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Katy Perry im Konzert : Oops, schon wieder ein Mädchen geküsst!

  • -Aktualisiert am

Ich bin nur ein Mensch wie ihr: Katy Perry in Köln Bild: dpa

Das Produkt Katy Perry folgt den Gesetzen des amerikanischen Showgeschäfts: Sie hat sich ein ironisch verspiegeltes Pin-up-Image verpasst und ein Hitalbum maßschneidern lassen. Doch das Kölner Konzert zeigte Perrys Grenzen auf.

          Auf der Bühne des Kölner Palladiums steht eine, die wohl nicht anders kann. Die Neuseeländerin Phillipa Brown ist groß – größer als ihre männlichen Bandkollegen – und erinnert in ihrer gekrümmten Körperhaltung eher an Joey Ramone als an irgendeine Kollegin. Wenn sie nicht singt, schrammelt sie stoisch auf ihrer Fender-Gitarre und schüttelt ihre blonden Haare; Kommunikation ist ansonsten offenkundig nicht so ihr Ding. Unter dem Namen Ladyhawke hat Brown vergangenes Jahr eines der besten Pop-Alben seit langer Zeit veröffentlicht. Kylie Minogue und Courtney Love begeisterten sich beide für die schlaksige Achtundzwanzigjährige, und auch die Musikpresse war sich einig, dass hier endlich mal wieder jemand der alten Mühle ein paar Umdrehungen verpasst hat.

          Dass Ladyhawke dann doch kein Star wurde, liegt daran, dass Phillipa Brown sehr zum Ärger ihrer Plattenfirma nahezu jede Form von Promotion boykottierte – sie leidet unter dem Asperger-Syndrom, einer Form von Autismus, und wenn man beobachtet, wie sie trotz völliger Nichtkommunikation mit ihrer Musik die ganze Halle in ihren Bann schlägt, ist man geneigt, die fast anachronistische Dichte ihrer Stücke ebenfalls ihrer Krankheit zuzuschreiben: Alles, was in ihr steckt und brodelt, scheint in diese pumpenden, mitreißenden Songs zu fließen, die oft klingen, als hätten sich Fleetwood Mac, Kim Wilde und Blondie auf ein paar perfekte Pop-Songs verabredet.

          Sie hat stets mitgespielt

          Die Musik von Ladyhawke hat alles, was großen Pop stets ausmacht und doch nur selten zu finden ist: Glamour und Sehnsucht. Zwei Dinge, von denen der Hauptact keine Ahnung hat. Aber darum geht es bei Katy Perry auch gar nicht. Die Kunstfigur oder besser: das Produkt Perry folgt den Gesetzen des amerikanischen Showgeschäfts: Wo sich Ladyhawke verweigerte, hat die als Katheryn Hudson geborene Perry stets mitgespielt. Nach Anfängen in der christlichen Musik hat sie sich ein ironisch verspiegeltes Pin-up-Image verpasst und von versierten Produzenten ein Hitalbum maßschneidern lassen. Ihr dies anzulasten ist so müßig, wie ihrem großen Hit „I Kissed A Girl“ Kalkül vorzuwerfen. Katy Perry hat schlicht dafür gesorgt, dass ihr medialer Appeal möglichst viele Käufergruppen – von homosexuellen Pop-Fans bis hin zu kleinen Kindern – anspricht.

          So hyperaktiv wie eine quirlige Kinderfernsehmoderatorin auf Amphetaminen

          Zum Konzert sind vor allem die kleinen Kinder gekommen. Mit aus Katy-Perry-Fotos zusammengebastelten Papptafeln stehen sie da und warten. Ein paar spielen Abklatschspiele miteinander, andere sitzen auf den Schultern ihrer Eltern und sehen zu, wie nach dem Vorprogramm die Kulissen für Katy Perrys Auftritt – Plastikflamingos und ein weißer Jägerzaun – auf die Bühne geschleppt werden. Um 22 Uhr kommt die Frau aus Santa Barbara zum Beach-Boys-Song „California Girls“ auf die Bühne gerannt. Im Hintergrund blinkt unter ihrem Namensschriftzug ein beleuchtetes Herz, ansonsten entpuppt sich das Bühnenbild als ironisierte, in Pink und Weiß gehaltene Fünfziger-Jahre-Idylle. Im Retro-Bikini springt Perry von einem Bühnenende zum anderen, reißt die Augen auf und singt „Fingerprints“, einen dieser typischen Selbstbestimmungssongs, wie man ihn von amerikanischen Pop-Produkten oft hört, oft auch schlechter. Die meisten dieser Freundinnen-Rockpop-Lieder sind, wenn auch stets auf einem einzigen wuchtigen Loudness-Level runtergeschrubbt, ganz gut gemacht.

          Erdbeereis fürs Publikum

          Katy Perry selbst ist so hyperaktiv wie eine quirlige Kinderfernsehmoderatorin auf Amphetaminen. Deutlich unroutinierter als erwartet plappert sie mit quäkender Stimme übers Wetter, über Kalifornien und über böse Boyfriends. Zwischendurch klemmt sie sich auch schon mal auf die Schultern eines überfordert dreinschauenden Saalordners, redet mit ihrer Plastikkatze Kitty Perry oder wirft Erdbeerballons ins Publikum. Einmal haut sie, auf und ab hüpfend, mit einer Spielzeuggitarre auf den Boden ein, und als irgendwann eine Banane auf die Bühne fliegt, schaut sie nur gespielt konsterniert in die Halle und sagt ausdruckslos: „Penis.“

          „I Kissed A Girl“, an dem so viele eine Queerploitation-Debatte entzünden wollten, die hier niemanden interessieren dürfte, kommt natürlich ganz am Ende. Dazu klettert Perry im pinkfarbenen Katzenkostüm in den Bühnengraben: „Shut up!“, herrscht die große Freundin aus Amerika ihre delirierenden Fans an. „I’m a human being just like you.“ Und dann, am Ende des Songs, wird tatsächlich geküsst.

          Oben auf der Empore steht Phillipa Brown und wippt mit. Unten hängt Katy Perry mit aufgerissenen Augen über der Publikumsabsperrung und nimmt alles an Zuspruch mit, was sie bekommen kann. So wollte sie das wohl.

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