. Sonst würde ich ja jeden Tag einen Hit schreiben.

          Aber für jeden Klick gibt es von der Plattform Geld.

          Wenn ich in der wirtschaftlichen Situation stecken würde, würde ich wahrscheinlich eher Klicks kaufen als eine Bank zu überfallen. Aber Gottseidank lebe ich so gut von meiner Musik, dass ich mir darüber keine Gedanken machen muss.

          Warum rappen Sie, die Fans würden verarscht?

          Meines Erachtens gibt es Veröffentlichungen, die klingen, als hätten die Musiker keine Lust auf ihren Job. Als würden sie es nur fürs Geld tun. Die Inhalte haben sich verschoben: Es geht weniger um die Qualität der Musik, mehr um Besitz und Show. Ich erwarte, dass man sich mehr als zwei Minuten Gedanken macht, bevor man einen Song für immer in die Welt schickt.

          Verändert sich gerade etwas Grundsätzliches?

          Ich denke, es wird eine Art Abspaltung geben. Das, was mal Rap war, ist jetzt überwiegend Gesang. Diese Strömung wird sich viel stärker abgrenzen. Es wird klassischen Rap geben wie den von Sido, Azad, Megaloh und Marteria zum Beispiel. Und auf der anderer Seite wird es die Gesangsmucke geben. Pop und Rap werden immer mehr ineinander übergehen.

           Ärgert Sie das als Battlerapper?

          Ich bin total entspannt. Selbst wenn ich wütend wäre, würde ich das niemals so sagen. Das geht nur in dem Moment, in dem ich meine Texte schreibe: Wenn ich in diesem Modus bin. Alles andere wäre krankhaft verbittert und völlig unnötig.

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