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Zum Tod von Aretha Franklin : Königin der Macht

  • -Aktualisiert am

Noch im April 2017 trat Aretha Franklin glamourös beim Tribeca Film Festival auf. Bild: dpa

Der Respekt, den sie 1967 einforderte, ist ihr sicher wie keiner Zweiten. Der Unterhaltungsmusik erschloss sie neue Dimensionen, mit ihr begann der moderne Soul: Zum Tod der amerikanischen Sängerin Aretha Franklin.

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          Dass der eigene Name zum Synonym für eine ganze Gattung wird, ist nicht vielen Musikern vergönnt. Für den Jazz wird man Louis Armstrong nennen dürfen, für den Blues, je nach Modernitätsgrad, Robert Johnson oder B.B. King, für den Country vielleicht Hank Williams und für den Rock’n’Roll Elvis Presley.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          Für den Soul kommt, dem Godfather-Triumvirat Ray Charles, Sam Cooke und James Brown zum Trotz, eigentlich nur Aretha Franklin in Frage. Sie brachte es sogar fertig, dass sie zum Inbegriff von (weiblichem) Popgesang wurde. Selbst die größten ihrer jüngeren Kolleginnen gaben dieser Tage, da das Sterben der 1942 in Memphis geborenen, in Detroit aufgewachsenen Sängerin eine gesamtamerikanische Angelegenheit wurde, an, sie hätten so singen wollen wie diese.

          Jeder, der im Winter 1967 dabei war, als sie in den Fame-Studios von Muscle Shoals, Alabama, ihre erste Platte für Atlantic Records aufnehmen sollte, erinnert sich an ein Naturwunder. Der Produzent Jerry Wexler, ihr zweiter Entdecker – der erste war der legendäre John Hammond von Columbia, der aus ihr eine zweite Dinah Washington oder eine zweite Barbra Streisand machen wollte, so genau wusste er das selbst nicht –, hatte begriffen, dass man dieser Künstlerin größtmögliche Freiheit lassen müsse. Alles sollte sich nach dieser molligen Frau am Klavier richten, die, wenn sie nicht sang, sich die Zeit mit einem Burger oder mit einer Zigarette vertrieb. Die Begleitmusiker, die besten Rhythmiker des Südens, waren skeptisch, ließen sich von ihr dann aber doch die ersten rollenden Akkorde vorgeben, aus denen sie improvisierend das Allerbeste machten. Als Aretha Franklin zu Spooner Oldhams so charakteristisch pumpender Hammondorgel schließlich den Mund aufmachte, kriegten sie den ihren nicht wieder zu und rannten zum Aufnahmeband, ob sie auch richtig gehört hatten.

          Aretha Franklin (hier 1973 bei einer Pressekonferenz in den Vereinigten Staaten) wurde am 25. März 1942 in Memphis geboren und wuchs in Detroit auf. Über ihren Vater kam sie schon früh zur Musik. Bilderstrecke
          Zum Tod von Aretha Franklin : Mehr als ein bisschen Respekt

          „You’re no good, heartbreaker, you’re a liar and you cheat...“: So beginnt, nur ganz leicht gaumig-belegt, wie von tief unten kommend, wo Leiden und Leidenschaft noch nicht auseinanderzuhalten sind, „I Never Loved A Man (The Way I Love You)“, eine Komposition von Ronnie Shannon, die Aretha Franklins erstem Atlantic-Album den Titel gab. Wenn es zutrifft, dass dieses Lied der Beginn und der Inbegriff des modernen Soul ist, dann deswegen, weil hier mit anstrengungsloser Kraft und einer über jeden Zweifel erhabenen Autorität gesungen wird. Man könnte natürlich auch Sam Cookes „A Change Is Gonna Come“ (1964) nennen, welches das damalige gesellschaftliche Bewusstsein sicherlich stärker geprägt hat. Aber das Besondere an jener Aufnahme, die man binnen einer Viertelstunde im Kasten hatte, liegt in der ungeheuren Sicherheit und Macht der Intonation, an der Natürlichkeit der Phrasierung, die, anders als bei ihrem Rock-Counterpart Janis Joplin, auf jede Rauhung verzichtet und dem Hörer eine bis dahin nicht gekannte Vorstellung dessen gibt, was Popgesang (auch) vermag. Der Begriff „Authentizität“ hat auch in der Musik normalerweise nichts verloren. Auf diese Sängerin könnte man ihn trotzdem anwenden. Ihre Stimme ist so unmittelbar Ausdruck ihrer Persönlichkeit wie bei Billie Holiday oder Bessie Smith.

          Die Gospel-Schule war zumindest damals für jeden Soul-Interpreten obligatorisch. Aretha Franklin hatte in ihrem eigenen Vater, Reverend C.L. Franklin, einen besonders charismatischen Lehrer, dessen Predigten veritable Schallplattenerfolge wurden. In diesem Elternhaus, in dem Sam Cooke und Martin Luther King verkehrten, wuchs eine im Grunde unbezähmbare Begabung heran, die es zunächst schwer genug hatte: früh die Mutter verloren, das erste Kind mit vierzehn, das zweite mit sechzehn, Frustrationen mit zu vielem Essen, später mit Alkohol begegnend; dann das sich über zehn Alben hinziehende Columbia-Missverständnis, aus dem sie aber eine gewisse stilistische Flexibilität mitnahm, die sie nach 1970 zu ihrem Vorteil zu nutzen wusste.

          Die integrative, Brücken zwischen Schwarz und Weiß bauende Dimension des Atlantic-Debüts hatte freilich einen bitter-ironischen Einschlag: Schon nach dem ersten Stück kam es zum Streit über die Begleitbesetzung, der mit rassistischen Bemerkungen ausgetragen wurde. Die Sängerin reiste unverzüglich ab. So blieb „I Never Loved A Man“ die einzige Muscle-Shoals-Aufnahme, der Rest wurde in New York eingespielt. Aus Otis Reddings eher intimem Liebesdrama „Respect“ buchstabierte sie einen gesellschaftlichen Schlachtruf, welcher der Civil-Rights-Bewegung einen zusätzlichen Schuss Selbstbewusstsein gab. Das übrige Fremdmaterial hatte sie genauso im Griff und legte in Gestalt von „Dr. Feelgood“ ihre erste vorzügliche Eigenkomposition vor.

          Die weiteren Atlantic-Produktionen blieben, bis einschließlich der ebenfalls Epoche machenden, in einer Baptistenkirche von Los Angeles eingespielten Gospelplatte „Amazing Grace“ (1972), die einer musikalischen Kernschmelze gleichkommt, konkurrenzlos und warfen binnen anderthalb Jahren zehn Top-Ten-Titel ab: „Do Right Woman – Do Right Man“, „Baby I Love You“, „(You Make Me Feel) Like a Natural Woman“, „Chain of Fools“, „Think“, um die wichtigsten zu nennen. Gipfel der Subtilität und Makellosigkeit erreichte sie mit Titeln abseits der Hitparaden: „You Are My Sunshine“, Curtis Mayfields „People Get Ready“ und, selbstgeschrieben, „All The King’s Horses“, verhalten vorglühende, sich dann mit kontrollierter Kraft in stählern schimmernde Höhen steigernde Dramen.

          Es verwundert, dass sie bis zum Ende des neuen Jahrzehnts bei Atlantic blieb. Die Platten wurden nach 1974 doch etwas unausgegoren. Ihre Stimme vermittelte zwar immer noch mehr Dynamik als die jeder anderen Kollegin, hatte aber bisweilen Mühe, sich in dem immer wahlloser zusammengestellten, übertrieben arrangierten und instrumentierten Material zu behaupten. Die schweren Atmer verflachten, die einstmals strahlenden Spitzentöne stumpften ab oder verunglückten im forcierten Schreien.

          Der Wechsel zu Arista 1980 brachte ohne Zweifel einen Vitalitätsschub. Der Labelboss Clive Davis hatte ihr ein Klanggewand geschneidert, das an Disco und zeitgenössischem R&B orientiert war. Platten wie „Aretha“ oder „Jump To It“, dazu Promi-Kollaborationen wie „Sisters Are Doin’ It for Themselves“ (mit Annie Lennox), „I Knew You Were Waiting (For Me)“ (mit George Michael) und vollends die kraftmeiernde Fassung von „Jumpin’ Jack Flash“ (mit Keith Richards) mochten respektable Erfolge sein. Aber dass aus ihr schon lange vor der Zeit die große alte Dame der Popmusik geworden war, ließ sich kaum noch kaschieren.

          Man soll Genies an ihren Meisterphasen messen. Aretha Franklin hatte ihre in dem halben Jahrzehnt von 1967 bis 1972, als sie der Unterhaltungsmusik mit einer bis dahin nur aus dem ernsten Fach bekannten stimmlichen Makellosigkeit eine neue Dimension erschloss. Späte Einspielungen zeigten immerhin, dass sie, die den Scat immer schon beherrscht hatte, auch gegenüber dem Hiphop, dem dominierenden Stil des neuen Jahrhunderts, keine Scheu zu haben brauchte, dieser aber bei Kolleginnen wie Lauryn Hill und Mary J. Blige, die ihr einiges verdanken – vor allem: dass alles eine Frage der personality ist –, besser aufgehoben war.

          Letzte Auftritte, die nicht nur Präsidenten zu Tränen rührten, gaben noch einmal eine Ahnung von der menschlichen und künstlerischen Integrität dieser Frau. Der Respekt, den sie 1967 gefordert hatte, war und ist ihr sicher wie keiner Zweiten. Die Natürlichkeit und Tiefe ihrer Stimme werden noch lange über den Tod hinaus, der nun zu vermelden ist, nachhallen. Am Donnerstag ist Aretha Louise Franklin, dieses ewige Gesangswunder, im Alter von 76 Jahren in Detroit gestorben.

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