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Kanye Wests neues Album „Ye“ : Die Welt bin ich

Kanye West Ende August 2016 im New Yorker Madison Square Garden Bild: AP

Wieder einmal stellt der Rapper Kanye West in Frage, was es heißt, Künstler zu sein, ein Ich zu haben, und ob es sonst noch etwas gibt: Sein Album „Ye“ ist eine Skizze – und als solche interessant.

          Wie angenehm waren die Zeiten, als es die Musikindustrie noch gab. Als man Wochen im Voraus sicher wusste, wann das Album eines verehrten Künstlers erscheinen würde. Man konnte die Vorfreude steigern, indem man die bestehenden Alben noch einmal hörte, konnte die Musikmagazine studieren, die einen verbindlichen Stand verfügbaren Vorwissens übersichtlich aufbereiteten, und am Stichtag ging man in den Plattenladen, und da war es, das Album, es war tatsächlich wirklich da, in Vinyl oder auf CD, jedenfalls als Objekt, das man in der Hand halten und für immer mit nach Hause nehmen konnte.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Heute, da Leute wie Kanye West überhaupt keine richtige Plattenfirma mehr haben, außer ihrer eigenen, und den ganzen Prozess, wie ihre Musik zum Hörer kommt, selbst kontrollieren, und das unter Gebrauch derselben Produktionsmittel, die jeder Mensch verwendet, nämlich Laptop und Internetanschluss, verhält es sich mit der Ankündigung eines neuen Albums ungefähr so wie mit der Ankündigung eines Freundes, später noch die gemeinsamen Urlaubsfotos per Wetransfer zu schicken: Irgendwann kommt halt die Mail mit dem Link.

          Wer jedenfalls am Freitag in das Musikgeschäft hineinging, weil Freitag seit Wochen als der Tag bekannt war, an dem das neue Kanye-West-Album erscheinen sollte, der fand dort nichts Entsprechendes vor. Wer aber ins Internet hineinging, erfuhr, dass Kanye West nachts, als alle Europäer schliefen, dazu aufgerufen hatte, eine bestimmte App herunterzuladen, die es um Mitternacht Ortszeit erlauben sollte, per Livestream an einer prominent besetzten Listening Session auf seiner Ranch in den Rocky Mountains teilzuhaben. Die war nun leider vorbei, und leider sind ja inzwischen auch alle Orte trockengelegt, an denen man sich einst einfach eine illegale Kopie besorgt hätte. Und das Albumcover, das Kanye West, wie seine Gattin Kim Kardashian kolportierte, noch schnell aus dem Fenster des fahrenden Wagens auf dem Weg zur Listening Session geschossen haben soll, war ausschließlich auf Kardashians Instagram-Feed zu sehen: ein Schnappschuss der Berge von Wyoming, sanft verwischt durch die Bewegung des Automobils, darauf wohl mit Finger auf Handydisplay schnell dahingekritzelt ein Sinnspruch von diesem bösen, heiteren Witz, für den man Kanye West eben lieben kann: „I hate being bipolar it’s awesome“.

          Unter Inkaufnahme fremder und eigener Opfer

          So verließ man sich für den Rest des Tages darauf, dass West, sobald er seinen Rausch ausgeschlafen und sein Handy in die Hand genommen hätte, dort auf den Button drücken würde, der das Album auf den bekannten Streamingplattformen erscheinen lassen würde. Bis die Musikblogs begannen voneinander abzuschreiben, dass man sich zum Hören erst wiederum eine andere bestimmte App herunterladen müsse, auf der das Album dann um achtzehn Uhr deutscher Zeit auftauchen würde. Nerv.

          Es ist das verlässliche Sender-Empfänger-Verhältnis der alten kulturindustriell organisierten Zeit einer nervtötenden Umständlichkeit und Unübersichtlichkeit gewichen. Man ist den Hyper-Egos, wie Kanye West eines ist und seine Frau Kim Kardashian auch, jetzt vollkommen ausgeliefert, wenn man sich denn für sie interessiert.

          Warum aber, fragen Sie jetzt, sollte man sich denn überhaupt für sie interessieren?

          Weil der am kommenden Freitag 41 werdende Kanye West einer der interessantesten Kulturproduzenten der Gegenwart ist, vergleichbar vielleicht noch mit den rätselhaften Ausstellungen der Fondazione Prada; weil sich durch die Betrachtung beider Institutionen ein relativ präzises Bild der medialen Kondition der Gegenwart gewinnen lässt, dessen, was Veröffentlichen in einer Zeit wackliger Wände, leckschlagender Räume und der totalen Überblendung von privatem und öffentlichem Content bedeutet. Weil West neue Formen dafür findet, was es in einer hysterischen Handyöffentlichkeit, in der sich ein Selbst fortlaufend ungefiltert in die Welt einschreiben kann, denn heißt, ein Selbst in der Welt zu sein. Weil er wie wenige andere Künstler sein Medium nutzt, um zu untersuchen, was unter diesen veränderten Produktionsbedingungen ein Künstler ist und was ein Werk. Und das glücklicherweise nicht, indem er ein schlaubergerisches Erkenntnisinteresse vor sich herträgt; nicht indem er eine Analyse in Theorie übersetzt und diese in Musik, sondern indem er auf dem durch Handys beförderten Narzissmus reitet und schaut, wo er ihn hinträgt, unter Inkaufnahme fremder und eigener Opfer.

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