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Neunziger-Retro-Konzert : Blümchen & Co. sind wieder da

  • Aktualisiert am

Jasmin Wagner, alias Blümchen, bei ihrem Comeback-Konzert Bild: dpa

War das nicht gerade erst? Nun gelten die Hits der Neunzigerjahre schon als Oldies. Einige Veteranen der Stilrichtung „schrill und bunt“ traten Samstagabend in Gelsenkirchen vor fast 60.000 Zuschauern auf und sind, wie ihre Beats, mehr oder weniger gut gealtert.

          Es gibt wenige Werke, die so sehr Neunziger sind wie das Lied „Boomerang“ von Blümchen. Im dazugehörigen Musikvideo sieht man die Sängerin in Inlineskates und mit knallbunten Schleifen in den Zöpfen hysterisch an einer Strandpromenade entlang rasen. Im Beisein eines absurd blonden Sonnyboys singt sie: „Wie ein Boom, Boom, Boom, Boom, Boomerang, komm’ ich immer wieder bei dir an!“

          Am Samstagabend kann man festhalten: Es war keine leere Ankündigung, die Blümchen damals abgab. Man musste zwar fast 20 Jahre warten, aber nun ist sie tatsächlich wieder angekommen – zurück auf der Bühne. „Ich bin gekommen, um euch in Grund und Boden zu raven!“, ruft sie in das Publikum, das in der Gelsenkirchener Veltins-Arena schier ausflippt. 18 Jahre hat man dieses Blümchen nicht mehr gesehen. Das mag dazu beitragen, dass man nun umso inbrünstiger grölt: „Ich flieg’ so schnell ich kaaaaaann, in deine Umlaufbaaaaaahn!“

          Es ist ein Comeback. 2001 hatte Jasmin Wagner – wie die Sängerin bürgerlich heißt – ihre Teenie-Star-Identität Blümchen eigentlich eingemottet. Blümchen war, was man in Viva-Zeiten „Girlie“ nannte: Sehr jung, sehr bunt, ein bisschen keck. Sie war aber immer weniger Jasmin Wagner, die 20 Jahre alt geworden war und Abitur machen wollte. Blümchen verschwand also. Wagner wurde Schauspielerin.

          Man kennt sie noch

          Irgendeinen Weg zurück gibt es aber immer. In diesem Fall heißt er „Die 90er live“, eine große Retro-Show. Nicht nur Blümchen tritt hier auf, sondern auch andere musikalisch Überlebende: Haddaway („What Is Love“), der singende Zahnarzt Dr. Alban („Sing Hallelujah“), die Vengaboys („We’re Going To Ibiza“). Im Finale steht David Hasselhoff (66) auf der Bühne. Der ist zwar eher Achtziger, aber egal. Die Arena ist voll, der Veranstalter zählt sagenhafte 58.000 Zuschauer.

          Die Atmosphäre ist zwischen Nostalgie-Show, Junggesellenabschied und Großkirmes zu verorten, auch in puncto Alkoholkonsum. Quietschbunte Luftballons hängen über den Köpfen, Neon-Stirnbänder umwickeln Haar, in dem erste graue Strähnen zu sehen sind.

          Auftritt der niederländischen Band Vengaboys in Gelsenkirchen

          Kennzeichnend für Nostalgie ist, dass man sich vor allem an die guten Dinge von damals erinnert. Die negativen werden ausgeblendet. Das muss man wissen, um zu verstehen, wie man mit Neunziger-Hits heute eine Arena füllen kann. Musik-Feinschmecker mögen bei „Piep, piep, kleiner Satellit, sag ihm, dass es mich noch gibt“ (Blümchen) die Nase rümpfen – die Generation der heute 25- bis 40-Jährigen verbindet damit Erbauliches: das gepflegte Stickeralbum, das erste Handy, „Bum Bum“-Eis. Jede Revival-Welle funktioniert so.

          „Die Eurodance-Interpreten sind heute eigentlich Oldies“, sagt Marcus S. Kleiner, Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der SRH Hochschule der populären Künste in Berlin. Der sogenannte Eurodance, die dominierende Chart-Musik der Neunziger, sei ungemein erfolgreich gewesen. „Insofern ist es nicht verwunderlich, dass diese Musik recycelt wird. Man feiert da die Vergangenheit.“ Musikalische Qualität sei da zweitrangig – es gehe ja um den Spaß. „Da braucht es keine Tiefenhermeneutik eines Bob Dylan“, formuliert es Kleiner.

          „Es ist ein Lebensgefühl“

          Nach ihrem Auftritt sitzt Blümchen in den Katakomben des Stadions. „Viele meiner Freunde sind hier. Nicht nur wegen mir, sondern weil sie auch Neunziger-Kids sind. Weil das einfach ein Lebensgefühl ist“, sagt sie. „Ich versuche mich aber nicht selbst zu kopieren, sondern mit der Energie, die damals war, ein heutiges Modell zu schaffen. Mit ganz viel Nostalgie, aber auch mit ganz viel Abstand.“

          Singt Hallelujah: Der schwedisch-nigerianische Pop-Sänger Dr. Alban war auch dabei.

          Für ihr Comeback hat sie ihre Lieder sanft überarbeitet und mit „Computerliebe“ sogar eine neue Single rausgebracht. In Gelsenkirchen wird nicht ganz klar, wie viel Prozent des Publikums die Unterschiede bemerkt. Es ist immer noch sehr hoch und sehr schnell. Das ist aber auch nicht entscheidend. Weitere Auftritte sind schon geplant.

          Für die Musiker ist die Show gleichwohl ein Drahtseilakt. Die Neunziger waren auch in Sachen Style extrem. Zwängt man sich im reiferen Alter in die Outfits von damals, wirkt es albern. Zieht man plötzlich Abendkleid an, geht der Nostalgie-Faktor flöten. Bei Blümchen sieht es aus: Keine Inline-Skates und keine bunten Schleifchen – sondern ein rotes Kleid mit Riesen-Gürtelschnalle.

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