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Neues Album von Joy Williams : Wer denkt da noch an Bürgerkrieg?

  • -Aktualisiert am

Als spielten ein paar Freunde nur für sich: Auf dem Album „Front Porch“ kultiviert Joy Williams amerikanische Hausmusik. Bild: F.A.Z.

Rückkehr zum Folk: Die Sängerin Joy Williams, bekannt durch das Duo The Civil Wars, hat ein gemütliches Soloalbum aufgenommen. „Front Porch“ markiert für die Sängerin auch einen biographischen Wendepunkt.

          Wenn das rechtschaffene Ehepaar am Wochenende Besuch erwartet, dann gibt es dampfenden Eintopf. Irgendwann, wenn der Abend hereinbricht und es überall still zu werden beginnt, setzt sich die ganze Gesellschaft noch ein bisschen raus auf die Veranda, und einer holt die Gitarre hervor und stimmt ein paar alte Songs an. Zu genau einem solchen Abend lädt die amerikanischen Singer-Songwriterin Joy Williams mit ihrem neuen Album ein.

          „Front Porch“ heißt ihre neue Scheibe und enthält die Art von Songs, die man an einem regnerischen Vorabend hören möchte. Zugegeben: Es wäre eine ziemlich große Veranda nötig, damit nicht Willams’ halbe Band im Regen stehen müsste. Dass an dem Album immerhin sieben Instrumentalisten beteiligt waren, hört man den Liedern aber erst mal gar nicht an. Im Gegenteil: Die Balladen kommen sehr leicht daher, getragen allein von der mit akustischer Gitarre begleiteten Frauenstimme. Wärme und Intimität prägen die Atmosphäre auf „Front Porch“ – es ist, als spielten da tatsächlich ein paar Freunde nur für sich.

          Gemütlicher Abend auf der Veranda

          Joy Williams ist zurückgekehrt, dahin, wo sie herkommt. Und das ist der Folk, mit dem sie bekannt wurde. Fünf Jahre lang arbeitete sie mit John Paul White im Duo The Civil Wars, das mit traditionellen Kompositionen für Gitarre und Gesang Erfolg hatte. Auf dem neuen Album widmet sie sich also wieder ihrem angestammten Genre, und das ist erfreulich. Für das vorherige Album, „Venus“, hatte die heute 36 Jahre alte Musikerin nämlich ausgiebig mit Drumcomputern und Synthesizern experimentiert. Das Ergebnis waren ein paar aufgekratzt poppige Stücke, die sich auf einem durchweg planlosen Album mit melodramatischen Ausbrüchen abwechselten. Die Stimme jammerte mit dem Klavier um die Wette, und die Streicher taten ihr Übriges. Dagegen ist die Reduziertheit von „Front Porch“ eine Wohltat. „Come on back to the front porch / Whatever you’ve done / It doesn’t matter“, heißt es wie zur Entschuldigung im Titelsong: Was war, spielt jetzt keine Rolle mehr, denn ein ganz neuer Lebensabschnitt steht an.

          Den Versuch, das Vergangene ruhen zu lassen, unternimmt Joy Williams nämlich nicht nur in musikalischer Hinsicht. Denn „Front Porch“ markiert für die Sängerin auch einen biographischen Wendepunkt, wie sie dem Musikmagazin „Rolling Stone“ letzten Herbst erzählte. Ihr Vater war an Krebs gestorben, dann kam die Auflösung der Civil Wars. Williams zog mit ihrem Ehemann von Los Angeles wieder in ihre Heimatstadt Nashville. Während sie ihr zweites Kind erwartete, spielte sie ein paar der neuen, in der alten Heimat geschriebenen Songs vor. Video-Aufzeichnungen, die im Netz zu sehen sind, dokumentieren die Begeisterung des Publikums. Aus diesem Material fügte sich schließlich „Front Porch“ zusammen.

          Joy Williams: 
„Front Porch“.

Thirty Tigers (Alive)

          Auf dem fertigen Album sind die Instrumente sorgfältig um Joy Williams’ Gesang herumarrangiert, was schon in den ersten Minuten viel stimmiger wirkt, als es „Venus“ in seinen besten Momenten war. Den Rhythmus besorgt eine akustische Gitarre, während sich die Violine und die dem Country-Repertoire entliehene Pedal-Steel-Gitarre immer brav abwechseln, so dass die Sache nie in dem Maß überbordet wie der Vorgänger. Eine Tendenz hin zum Seichten hat sich aber auch in die neusten Kompositionen eingeschlichen. Die melancholisch-sehnsüchtige Grundstimmung auf der Platte ist zwar schön, mit der Zeit werden die Balladen allerdings ein bisschen fad. Man hätte sich zur Auflockerung den einen oder anderen lebhaften Song gewünscht, was angesichts der Country-Anklänge auch stilistisch durchaus gepasst hätte. So aber kommt nur bei „When Creation Was Young“ und ganz am Schluss, auf „Look How Far We’ve Come“, ein ganz bisschen Fahrt auf, was insgesamt aber zu wenig ist.

          Auch in der alten Heimat muss man sich zuweilen erst wieder zurechtfinden. Manche der Läden von früher gibt es nicht mehr, dafür einige neue. In dieser Zeit ist die Routine wichtiger als die Abwechslung. Denn erst wenn man sich wieder auskennt, kann man seinen Alltag unterbrechen. Dasselbe könnte man auch über Joy Williams und ihre Rückkehr zum Folk sagen. Der erste Abend auf ihrer Veranda – „Front Porch“ – war gemütlich, aber nächstes Mal wird sie den Eintopf vielleicht noch würziger hinbekommen und wieder ein paar aufregendere Geschichten auf Lager haben. Darauf können wir uns schon auf dem Heimweg freuen. Und beschweren wollen wir uns schon gar nicht – schließlich war man ja eingeladen.

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