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Konzert der Dead Kennedys : Toten Politikern macht keiner etwas vor

  • -Aktualisiert am

Er gibt sein bestes, um den charismatischen Vorgänger bei den Dead Kennedys zu ersetzten: Sänger Ron Skip Greer Bild: POP-EYE

Sie spielen den High-Speed-Punk mittlerweile sehr entspannt - aber sind die Dead Kennedys ohne ihren ehemaligen Frontmann Jello Biafra eigentlich noch sie selbst? Traumabewältigung bei einem Berliner Konzert.

          Man macht sich unbeliebt, wenn man ein Konzert der Dead Kennedys besuchen will. Aber nicht bei Vertretern des bürgerlichen Establishments, gegen die sich die anarchische Attitüde des Punkrock einst richtete, sondern bei den Propagandisten des weltweit agierenden Vereins zur Punk- und Rock-Traditionspflege. Das einst so progressive und vorwärtsgewandte Modernitätsmonster Rock leistet sich heute ein unnachsichtiges Elefantengedächtnis, verzeiht nichts und ist nachtragend bis zum Ende aller Tage. Ihre Hauskapelle ist Status Quo, aber nur wegen des Namens.

          Daher lautet ihr Verdikt: Seit Jello Biafra, der charismatische Frontmann und Texter fast sämtlicher Songs, die wichtigste Politpunkband der Welt für aufgelöst erklärte, gilt die immer mal wieder tourende Restformation unter Punkstalinisten als nicht satisfaktionsfähig. Aber warum soll eine Kapelle nicht ihre alten Lieder spielen dürfen, wenn sie mehrheitlich und einschließlich ihres Gründers beschließt weiterzuspielen? Dass Biafra fehlt und die toten Kennedys ohne ihn nur ein untoter Abklatsch sind, ist klar. Aber sind The Who, die derzeit noch mit fünfzig Prozent ihrer Originalbesetzung spielen, noch The Who? Sind AC/DC ohne Bon Scott AC/DC?

          Korrektur eines Lebensfehlers

          Darüber hatte ich mir keinerlei Gedanken gemacht, als ich nach Berlin fuhr, um eines der drei Kennedys-Konzerte in Deutschland mitzunehmen. Ich hatte sowieso keine Wahl, ich musste da hin. Aus therapeutischen Gründen. Um ein Jugendtrauma zu bewältigen.

          Es war 1982, ich war Jungpunk in der schwäbischen Provinz und hatte eine sehr schnelle und laute Platte, die ich in allerschwerster Rotation durch meinen Dual-Plattenspieler orgelte: „Fresh Fruit for Rotting Vegetables“ - das Premierenalbum der Dead Kennedys von 1980, bis heute die riesengrößte Punkplatte aller Zeiten. Eines Tages fragte mich ein Typ, ob ich nächste Woche auch nach Stuttgart führe, zum Dead-Kennedys-Konzert. Die größte Punkband aller Zeiten - ausgerechnet in Stuttgart! Was für ein Idiot, dachte ich, was erzählt der denn für einen Schwachsinn? Als ich eine Woche später erfuhr, dass der Auftritt im Stuttgarter Gustav-Siegle-Haus „voll stark“ und Jello Biafra in Bestform gewesen sei, wusste ich, dass ich diesen Lebensfehler irgendwann würde ausbügeln müssen: durch ein echtes Livekonzert dieser Band, welche die Hochgeschwindigkeit als musikalische Konstante in den Rock einpflegte, rigoros politisch war und mit bissigem Sarkasmus provozierte. Allein schon durch den Bandnamen.

          Souveräner Pogo-Tanz

          Außerdem sind ihre Songs aktueller denn je: Die toten Kennedys sangen und singen gegen destruktive Austeritätspolitik („Kill the Poor“), gegen bundesstaatlichen Imperialismus („California Über Alles“), industrielle Landwirtschaft („Chemical Warfare“), gegen die Böhsen Onkelz („Nazi Punks Fuck Off“), warben für ein neues Verständnis gegenüber Vermietern („Let’s Lynch the Landlord“) und für herrliche Urlaubsreisen in interessante Entwicklungsländer („Holidays in Cambodia“). Aber kann das alles auch ohne den tobenden, ramenternden, höllisch höhnischen Tremologesang Jello Biafras gehen? Um es ganz offen zu sagen: eigentlich schon.

          Traurigerweise ist ja fast jeder Mensch in weiten Teilen ersetzbar, wenn auch nie ganz. Dass beim Konzert in der Berliner Hasenheide zusätzlich noch der langjährige Drummer DH Peligro krankheitshalber ausfiel und durch Steve Wilson ersetzt wurde, war zu verkraften - lebt die Musik der kalifornischen Altpunks doch, von Biafras Gesang mal abgesehen, vor allen von der charakteristischen Gitarre East Bay Rays, die auf dem melodisch swingenden Bassfundament Klaus Flourides souverän Pogo tanzt. Bei den großen alten Kamellen verwandelte seine flirrende, verspielte, die Songs ironisch kommentierende Surfgitarre den Punk erst zur Musik. Der neue Sänger Ron „Skip“ Greer schlug sich, wie man so sagt, wacker und lieferte noch wackerer ab. Die Herrschaften trugen Casualzivil ohne Leder, Nieten und Schnörkel und droschen entspannt ihren hyperaktiven High-Speed-Punk. In dieser Disziplin macht ihnen eh keiner mehr was vor.

          Der starke einstündige Auftritt im ausverkauften „Huxley’s“ zehrte vor allem von den ersten drei Alben, leider spielten sie fast gar nichts von ihrer unvorstellbar getrümmerten EP „In God We Trust“ von 1981, wo etliche Stücke nur eine gute, wütende Minute lang sind. Die Kennedys klangen insgesamt ziemlich gut - nur die Gitarre war deutlich zu leise. Und der Gesang. Der Bass auch. Und das Schlagzeug. Eigentlich alles. Aber egal, der Berliner Gig war sehr okay. Eine legendäre Band spielt ihr altes, denkmalgeschütztes Zeug - zwar ohne ihre eigentliche Stimme, aber auch ohne irgendwelche Peinlichkeit. Das ist für eine tote Politikerband schon viel.

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