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Keith Richards : Er kam, um die anderen Helden abzumelden

  • -Aktualisiert am

Und spielt und spielt Bild: AP

Sein Überlebenswille ist noch gewaltiger als der seiner Band: Keith Richards, der große Gitarrist der „Rolling Stones“, hat längst mythische Dimensionen erreicht. An diesem Donnerstag wird er sechzig.

          An einem Herbsttag des Jahres 1961 wartet ein ambitionsloser Kunststudent am Bahnhof seiner Heimatstadt Dartford auf den Zug. Aus der Entfernung sieht er einen Burschen, der ihm bekannt vorkommt. "Hi, Mann!" sagt er, darauf der andere: "Wo willst du hin?" Da bemerkt er, daß der Angesprochene Platten unter dem Arm hat, Blues-Platten des Chicagoer Chess-Labels: Chuck Berry, Little Walter und Muddy Waters. "Was, du hast Chuck Berry?!" fragt er. "Klar", sagt der andere, "ich habe noch mehr davon." Man wird sich schnell einig - "ich singe, du spielst Gitarre" -, der Rest ist bekannt.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Etwas Ausgefalleneres gab es damals in ganz England nicht als den amerikanischen Blues und Rock'n'Roll, in dessen Namen sich Mick Jagger und Keith Richards nach langer Funkstille zufällig trafen. Diese Begegnung war die Ur- oder zumindest die Schlüsselszene der britischen Rockmusik. Schon auf ihrer allerersten Platte imitierten die "Rolling Stones" die schwarzen Vorbilder mit jener schmutzigen Feinnervigkeit, die sie als richtige Rhythm&Blues-Band auswies und vom scheppernd-harmlosen Stil der ganz frühen "Beatles" abhob. Das Kommando fiel dabei dem haltlosen, aber charismatischen zweiten Gitarristen Brian Jones zu, dessen Experimentierlust den Plänen des Managers Andrew Loog Oldham mehr entsprach als das schnörkellose, mundfaule Musikantentum des Keith Richards. Dieser beschränkte sich auf ein Leadgitarrenspiel, das sich mit der Rhythmusarbeit von Jones zwar gut vertrug, aber keinen besonderen Kontrast dazu bildete.

          Ein armer König

          Bei ihrem ersten Aufnahmetermin in den berühmten Chess-Studios von Chicago 1964 mußten die "Stones" ihre Instrumente schon nicht mehr selber tragen. Das nahm ihnen ein kräftiger Mann ab, der Richard sofort auffiel: "Er war ganz in Weiß gekleidet, hatte Farbspuren im Gesicht und strich die Decke." Der Mann hieß Muddy Waters, Richards konnte es nicht fassen: "Das haut dich um: Der König des Blues muß Malerarbeiten machen." Der Blues war im Gegensatz zum Jazz die Musik der Unterprivilegierten, und Muddy Waters war in diesem Reich ein armer König. Es darf als die Lebensleistung der "Stones" angesehen werden, daß sie, indem sie sich von gesellschaftlichen und kulturellen Vorstellungen lösten und neue vorgaben, den Blues aus seiner untergeordneten Stellung befreiten. Dies wäre ohne Keith Richards nicht möglich gewesen. Bei dem Sohn eines Vaters mit vielen Berufen und Enkel eines Tanzkapellensaxophonisten war das weniger eine Frage des Klassenbewußtseins als des Respekts vor den Gründervätern, den er auch im größten Erfolg nicht ablegte.

          Und spielt und spielt Bilderstrecke

          Weil ihm der Blues ein Wert an sich war und kein bloßes Karrierevehikel, fiel er auf den überkandidelten Oldham, der aus den "Rolling Stones" einen way of life machen wollte, aber von der Musik kaum etwas verstand, nicht herein. Er konzentrierte sich auf seine Arbeit und stand mit den 1965 in den RCA-Studios von Hollywood aufgenommenen Jagger/Richards-Kompositionen "The Last Time" und "Satisfaction" plötzlich als Klangmeister da. Die Band hatte sich vom eigentlichen Rhythm&Blues emanzipiert, dessen Wurzeln aber nicht gekappt. Mit der wichtigen Platte "Aftermath" von 1966, die als erste ausschließlich Jagger/Richards-Lieder enthielt, war Jones bereits an den Rand gedrängt; zwei Jahre später, auf "Beggars Banquet", spielte er schon keine Rolle mehr.

          Aufreizendes Spiel

          Ihr so ökonomisches wie aufreizendes Spiel bedeutete etwas Neues in der Rockmusik, und Keith Richards sah es als seine Aufgabe an, die Monotonie, die in der begrenzten Akkordzahl lag, nicht als Hemmnis zu begreifen. Im Gegensatz zu den anderen großen britischen Rockgitarristen wie Eric Clapton, Jeff Beck, Pete Townshend und Peter Green, in deren Reihe er nur bedingt gehört, verwendete er seine Energie darauf, die Feinheiten innerhalb eines sehr begrenzten Spektrums auszuloten und auch für den Country nutzbar zu machen, dem er wunderbar warme Akzente verlieh. Mit langen Soli oder Rückkopplungen fiel er dabei nicht lästig.

          Die Verpflichtung eines technisch überlegenen Musikers wie Mick Taylor, der den verstorbenen Brian Jones im Juli 1969 ersetzte, hätte jeder anderen Band Schwierigkeiten bereitet. Richards aber übernahm nun dauerhaft die Rhythmusgitarre und neidete es dem jungen Taylor nicht, daß dieser mit seinem singenden, elegisch-empfindsamen Stil Glanzlichter setzen durfte. Erst dank Richards kühlem Kopf nämlich schwang sich die Band zu ihren besten Leistungen auf - bis einschließlich des Doppelalbums "Exile On Main St." von 1972.

          Perfekte Schlager

          Geschult an alten Bluesplatten, hatte er eine Technik entwickelt, die er als offene Stimmung bezeichnete: Das ging oft in D-Dur und manchmal auf nur fünf Saiten, deren höchste er eine Oktave tiefer stimmte. Als Songschreiber hielt er es mit Vorbild Chuck Berry und machte aus den zwölf Takten, die das Bluesschema vorsieht, perfekte Schlager. Diese ließen der Phantasie noch genügend Spielraum und bewiesen ihre Lebensfähigkeit auch außerhalb des Studios. Sein Gefühl für den richtigen groove hat dabei selten versagt. Keith Richards war kein Tüftler; das Beste flog ihm so zu, oft und wie zum Beleg für die prinzipielle Ruhelosigkeit der "Stones"-Musik in Hotelzimmern. So entstanden diese einzigartigen Riffs, die neben denen Pete Townshends die Quintessenz der Rockmusik sind. Ihr erdiger, dreckiger Klang ist so ungewöhnlich, daß man ihn überall sofort heraushört.

          Einzigartig ist der Überlebenswille der "Rolling Stones" im allgemeinen und des Gitarristen im besonderen. Mit seiner Heroinsucht, die ihm früh am Gesicht abzulesen war, setzte er den Fortbestand der Band genauso aufs Spiel wie Mick Jagger mit ganz anders gelagerten Eskapaden. In zehn Jahren wurde er sechsmal verhaftet. Eine Zeit lang schlief er mit einem Revolver unter dem Kopfkissen; nur sein kleiner Sohn Marlon, um den er sich rührend kümmerte, durfte ihn wecken. Die Bestimmung dieser wahrhaft coolen Hälfte der Glimmer Twins war es, die großen, jungen Toten der Rockmusik, von denen er leicht einer hätte werden können, alle zu überleben.

          Dies gelang ihm, weil er die Macht, welche die Drogen über ihn hatten, mit einem Fatalismus akzeptierte, der das Gegenteil von Labilität war. Mittlerweile haben seine Vitalität, seine Zähigkeit und diese wie aus der Zeit gefallene Aura robusten, unendlich routinierten Musizierens jene mythischen Dimensionen, die ihm im Falle eines frühen Ablebens wohl versagt geblieben wären. Die Energie, mit der ein Jagger/Richards-Song abschnurrt, ist freilich immer noch da. "Don't Stop" heißt ein neuer. Das hat der Mann, dessen sechzigsten Geburtstag wir an diesem Donnerstag feiern, wohl auch nicht vor.

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