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Köln ohne Popkomm : Radiowellen, Realitätsschocks und Gerede

  • -Aktualisiert am

Gegenprogramm aus der Vergangenheit: Motörhead beim Kölner „Ringfest” Bild: dpa/dpaweb

Nach dem Verlust der Musikmesse „Popkomm“ feiert Köln einfach weiter: Im Rheinpark steckte an diesem Wochenende hinter jedem Busch ein DJ, Realitätsschocks gab 's auf dem Ringfest und fürs Gerede einen Kongreß.

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          Ein komisches Fiepen dringt aus der Uferböschung. Klanginstallation? Seltener Vogel? Einfach nur Ratten? Was die Akustik angeht, ist man dieser Tage in Köln in steter Alarmbereitschaft - besonders im von üppigen Blumenrabatten durchzogenen Uferstreifen des Rheinparks, eines charmanten Überbleibsels zweier Bundesgartenschauen und Hauptschauplatz des Popfestivals "c/o pop". Das Terminloch, das die mitsamt den großen Plattenfirmen nach Berlin abgewanderte Musikmesse "Popkomm" im letzten Jahr in den Hochsommer riß, hat sich binnen Jahresfrist in einen tönenden Schalltrichter verwandelt.

          Natürlich sind die zwei Schatzsucher, die mit ihren Metalldetektoren den gerne für abendliche Grillpartys genutzten Rheinstrand nach verlorenen Euros absuchen, keine Tonproduzenten im herkömmlichen Sinne. Und doch passen sie in die Kölner Musiklandschaft, die seit Karlheinz Stockhausen auch den knarzenden, raschelnden und pfeifenden Kosmos zweckfreier Geräusche einschließt. Stockhausens Erben tragen heute Trainingsjacken und Umhängetaschen und bevölkern die Ränge eines am Ende des Rheinparks gelegenen Amphitheaters aus verwittertem Kiesbeton. Das DJ-Team "Sieg über die Sonne" beschallt die matschige Tanzfläche am späten Nachmittag mit knackigem Elektrofunk.

          Hinter jedem Busch steckt ein DJ

          Doch die klassizistische Form des Musikgenusses täuscht. Denn an diesem Wochenende steckt hinter jedem Busch ein DJ mit seinem heiligen Kabelsalat, aus jedem Transistorradio quillt über eine Geheimfrequenz eine pulsierende Geräuschwolke, und selbst in den Bäumen haben die Bastelfreunde von der Kunsthochschule für Medien zirpende Roboter aus Panasonic-Chips, Gummibändern oder Glühbirnen versteckt. In diesem Jahr noch auf drei Wochen verteilt, bündelt das Festival "c/o pop" die unter der Adresse Kölns versammelten Szenen und schöpferischen Kräfte - und setzt mit dem Schwerpunkt auf der Elektronik zugleich einen Kontrapunkt zur dieser Tage auf allen Kanälen gepredigten Rückkehr ins eiserne Zeitalter des Rock.

          Wem zwischen all den Kopfhörern und Laptops nach halben Nächten in den Klubs der Stadt die harte Wirklichkeit abhanden kam, der konnte sich am Samstag abend auf dem "Ringfest" beim Auftritt der Heavy-Metal-Legenden von "Motörhead" einen erfrischenden Realitätsschock holen und auf der Großleinwand über dem Menschenmeer den bösen Südstaaten-Truckerfahrer-Backenbart des Sängers Lemmy Kilmister bestaunen. Doch der auratische und fast handgreifliche Musikbegriff, den die Frontschweine von "Motörhead" in Reinkultur verkörpern, gehört längst der Vergangenheit an. Denn Popmusik hat sich mit dem Zusammenbruch der Plattenindustrie nicht nur von ihren scheibenförmigen Trägern gelöst. In ihrer körperlosen Form als Datenpaket verschmilzt sie zugleich mit den Geräuschkulissen unserer technischen Umwelt, mit Klingeltönen und Computersoundtracks. Der zweitägige Kongreß "mem - music entertainment media", im entspannten Ambiente der Rheinterrassen ausgerichtet, erkundete das Schicksal der Popmusik im Kontext der Unterhaltungsmedien. Im Gegensatz zur alten "Popkomm" fehlten Firmenstände, Hostessen und Werbegeschenke. Statt dessen suchte die reine Diskussionsveranstaltung einen dritten Weg zwischen kulturkritischer Untergangsrhetorik und blindem Technikfetischismus.

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