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Kim Frank meldet sich zurück : Junimond, das ganze Jahr

Hoffnungsloser Melancholiker: Kim Frank Bild: dpa

Mit der Teenie-Band „Echt“ löste Kim Frank Ende der neunziger Jahre auch unter Jüngeren einen Deutschpop-Boom aus, ohne den der Erfolg von „Tokio Hotel“ kaum denkbar wäre. Jetzt ist er mit einem Soloalbum zurück.

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          Es war das Pop-Phänomen 1998: Deutsche Songs waren wieder hip, und umgehend hatten sich alle Mädchen im Teenageralter in den Botschafter dieses Trends verliebt. Pech hatten nur die, deren beste Freundinnen ihre Ansprüche an den Sänger der Schülerband „Echt“ zuerst angemeldet hatten – die mussten dann ersatzhalber den Bassisten toll finden. Der war zwar auch recht anbetungstauglich, doch ging ihm die leichte Tragik ab, die Kim Frank schon als Sechzehnjährigen umflorte.

          Ignoranz oder Weltabgewandtheit?

          Eine Ausstrahlung, die sich als praktisch erwies, als der Sänger 2001, kurz vor der Bandauflösung wegen musikalischer Differenzen, bei Harald Schmidt den Albtraum aller PR-Berater ablieferte: Er wisse nicht einmal, wo dieses Taliban eigentlich liege, erklärte er dort – eine Aussage, nach der jeder andere als ignorant oder schwachsinnig abgestempelt worden wäre. Bei Kim Frank allerdings hatte das etwas Weltabgewandtes, das man sich nur leisten kann, wenn man entweder eine wirklich gute Stimme oder den Blick eines frisch aus dem Nest gefallenen Kükens hat.

          Frank hat beides, und diese Kombination rettete ihm sein Image und die Chancen auf ein Comeback, die er allerdings jahrelang nicht nutzte. Er fotografierte andere Bands, versuchte sich an einem kurzen Ausflug ins Filmfach (Leander Haußmanns „NVA“) – doch vor allem vergrub er sich in seinem Haus. Ein Reporter, der ihn dort in dieser Zeit besuchte, beschrieb ihn als depressiv und zugekifft; ein Urteil, das Kim Frank später mit großer Gelassenheit handhabte: Er sei gegen die Legalisierung von Haschisch, und nach der Trennung seiner Band sei er nun einmal lethargisch gewesen und habe mit heftigen Magenschmerzen zu kämpfen gehabt.

          Herbststimmung im Vorfrühling

          Dieser Trennungsschmerz ist nun auch auf seiner ersten Solo-Platte „Himmelblau“ zu spüren. Der Titelsong handelt von einem Gefühl der absoluten Sorglosigkeit und ist mit Abstand das positivste Lied auf der Platte. Denn ansonsten hat sich seit dem immens erfolgreichen „Du trägst keine Liebe in dir“ und dem Rio-Reiser-Cover „Junimond“ nicht viel verändert im Gefühlshaushalt des Flensburgers. Es geht um misslungene Beziehungen, Trennungen, Einsamkeit, Selbstzweifel und Sehnsucht. Musikalisch bleibt es bei eingängigem Gitarrenpop, und eigentlich erscheint diese Platte entweder ein halbes Jahr zu früh oder zu spät, denn sie transportiert eine derart herbstliche Stimmung, dass man ihr schon mal für September einen Platz im CD-Player reservieren möchte:

          Die Melodien lassen einen noch etwas die Sonne spüren, aber im Text stecken schon die einsamen Spaziergänge durchs Laub, bei denen man seinen Weltschmerz kultiviert, bevor man nach Hause geht, um Bukowski zu lesen und Zynismus zu tanken für die gemeine Welt da draußen. „Vorbei, vorbei / die Zeit zu zweit / ich fühl’ mich bereit für die Traurigkeit“ heißt es in der Single-Auskopplung „Lara“. Der „Echt“-Sound lebt auch mit Kim Frank als Solokünstler weiter. Nur der Bassist, der wird einigen sicher fehlen.

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