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Adele in Berlin : Sie schmettert, was das Zeug hält

  • -Aktualisiert am

Jetzt wird’s laut: Adele Bild: dpa

Der britische Soulstar Adele singt in der Berliner Mercedes-Benz-Arena. Mit so viel Wucht, dass man danach geplättet ist wie der Igel auf der Bundesstraße.

          3 Min.

          Über Jahre hat man versucht, jeden Kontakt mit der Sängerin Adele zu vermeiden. Indem sie plötzlich aufkam, war sie einem suspekt gewesen. Kaum war Amy Winehouse tot mit ihrer immerhin noch widerspenstigen Form des massentauglichen Retropop, schob die Musikindustrie eine gesundheitsverbesserte Neufassung ins Rennen, von der eine längere Lebensdauer zu erhoffen war. Früher soll Adele, so hört man, sich von Junkfood ernährt haben. Jetzt steht sie auf der Bühne der Mercedes-Benz-Arena in Berlin und berichtet davon, wie gesund sie leben muss, um die nächsten paarundsiebzig Konzerte durchzustehen, und was sie in den letzten Tagen gegessen und getrunken und nicht gegessen und nicht getrunken hat, und dass sie am Donnerstag Geburstag hatte, und dass sie in Berlin im Zoo gewesen sei, und der Zoo, der sei wirklich toll gewesen.

          Adele holt die Leute da ab, wo sie an der Ampel stehen. Wo sie in der U-Bahn sitzen. Zwischen Tiefkühlkost umherirren. Wo ihnen für Momente die Lebenskraft fehlen könnte, um mit der brutalen Banalität des Alltags weiterzumachen. Da taucht sie plötzlich aus Lautsprechern oder Ohrstöpseln auf und donnert los, dass das Banale wie eine Himmelsmacht erscheint. Und man sich vielleicht wieder aufraffen mag weiterzumachen. So wie die Kollegen. Wie die Nachbarn. Wie Heidi Klum. Zur Vorbereitung des Konzerterlebnisses hat Unterzeichnender eine Umfrage im Freundeskreis gestartet, was denn eigentlich an Adele toll sei (eine der wenigen Umfragen, an der sich freiwillig nur Frauen beteiligten), und die Hauptargumente für Adele waren: Dass sie eine Stimme habe. Und dass sie nicht wie ein Model aussehe. Ganz vereinzelte, mutige Frauen haben unter der Hand Dinge mitgeteilt wie: „Adele ist was für Soulmiezen, die keine Ahnung von Soul haben.“

          She's singin' in the rain

          Adele bringt eine Show mit, die sich gewaschen hat. Sie hat eine mächtige, kraftvolle Stimme, über die man sich vielleicht weltweit weniger wundern würde, wenn sie zur Leibesfülle auch noch mehr Hautpigmente zu Markte trüge. Vor allem aber, roter Faden, ist Adele darauf bedacht, alle zehn Minuten das Mädchen aus dem Volk zu geben. In jeder Sanges-pause erzählt sie auf eine launige Art die schlichtesten Dinge aus ihrem Leben und legt Zeugnis dafür ab, dass eben auch die schlichtesten Dinge, recht inszeniert, einen Anschein großer Bedeutung haben können. Regelmäßig kommt sie von einer ihrer Bühnen heruntergestiegen, worauf eine große aufgeregte Bewegung durch die Menschen geht, dann sucht sie sich Einzelne, die sie nach ihrem Namen fragt und die sie in kurze Konversationen verstrickt. Die sie in den Arm nimmt oder Selfies mit ihnen macht. Manchmal kann sie aus konzeptuellen Gründen gerade nicht von der Bühne herunterkommen und teilt aber mit, man könne ja, wenn man sich ausstrecke, ihre Hand berühren immerhin.

          Gern macht sie sich auch auf eine spontan wirken sollende Weise über die Projektionen ihrer selbst lustig, aus denen ihre Show auf der optischen Ebene besteht, Projektionen, die zunächst nur durch ihre absurde Größe bestechen, dann aber auch durch ihre fortschreitende Adele-Vermehrung: Erst spiegelt und verdoppelt sie sich. Schließlich begibt sie sich in ein deckenstrebendes Leinwändekarree, das vier riesige Adeles gleichzeitig singen lässt und in dem es sogar, wenn ein Lied von Regen handeln mag, zu regnen beginnt. Die Menschen reißt das zu einem weiteren ihrer Begeisterungsstürme hin, denn wann bekommt man schon mal Regen in einer Halle zu sehen. Kleinere Zwistigkeiten über die Frage, ob man im Unterrang einfach aufstehen und tanzen dürfe, wobei man anderen 90-Euro-Ticket-Inhabern die Sicht verdecke, geraten darüber rasch in Vergessenheit.

          Die lebende Windmaschine

          Adele schmettert, was das Zeug hält. Die Halle, so muss sie glauben, verlange das von ihr. Sie singt alles und jeden flach an die Wand. Einfach, weil sie es kann. Da aber der moderne Eventmensch gern nicht nur akustisch, sondern vollumfänglich, ganzheitlich niedergeschmettert werden will, helfen die dauernden Mammutprojektionen von Adeles Händen, Adeles Gesicht, Adeles Auge, tiefhängenden Wolken, Londoner Sehenswürdigkeiten in einer beklemmend symmetrischen Weise mit, das ekstatische Publikum flachzustampfen in einem multimedialen Gesamterlebnis, bei dem Adele, wir deuteten es an: Laut schmettert. Noch lauter schmettert. Schließlich, um ihr künstlerisches Statement festzunageln, wirklich beeindruckend laut schmettert. Durch eine Reihe rundum geliebter Stücke wie „Hello“, „Rumour has it“, „I miss you“ sirent sie sich hindurch, bis die Botschaft spätestens mit „Skyfall“ klar geworden ist. Um alle Anwesenden wieder ihrer Bodenständigkeit zu versichern, holt sie sich ein paar handverlesene Musiker vor den Vorhang und kündigt an, nun ein Akustikset zu spielen. Da wird es nachgerade grausam. Denn während Adele sich vorher mit ihrer Stimmgewalt immerhin noch gegen Riesenleinwändebohei und kleines Orchester stemmen muss, pflügt sie ihr nettes kleines Quintett einfach gnadenlos unter. Hallen-Adele, die lebende Windmaschine. Bei ihr kommt Kunst noch von Können. Stimmung von Stimme. Stimme von Stemmen.

          Und das ist schade. Denn es gibt ja einige Momente in Adeles Berliner Konzert, da man denkt: Oh, das könnte jetzt ein schöner, berührender Song sein, etwa die nächste Single „Send My Love (To Your New Lover)“, oder „Million Years Ago“, oder Bob Dylans „Make You Feel My Love“, oder auch ein paar der bekannteren Herzschmerznummern, die alle zu Bondfilmbombast aufgeblasen werden.

          So allerdings, sorry to say, verlässt man dieses Konzert geplättet wie der Igel auf der Bundesstraße, erschüttert statt gerührt. Atmet kurz durch draußen. Findet das übertrieben monumentale Werbelaufband rund um die Mercedes-Benz-Arena nachgerade dezent. Und freut sich, innerlich ertaubt, über jedes krächzende, rumpelnde, hupende, klingelnde, leis schabende, schiefe Geräusch des Großstadtverkehrs.

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