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Keith Richards : Er kam, um die anderen Helden abzumelden

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Aufreizendes Spiel

Ihr so ökonomisches wie aufreizendes Spiel bedeutete etwas Neues in der Rockmusik, und Keith Richards sah es als seine Aufgabe an, die Monotonie, die in der begrenzten Akkordzahl lag, nicht als Hemmnis zu begreifen. Im Gegensatz zu den anderen großen britischen Rockgitarristen wie Eric Clapton, Jeff Beck, Pete Townshend und Peter Green, in deren Reihe er nur bedingt gehört, verwendete er seine Energie darauf, die Feinheiten innerhalb eines sehr begrenzten Spektrums auszuloten und auch für den Country nutzbar zu machen, dem er wunderbar warme Akzente verlieh. Mit langen Soli oder Rückkopplungen fiel er dabei nicht lästig.

Die Verpflichtung eines technisch überlegenen Musikers wie Mick Taylor, der den verstorbenen Brian Jones im Juli 1969 ersetzte, hätte jeder anderen Band Schwierigkeiten bereitet. Richards aber übernahm nun dauerhaft die Rhythmusgitarre und neidete es dem jungen Taylor nicht, daß dieser mit seinem singenden, elegisch-empfindsamen Stil Glanzlichter setzen durfte. Erst dank Richards kühlem Kopf nämlich schwang sich die Band zu ihren besten Leistungen auf - bis einschließlich des Doppelalbums "Exile On Main St." von 1972.

Perfekte Schlager

Geschult an alten Bluesplatten, hatte er eine Technik entwickelt, die er als offene Stimmung bezeichnete: Das ging oft in D-Dur und manchmal auf nur fünf Saiten, deren höchste er eine Oktave tiefer stimmte. Als Songschreiber hielt er es mit Vorbild Chuck Berry und machte aus den zwölf Takten, die das Bluesschema vorsieht, perfekte Schlager. Diese ließen der Phantasie noch genügend Spielraum und bewiesen ihre Lebensfähigkeit auch außerhalb des Studios. Sein Gefühl für den richtigen groove hat dabei selten versagt. Keith Richards war kein Tüftler; das Beste flog ihm so zu, oft und wie zum Beleg für die prinzipielle Ruhelosigkeit der "Stones"-Musik in Hotelzimmern. So entstanden diese einzigartigen Riffs, die neben denen Pete Townshends die Quintessenz der Rockmusik sind. Ihr erdiger, dreckiger Klang ist so ungewöhnlich, daß man ihn überall sofort heraushört.

Einzigartig ist der Überlebenswille der "Rolling Stones" im allgemeinen und des Gitarristen im besonderen. Mit seiner Heroinsucht, die ihm früh am Gesicht abzulesen war, setzte er den Fortbestand der Band genauso aufs Spiel wie Mick Jagger mit ganz anders gelagerten Eskapaden. In zehn Jahren wurde er sechsmal verhaftet. Eine Zeit lang schlief er mit einem Revolver unter dem Kopfkissen; nur sein kleiner Sohn Marlon, um den er sich rührend kümmerte, durfte ihn wecken. Die Bestimmung dieser wahrhaft coolen Hälfte der Glimmer Twins war es, die großen, jungen Toten der Rockmusik, von denen er leicht einer hätte werden können, alle zu überleben.

Dies gelang ihm, weil er die Macht, welche die Drogen über ihn hatten, mit einem Fatalismus akzeptierte, der das Gegenteil von Labilität war. Mittlerweile haben seine Vitalität, seine Zähigkeit und diese wie aus der Zeit gefallene Aura robusten, unendlich routinierten Musizierens jene mythischen Dimensionen, die ihm im Falle eines frühen Ablebens wohl versagt geblieben wären. Die Energie, mit der ein Jagger/Richards-Song abschnurrt, ist freilich immer noch da. "Don't Stop" heißt ein neuer. Das hat der Mann, dessen sechzigsten Geburtstag wir an diesem Donnerstag feiern, wohl auch nicht vor.

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