https://www.faz.net/-gqz-7j22d

Joni Mitchell zum Siebzigsten : Es gibt leider immer zwei Möglichkeiten

  • -Aktualisiert am

Joni Mitchell in den achtziger Jahren auf der Bühne Bild: picture-alliance / jazzarchiv

Sie war die Personifikation des jugendbewegten Folk. Und begnügte sich damit nur kurze Zeit. Sie war es auch, die mit erschreckender Ehrlichkeit und Klarheit das Scheitern voraussang. Joni Mitchell zum Siebzigsten

          2 Min.

          Derzeit verzeichnet Joni Mitchell auf Youtube 2.801.600 Clicks. Zu sehen ist ein Auftritt im Jahr 2000, bei dem sie „Both sides now“ singt, ihren größten, 1964 selbst geschriebenen und -komponierten Hit. Die Stimme ist spröde, kratziger sogar als die schartigen Töne einer Marianne Faithful, die, wie Joni Mitchell, einstmals mit glockenklarem Gesang betörte. Der Eindringlichkeit des Lieds vom trügerischen Leben, das immer Doppelböden aufreißt, schadet das nicht. Im Gegenteil: die leidgetränkten Töne erzeugen Gänsehaut. Kein Wunder, dass dafür 3 Millionen Zuhörer sieben Minuten lang den Datenstrom der Computer anhalten.

          „Both sides now“ war weltbekannt, noch ehe Joni Mitchell bekannt war: Judy Collins, seinerzeit die Junggöttin des Folk, nahm 1967 das Lied der noch als Geheimtipp geltenden Mitchell auf. Ein Jahr später - gerade hatte Buffy Saint Mary, eine weitere Folkheroine, Mitchells „The Circle Game“ aufgenommen - besuchte David Crosby ein Konzert von Joni Mitchell im Coconut Grove in Florida, war elektrisiert und produzierte mit Mitchel ihr erstes Album „Song to a Seagull“.

          Die höchsten Töne. Und die hoffnungslosesten

          „Chelsea Morning“, zuvor als Cover-Version mit Judy Collins erfolgreich, wurde nun der Hit seiner Schöpferin. „Both sides now“ ebenfalls, gefolgt von „Tin Angel“. Mit einem Grammy und drei Alben - bei zweien hatte die ehemalige Kunststudentin die Cover gemalt - wurde Joni Mitchell 1969 zum Woodstock-Festival eingeladen. Ihren Auftritt verhinderte der ungeahnte Massenandrang. Doch aufgeputscht von der Atmosphäre, schrieb die Sängerin „Woodstock“, die Hymne jener Ära, zuerst jubelnd von Crosby, Stills, Nash and Young, dann verhaltener von ihr selbst gesungen. Überhaupt war Joni Mitchell mit ihrer zerbrechlichen Figur, den glatt fließenden langen Haaren, den perlenden Akkorden ihrer Gitarre und dem kristallenen Sopran, der mühelos in gutturale Tiefen fand, die Personifikation des jugendbewegten Folk. Aber sie war es auch, die mit erschreckender Ehrlichkeit und Klarheit das Scheitern voraussang. Die analytische Schärfe entsprang persönlichem Leid: Mit acht Jahren, geboren im kanadischen Nest Fort Macleod, hatte sie eine Kinderlähmung überstanden; als blutjunge hilflose Studentin in Toronto hatte sie ein Kind zur Welt gebracht und zur Adoption freigegeben. „My child’s a Stranger“ sang sie 1982 in ihrem Song „Chinese Cafe“. Die allgemeingültige Botschaft benannte die Fremdheit, die sich unversehens zwischen Eltern und Kindern auftun kann; die persönliche war Reue und Anklage. So übertraf sie die übliche, in angenehmes Moll gehüllte Trauer sonst gängiger Folksongs.

          Mit Letzteren begnügte sich Joni Mitchell ohnehin nur kurze Zeit. Schon in den siebziger Jahren arbeitete sie mit Jazzmusikern, mischte Rock, Rhythm & Blues, Gospel und Klassik in ihre Songs. Weitere Grammys, Tourneen und zahllose Cover-Versionen ihrer Lieder durch berühmte Kollegen waren die Folge. „Blue“ ein Album jener Zeit, gilt heute als eine der wichtigsten Aufnahmen des zwanzigsten Jahrhunderts.

          Joni Mitchell in den sechziger Jahren auf einer Treppe
          Joni Mitchell in den sechziger Jahren auf einer Treppe : Bild: Picture-Alliance / Photoshot

          Sie habe sich in den achtziger Jahren gefühlt wie die „Zellophanhülle einer Zigarettenschachtel“, durchsichtig, benutzbar, sagte die Kettenraucherin Mitchell einmal. Zu sich selbst habe sie gefunden, als ihre Tochter sie endlich ausfindig gemacht und sich mit ihr versöhnt habe. Auf das öffentliche Eingeständnis folgte neue Kreativität. Anhaltend: 2002 wurde ihr Album „Travelogue“, an dem Herbie Hancock und Wayne Shorter mitwirkten, gefeiert; 2007 folgte „Shine“, eine Rückkehr zum Folk. Dazu passt ein weiterer Youtube-Film: Mitchell, die 1969 gemeinsam mit Mama Cass und Mary Travers „I shall be released“ singt. Sie schafft die höchsten Töne - und, schon damals, die hoffnungslosesten. An diesem Donnerstag wird sie siebzig Jahre alt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Dafür: Winfried Kretschmann will eine Impfpflicht für ganz Deutschland

          Gutachten aus Stuttgart : Impfpflicht ja, Impfzwang nein

          Die Impfpflicht in Deutschland wird vermutlich kommen. Aber ist sie auch rechtens? Baden-Württembergs Ministerpräsident hat sie früh gefordert - und eine Kanzlei sie prüfen lassen. Das ist ihr Ergebnis.
          Jerome Powell hat seine Einschätzungen zur Inflation inzwischen verändert.

          Geldpolitik : Fed fürchtet hartnäckige Inflation

          Amerikas Notenbank prüft eine raschere Straffung ihrer Geldpolitik. Ihr Präsident Jerome Powell hält den Preisanstieg nicht mehr nur für vorübergehend.