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Elton John zum Siebzigsten : König Kuschelkater

Elton John bei einem Konzert in der Münchner Olympiahalle (2008) Bild: dpa

Vergesst endlich die Gitarrenzupfer, das Klavier ist die wahre Abschussrampe der Rock-’n’-Roll-Rakete. Zum Siebzigsten des Popstars Elton John.

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          Hätte man auf seinem ersten Popularitätshöhepunkt in den Siebzigern irgendwelche Fußgängerzonenmenschen gefragt, wo Elton John wohl geboren wurde, wäre den meisten wahrscheinlich nur eingefallen: „In der Muppet Show.“ Wo, wann und wie sonst, wenn nicht während einer Märchenkindheit unter bunten Filzpuppen, kann sich der als Reginald Kenneth Dwight geborene Mann, der heute Sir Elton Hercules (!) John heißt, diese unfassbaren Kostüme angewöhnt haben, diese transzendentalen Brillen, diese knödeldicke gute Laune?

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Der Menschentyp, den er darstellt, war im Unterhaltungswesen nicht vorgesehen – ein Glitzerschwiegersohn wie Liberace schien er nur auf den ersten Blick, der zweite enthüllte eine sehr seltsame Sorte Rocker: Sein 1973er Schnappmesserhit „Saturday Night’s Alright For Fighting“ etwa hört sich nicht erst in der 1988er Coverversion der Heavy-Metal-Band Flotsam & Jetsam an, als hätte das Stück nur einer schreiben können, dessen Sozialisation mit dem Zerstechen der Fahrradreifen einer ungeliebten Kindergartenbetreuerin begonnen hat. Weder Zierfisch noch Hai, weder Nachtigall noch Dreckspatz, irgendwie beides und keins von beidem, wie ein Jugendlicher, der zwar jederzeit alten Damen über die Straße hilft, aber vielleicht nur, weil es auf der anderen Seite weniger hell ist und er sie dort deshalb besser ausrauben kann.

          Elton Johns bester Biograph, David Buckley, erzählt, dass er selbst den Sänger lange nicht recht mochte, weil jener anfangs so amerikanisch geklungen habe, obwohl er Engländer sei – der Verdacht der Verstellung, des Unredlich-Schauspielerischen, hängt dem Sohn eines britischen Luftwaffensoldaten und einer Angestellten des Milchkonzerns United Dairies bei Leuten, die ihre Rockmusik möglichst von Hand aus dem Bauchfell gepflückt haben wollen, bis heute an: Dabei ließ die Musikerziehung, die er im Elternhaus genossen hatte, an Nährkraft nichts zu wünschen übrig – der Vater schenkte ihm zum siebten Geburtstag anstelle des ersehnten Fahrrads Sinatras „Songs for Swingin’ Lovers“, die Mutter machte ihn früh mit Bill Haley und Elvis Presley bekannt.

          Als Pianist in Pubs hat der spätere Stadionringmeister die nötige Ausdauer und Improvisationselastizität gewonnen; 1967, also vor einem geschlagenen halben Jahrhundert, begann er eine der stabilsten Kollaborationen der Popgeschichte, die Zusammenarbeit mit seinem Stammlyriker Bernie Taupin, der ihn zu „Captain Fantastic“ zurechtdichtete, einer Kunstfigur, die über sich selbst in der dritten Person singen konnte, sie sei „hardly a hero/ just someone his mother might know.“ Beim von der Mama geförderten Rock-’n’-Roll-Studium war also ein Mensch entstanden, der aus emotionaler Isolation („meine Jugendfreunde waren die Stimmen der Lautsprecher“) Sehnsuchtsfunken und Euphoriefeuerwerke zu schlagen lernte, aus denen leinwandbreite Großbrände wurden – als Rockmusik mit Macht ins Gigantomane drängte, während der Siebziger, war Elton John als Gigant zur Stelle, und noch zwanzig Jahre nach dieser olympischen Zeit hat er bei seiner Ölgemäldemusik zu Disneys „Lion King“ (1994) mit Farbwerten georgelt, in deren Leuchtsturm die Trickfilmkunst des Megastudios zum Daumenkino zusammenzuschrumpeln drohte.

          Durch mehrere Kleinepochen der Popgeschichte hielt sich der Mann zwischen Plüschexzessen des Camps und robust autoradiotauglichen Rückgratdemonstrationen wie „I’m still standing“ (1983) kerzengerade am Klavier – ein Kunststück zweifellos, dessen Geheimnis sein Stilprinzip ist, das man verstehen lernt, wenn man eine seiner markantesten Nummern mit einer anderen vergleicht, die ein ebenso künstlerisch Langlebiger aus derselben Branche über denselben Songstoff geschrieben hat: „Rocket Man“ (1972), als elegische Untermalung zum wunderbar offenen Serienende von „Californication“ im Jahr 2014 gerade wieder erfolgreich gezündet, handelt wie David Bowies „Space Oddity“ (1969) anschaulich von der Weltraumfahrt als dem passenden Stimmungsbild für zeitweilige bis lebenslange Einsamkeiten in der global durchmediatisierten Massenzivilisation. Beide Songs singen damit von etwas, wofür genausogut die Seefahrt stehen könnte, der Empfindungsgehalt deckt sich mit Freddy Quinns „Die Gitarre und das Meer“ (1959) oder „Junge, komm bald wieder“ (1962). Während aber bei Bowie die Weltraumkälte mit unendlicher Reflexion droht, weil sie aus dem klügsten Kopf des Genres kommt, und nur von selbst erhaben kaltem Witz daran gehindert werden kann, den Song mit Bedeutungsoverkill zu töten, liegt die Kälte bei Elton John gleichsam auf der Hand, nein: auf der Haut – wie die Erinnerung an einen Abschiedskuss. Bowies Kunstzweck ist Entrückung, Elton Johns ein bittersüßes Behagen.

          So ein Ansatz gilt bei Popintellektuellen schnell als spießig – der seit spätestens zwanzig Jahren häufigst erhobene Einwand gegen Elton John lautet, er bediene mehr und mehr nur noch Leute, die sich aus der Bahn-Kundenzeitschrift „mobil“ darüber informieren, wann die nächsten Musicals aus London nach Deutschland durchgereicht werden. Als der Mann noch schrill war, heißt es dann, sei er gut gewesen – warum aber soll ein schwuler Exzentriker nicht genauso verbürgerlichen dürfen wie heterosexuelle Punks, Spontis oder Raver, denen man das ohne weiteres nachsieht? In Alan Moores Roman „Jerusalem“ (2016) kommt eine drogenabhängige Prostituierte vor, deren großer Lebenstrost Phantasien über die verstorbene Princess of Wales sind, jene Lady Diana Spencer, deren Requiem Elton Johns „Candle in the Wind“ (1973) war, ein ursprünglich Marilyn Monroe gewidmeter Regenwindschmachtklassiker. Kulturkritisch Beschäftigte äußern oft Gedanken wie den, Menschen wie diese Prostituierte würden von solchen Phantasien daran gehindert, die Gesellschaft umzustürzen, die sie verelenden lässt. Realisten aber könnten erwidern, dass solche Leute damit weniger am Aufstand gehindert werden als vielmehr am Verzweifeln und Zerbrechen. Am heutigen Samstag wird Elton John, der ihnen beim Überleben hilft, so gut er kann, siebzig Jahre alt.

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