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Justin Biebers Album „Changes“ : Tiefer als der Ozean

Justin Bieber, in Pose für „Changes“ Bild: dpa

Nach fünf Jahren veröffentlicht Justin Bieber am Valentinstag ein neues Album, widmet es seiner Frau – und offenbart damit mehr über die Musikkultur als über die Liebe im 21. Jahrhundert. Gut so.

          3 Min.

          Am wenigsten, das hat uns die Literaturgeschichte gelehrt, gibt es von glücklich verliebten Menschen zu lernen. Während die Melancholie voller Abstufungen und Töne ist, gleicht sich jedes Liebesglück irgendwie, es geht um Begegnungen im Mondschein, Gefühle, tiefer als der Ozean, Warten in Sehnsucht und bedingungslose Liebe. Entweder, man fühlt sich so, dann ist es im Strom des Hochgefühls völlig egal, was man liest, welche Musik man hört oder welcher Film gerade kommt. Oder eben nicht, dann wird man misstrauisch: Größenwahn mag vielleicht im Liebesrausch entstehen, Übermut und kreativer Drang. Aber doch keine Kunst!

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Vielleicht ist das nicht das geeignete Thema zum Valentinstag. Vielleicht vertrauen wir doch besser in die Kraft der Popmusik und hören uns an, was Justin Bieber am 14. Februar veröffentlichen wollte, immerhin fünf Jahre nach seinem letzten Album, immerhin unter dem Namen „Changes“ und nach Ankündigung einer musikalischen Liebeserklärung. Bieber ist jetzt 25, er sieht erwachsen aus mit seinen blond, manchmal pink gefärbten Haaren, dem Schnurrbart und den vielen Tattoos, gezeichnet, gewissermaßen. Hatten vor ein paar Jahren noch vereinzelte, irrlichternde Kritiker den Sockel seines Popmonuments mit Hohn bekleckert, ist nun wirklich allseits anerkannt, dass Justin Bieber zu den großen Stars des 21. Jahrhunderts gehört.

          Zurück zu den Wurzeln?

          Bei der Vorstellung von „Changes“ in London sagte der Popstar, das Album sei „ihr total gewidmet“, und dass er hoffe, das komme rüber. Es geht um das amerikanische Model Hailey Baldwin, das Bieber vor nicht allzu langer Zeit geheiratet hat und dem er auf Instagram immer wieder Gedichte widmet. Er sprach auch über die Gänsehaut beim Gedanken, immer mit ihr zusammen zu sein. Dann erfuhr man, dass sich für ihn in letzter Zeit viel verändert hat (sic!) und er zugleich zu seinen Wurzeln zurückgekehrt ist.

          Es ist eine Aneinanderreihung von makellos produzierten Tracks wie „Intentions“ (Ermächtigungslyrik für jemanden, der beim Selfiemachen keinen Filter braucht und ein gerechtes Herz hat) und „Changes“ (vom Verlangen, der absolut Beste für eine geliebte Person zu sein, bei aufsteigendem Lalala). Vieles ist dann doch gleich geblieben, auch die schon ältere bedingungslose Liebe, die Bieber zelebriert, die zu Gott. Zum Glück sind aber auch solche Songs dabei wie „Forever“, ein komplexes Stück mit drängendem Beat, aufgenommen mit dem großartigen Post Malone. Und am Ende, wenn man durch ist, wundert man sich wieder einmal, wie sehr diese cremige Stimme zum Sound des öffentlichen und halböffentlichen Raums geworden ist, von Kaufhäusern, Bars, Taxis, Fahrstühlen, Kundentoiletten, Billiardzimmern, was für ein wohliges Gefühl von Altbekanntem er erzeugt.

          Von einem Profi, der mit 15 berühmt wurde und einen Großteil seines Lebens im Scheinwerferlicht verbrachte, war nichts anderes zu erwarten. Justin Bieber hat mit Diplo, Usher, Ed Sheeran, David Guetta, Nicki Minaj und vielen anderen gearbeitet. Was man so hört, lässt darauf schließen, dass er trotz allen Ruhms ein netter Typ geblieben sein soll. Im Video von „Intentions“ sind Mitarbeiter und Bewohner des „Alexandria House“, einer Organisation für heimatlose und krisengeschüttelte Frauen und Kinder, zu sehen – am Ende der Hinweis auf einen Spendenfonds. Und alle liebten Biebers Auftritt bei James Cordens Carpool Karaoke, wo er sich in vertraulichem Ton einfach nur ein sicheres, geschütztes Leben wünschte.

          Profi zu sein bedeutet aber auch, sieben unterschiedliche Videos für die das Album ankündigende Single „Yummy“ zu produzieren und seinen internationalen Fans zu erklären, wie man Spotify um seinen Standort betrügt, damit es in der ersten Woche nach der Veröffentlichung mit der Nummer Eins der amerikanischen Billboard Charts klappt. Und auf einem Album, das pure Liebe sein soll, nicht viel Zeit damit zu verschwenden, Drogensucht und Depressionen zu verhandeln. Dafür ist Platz in der Doku-Serie „Seasons“, die Ende Januar Premiere hatte und in der Bieber zugibt, die Nächte in Überdruckkammern zu verbringen: „Den Leuten ist nicht klar, wie abhängig ich war. Ich bin fast gestorben“.

          „Yummy“ etwa wurde schon für die Serie produziert und ist einer der Songs, der mehr nach RnB klingt als nach glattem Pop: ausgestattet mit einem Beat, der auf mehr verweist. Das kommt dann auch auf „Chances“, im Song „Get Me“ zum Beispiel, in dem die kalifornischen RnB-Sängerin Kehlani einen Gastauftritt hat. Für den einen oder anderen „I don’t Care“-Fan klingt dieser Bieber-Sound vielleicht gewöhnungsbedürftig. Aber es ist genau die Ecke, aus der seine schläfrig säuselnde Stimme kommen muss, um lässig zu klingen und eigen, um den nie ganz verstummenden Ohrwurmton des Massenpop zu überlagen.

          „Purpose“, Biebers letztes Album, klang nach Therapie und Antithese: Es ging um einen jungen Künstler und das Leben, ihn und die Öffentlichkeit, ihn und die Frauen („Now I need you, not a moment later - Losin' it, I'm so delirious“). „Changes“ klingt nach Hingabe, und, wenn man die Beatmaschinenleier einmal außer Acht lässt, nach 21. Jahrhundert und subtilem Bass. Das ist schon neu. Muss auch die Idee von Liebe neu sein?

          When you come around me
          Treat me like you miss me
          Even though you've been with me

          Ein wartender Liebender am Fenster („E.T.A.“), eine Hymne auf die Gewohnheit („Habitual“), ein Schein von Sehnsucht (“Come Around Me“). Manchmal ist es doch ganz schön, wenn alles einfach ist und klar, und wenn die Liebe so klingt wie man es erwartet. Besonders am Valentinstag.

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