https://www.faz.net/-gqz-nnqg

Konzert : Sie im Stahlgeschäft?

  • -Aktualisiert am

Am Hochofen: Suzanne Vega Bild: dpa

Seltsam, wie das Sängerleben so spielt: Suzanne Vega erweist sich auch in ungewohnter Umgebung und im neuen, ganz und gar unaufdringlichen musikalischen Gewand als Meisterin der Teilnahmslosigkeit.

          2 Min.

          Der Hochofen, vor dem die Musiker Aufstellung beziehen sollen, ist noch resthaft erhalten. Überhaupt ist in der am Wochenende neu eingeweihten Gießhalle im Landschaftspark Duisburg-Nord vieles quasi naturbelassen und ganz so geblieben, wie es war, als es in dieser Stadt noch eine richtige Stahlindustrie gab. Eine sehr angenehme, nach hinten halb offene Halle ist das jetzt, die Platz bietet für rund neunhundert Zuhörer, mit ausfahrbarem Dach, viel rostig-braunem Stahl und Seitenwänden aus gitterhaft angeordneten Klinkern. Hier wurde also mal Stahl gekocht. Aber nur wenige Zuschauer bedauern den Lauf der Dinge: "Hier gibt es ja gar keine Industrie mehr."

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Es war auf jeden Fall ein charmanter Einfall von Thomas Wördehoff, der verantwortlich zeichnet für die exquisite Reihe Century Of Song auf der Ruhrtriennale, eine so gepflegte, fast schon ätherisch entschwindende Erscheinung wie Suzanne Vega in dieses Malochermilieu zu locken, quasi direkt vor den Hochofen. Ihre Berufsbezeichnung paßt zu dieser Reihe: Die Amerikanerin fand Mitte der achtziger Jahre dankbares und auch in Europa aufgeschlossenes Gehör, als das Publikum genug hatte von den Exzessen des Punk, Disco und Wave und die Wiedergeburt des klassischen Songwritertums derer von Baez, Saint-Marie und Mitchell freudig begrüßte.

          Nun stand sie da mit vier Begleitern, mit denen sie vorher noch nie etwas zu tun gehabt hatte. Dieses Musizieren aufs Geratewohl und nur mit ganz wenig Probezeit gehört zum schlüssigen Konzept des Century Of Song: Die Lieder werden auf ihre Halt- und Verwendbarkeit hin überprüft, ein Eignungstest, der neue Arrangements und Interpretationen nicht nur duldet, sondern verlangt. Daß der Sängerin dabei der amerikanische Jazzgitarrist Bill Frisell assistierte, hatte vorher die Vermutung aufkommen lassen, hier werde ein anerkannter Techniker eine Interpretin, die nicht dafür bekannt ist, Lieder zu zersingen, deren Tugend vielmehr die Zurückhaltung ist, in Grund und Boden spielen. Doch nichts dergleichen. Frisell stellte seine Virtuosität in den Dienst der guten Sache und sorgte für einen mal sacht swingenden, mal enspannten Sound, der eher Westcoast-Pop als Jazz war und den die übrigen Begleiter fest zusammenhielten. Vor allem Greg Leisz setzte Frisells singenden, wunderbar perlenden Tönen mit seiner steel guitar dezente Heuler entgegen, die das Ganze immer wieder in Richtung Country bugsierten.

          Der souverän und charmant agierenden Suzanne Vega konnte es recht sein. Ihr Folkstil blieb im wesentlichen unangetastet, naturgemäß am meisten bei ihren älteren Kompositionen wie "Marlene on the Wall" und "Luka", aber auch bei neueren Songs wie "I'll never be your Maggie Mae", ein Dokument weniger des Feminismus als vielmehr einfacher Selbstbehauptung, mit dem sie den melancholisch-unerfahrenen Chauvinismus des jungen Rod Stewart in seine Schranken verwies.

          Ein Ereignis aber war dieser Auftritt vor allem aufgrund der Fremdkompositionen. Aus dem abgründigen "Behind Blue Eyes" von den "Who" wurde eine transparente, fast schmerzfreie Ballade; einem selbst für Dylan-Verhältnisse textlastigen Lied wie "It's alright Ma (I'm only bleeding)" nahm die klare Stimme die höhnische Schärfe, aber nicht die Wirkung; Elvis Costellos "Beyond Belief", sicher ein Höhepunkt des entspannten Abends, erklang wuchtig und seines Zynismus weitgehend entkleidet, wenn man es nicht doch umgekehrt sehen will: Dem Verzicht auf Anteilnahme an dem, was sie singt, der seit je ihre Darbietungen auszeichnet, wohnte erst recht etwas Zynisches inne. Suzanne Vega erwies sich auch in ungewohnter Umgebung und im neuen, ganz und gar unaufdringlichen musikalischen Gewand als Meisterin der Teilnahmslosigkeit.

          Weitere Themen

          „Mank“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Mank“

          „Mank“ läuft ab dem 4. November bei Netflix.

          Topmeldungen

          Krise der Nationalelf : Löw und der heiße Brei

          Der Fußball-Nationalelf fehlt nicht die Feinarbeit, sondern ein Fundament. Doch an Kernfragen traut sich der Bundestrainer nicht heran – oder er findet die Antworten nicht.
          Die fragliche Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Bremen

          Anklage wegen Asylbescheiden : Was vom Bamf-Skandal übrig blieb

          Vor zweieinhalb Jahren sorgte die Bremer Asylbehörde für Aufregung: Dort sollen positive Bescheide ohne korrekte Prüfung bewilligt worden sein. Doch strafrechtlich ist von den Vorwürfen wenig übrig geblieben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.