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Deutscher Rapper Kelvyn Colt : An der Teenager- Erwachsenen-Grenze

  • -Aktualisiert am

Der Rapper Kelvyn Colt Bild: Yassine Taha

Kelvyn Colt, aufgewachsen in Wiesbaden und im Internet, ist ein neuer Typ deutscher Rapper: Auf Englisch besingt er seine Einsamkeit, Depressionen und andere Gefühlsprobleme für junge Fans auf der ganzen Welt.

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          Ohne dass jemand etwas dafür getan hätte, war das Publikum nach wenigen Songs sortiert. Vorn an der Bühne schubsten sich die Teenager im Kreis herum, formten die Finger zu Herzen, und ihre ungläubigen „Oh“-Rufe fragten: Hat er das gerade wirklich getan? Weiter hinten in der Bar, durch eine unsichtbare Altersgrenze getrennt, standen möglichst lässig die über Zwanzigjährigen herum, schauten einander leicht peinlich berührt an, und ihre ungläubigen „Oh“-Rufe fragten: Das hat er gerade nicht wirklich getan?

          Vielleicht ist es am Ende so einfach. Ein Altersding. Wer siebzehn ist, fühlt Kelvyn Colts Musik, findet sie schön, wahr und deep, ungefähr so, wie früher Siebzehnjährige Hesse-Bücher schön, wahr und deep fanden. Ist man ein paar Jahre älter, erinnert man sich zwar noch daran, dass man ähnliche Musik ebenfalls mal für tiefgründig hielt, schämt sich aber auch ein bisschen dafür und ist dankbar, nicht mehr siebzehn zu sein. Und sehr neidisch.

          Ein paar Stunden vor dem Konzert in Hamburg, dem letzten von Kelvyn Colts erster, gleich ausverkaufter Tour, sitzt man mit dem in Wiesbaden geborenen Rapper und seiner Managerin in einem Hotel, um ihn zu interviewen, weil Kelvyn Colt momentan sehr schnell unterwegs ist auf dem Weg nach oben. Die Musikvideo-Plattform „Vevo“ hat ihn in eine Liste internationaler Künstler aufgenommen, denen sie nächstes Jahr den Durchbruch zutraut; „Head & Shoulders“ verwendet einen seiner Songs in einem Werbespot; in Amerika vertritt ihn seit kurzem Empire, das Label von Superstars wie Tyga und dem verstorbenen XXXTentacion. Das Ego könnte also ganz gut aufgepumpt sein.

          „Wissen die bei der AfD, wie viel Steuern ich zahle?“

          Wie er dann in der Hotellobby sitzt, in der Rapper-Uniform Jogginghose plus Kapuzenpullover, ist Kelvyn Colt ein grundsympathischer Typ, interessiert und reflektiert, und es gibt absolut nichts, was man an ihm kritisieren könnte. Er erzählt von seinem Aufwachsen in Wiesbaden mit einer deutschen Mutter und einem nigerianischen Vater, dem Auf und Ab, von den Jahren an einer Privatschule und der Zeit, als seine Eltern mit ihrem Restaurant Insolvenz anmelden mussten, und von dem Hin und Her zwischen deutschen Mittelschichtsfreunden, englischsprachigem Elternhaus und nigerianischen Verwandten überall auf der Welt.

          Sein Vater ermunterte ihn früh, Gedichte zu schreiben, die Gedichte wurden zu Songs, und als Kelvyn Colt nach dem Abitur nach London zog, war das Studium, Unternehmensmanagement, nur der Vorwand für die Eltern und fürs Gewissen, eigentlich aber war klar, er wollte dort Rapper werden. Hat geklappt. Mit vierundzwanzig pendelt Kelvyn Colt nun zwischen London, Berlin und Amerika, wechselt im Interview von Deutsch zu Englisch, der globale Kreative, liebstes Hassobjekt aller Rechtsnationalidentitären. „Ich beschäftige drei Leute“, sagt Colt dazu, und irgendwie schafft er es, nicht arrogant zu klingen. „Wissen die bei der AfD, wie viel Steuern ich zahle?“

          Dann hat sich die Sache gelohnt

          Bevor es jetzt zu rührend wird, ergänzt er schnell, dass er auf keinen Fall der gute Migrant sein will, ein Integrationsvorbild, dessen Musik es der weltoffenen Gesellschaft ermöglicht, sich noch ein bisschen weltoffener zu fühlen. „Ich bin Deutscher. Das war’s. Und ich hoffe, es wird selbstverständlich, dass Musik wie meine aus Deutschland kommt.“

          Mit Deutschrap, grob zweigeteilt in oft von Migranten gemachten Straßenrap (Haftbefehl, Capital Bra) und Stadienrap (Marteria, Bausa) hat Kelvyn Colt wenig zu tun, nicht nur, weil er nicht auf Deutsch rappt. Für die Straßenrapper ist er nicht böse genug, nie Kleindealer gewesen, kein Unterschichtenkind, aber vom kuscheligen Stadienrap trennt ihn, was er trotzdem erlebt hat, das Querhängen zwischen den Welten, Rassismus. Colts Erfolg, und der von Rappern wie Serious Klein und Juju Rogers, zeigt, dass sich viele in den englischen Songs deutscher Schwarzer wiederfinden: Womöglich, weil es einige Teenies gibt, die mit mehreren Sprachen und Kulturen aufwachsen, ohne deshalb gleich in Neukölln aus dem Mercedes-AMG Drogen zu verkaufen; womöglich, weil es einige junge Erwachsene gibt, die auch schon mehr als einmal in Berlin, London und Amerika waren und wie Kelvyn Colt gern über ihre Gefühle reden.

          Kelvyn Colt schreibt schwebende Emo-Hymnen, sie ähneln den Songs des im Sommer erschossenen XXXTentacion aus Florida, einem der größten Teeniestars Amerikas. Wie der rappt und singt Colt mit einer Wahnsinnsstimme zu sphärischen Beats seine Texte über Einsamkeit, Depressionen, Psychomüll, und ob man die für schlau oder schlimm hält, entscheidet sich eben ungefähr entlang der Teenager-Erwachsenen-Grenze. „Nur weil du lebst, heißt das nicht, dass du am Leben bist“, singt Colt im Refrain seines größten Hits, „Bury Me Alive“.

          Wenn sich davon ein paar Teenager verstanden fühlen, hat sich die Sache gelohnt, und wahrscheinlich würde man die Lieder ja auch fühlen, wenn man einer wäre. Sowieso: Alles ist besser als Hesse.

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