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First Aid Kit in Leipzig : Zu diesem Folk würde der Gatsby schwofen

  • -Aktualisiert am

Johanna und Klara Söderberg treten als Duo „First Aid Kit“ in Leipzig auf. Bild: Busse, Christoph

Trotz oder gerade wegen des Dauerregens: Das schwedische Duo First Aid Kit verwandelt Leipzig in eine englische Sturmhöhe. Da kommt der Donner gerade recht.

          Klara und Johanna Söderberg tourten gerade mit ihrem ersten Album durch die Vereinigten Staaten, als das Telefon klingelte. Am Hörer war Jack White. Ob sie, wo sie ja schon in Nashville seien, nicht mal vorbeikommen wollen? In Whites Heimstudio spielen die Schwestern, damals 17 und 20, zwei Cover ein – „Universal Soldier“ von Buffy Sainte-Marie und „It Hurts Me Too“ von Tampa Red –, die White Anfang 2011 als Vinyl-Single auf seinem Label Third Man Records veröffentlicht.

          Es ist keine aufregende Platte, musikalisch kommt sie weder an First Aid Kits Debüt „The Big Black and Blue“ (2010) noch an die drei Alben, die sie seitdem für Wichita und Columbia Records aufgenommen haben, heran. Aber für die Söderberg-Schwestern ist es ein Meilenstein und ein Türöffner. „Das war ein großer Schritt für uns“, erinnert sich Johanna knapp acht Jahre später in einem Backstage-Zimmer der Parkbühne des Leipziger Geyserhauses. „Das war das erste Mal, dass wir mit einem Produzenten aufgenommen haben.“ Auf dem ersten Album hatte noch Vater Benkt, im Hauptberuf Religions- und Geschichtslehrer, die Rolle übernommen. Das Gütesiegel Jack Whites, den Johanna als „wahren Americana-Nerd“ bezeichnet, beschert First Aid Kit damals eine neue, größere Hörerschaft.

          Den Welterfolg mit ihren Alben „The Lion’s Roar“ (2012) und „Stay Gold“ (2014) verdanken sie aber nicht nur dem Empfehlungsschreiben aus dem Hause White, sondern vor allem ihren eigenen Songs, in denen Country, Folk und Pop-Rock verfließen, ohne dass man dabei an das staubige Wort „Revival“ denken muss. Das Herzstück ihrer Musik, ihre Vokalharmonien, legen das Erbe von Simon & Garfunkel nahe, und der „Guardian“ schrieb, auf ihrem neuen Album „Ruins“ (2018) hörten sie sich manchmal an „wie Emmylou Harris im Harmoniegesang mit, nun ja, Emmylou Harris“. Also gerade perfekt für Americana-Nerds.

          In Leipzig spielen First Aid Kit vor einem Publikum, das ganz untypisch ist für ein Konzert von Künstlern der „alten Schule“. Es sind nicht nur grauhaarige Männer mit T-Shirts von Neil-Young- und Grateful-Dead-Europatourneen, die an diesem lauen Augustabend die Leipziger Parkbühne füllen, sondern Menschen aller Altersgruppen, etwa die Hälfte davon Frauen, viele Mittzwanziger, einige Pärchen mit Kind. Es ist die erfrischend durchmischte Klientel einer Band, die Musik aus dem analogen Zeitalter macht, aber noch kein großelternhaftes Greatest-Hits-Boxset im Koffer trägt.

          Ein wütender Blick in den Spiegel

          Noch bevor der erste Ton von „Rebel Heart“, dem dunklen, treibenden Auftaktsong von „Ruins“, erklingt, wird aus dem Sitz- ein Stehkonzert. Passend zum Regen, der pünktlich mit dem Erscheinen des Duos und seiner dreiköpfigen Begleitband (Schlagzeug, Pedal Steel, Keyboards) einsetzt, zeigen sich die 1300 Zuhörer wenig interessiert an Gemütlichkeit. Was First Aid Kit spielen, hat auch nicht viel mit dem etwas weichspülerischen Etikett „Indie-Folk“ zu tun. Denn selbst wenn Klara Söderberg, die, weil sie die Leadstimme hat, oft fälschlicherweise für die ältere Schwester gehalten wird, später etwas scherzhaft sagt: „Der nächste Song ist ein trauriger – so wie alle unsere Songs“, sind es musikalisch doch keine, die sich im immer selben Modus abspielen.

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