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John Fogerty : Böser Mond, du gehst so stille

  • -Aktualisiert am

Genial einfach: John Fogerty Bild: AP

„Creedence Clearwater Revival“ machten nur vier Jahre lang Platten, aber sie verkauften allein in dieser Zeit weit mehr als hundert Millionen. An diesem Sonntag wird John Fogerty, der Kopf der Band, sechzig.

          Über all der Begeisterung und Ablehnung, welche der Rock 'n' Roll erfuhr, wurde meistens übersehen, daß es sich bei ihm um volkstümliche Kunst handelt. Er war eine Angelegenheit, die potentiell jedermann anging, sonst hätte niemand die Notwendigkeit gesehen, ihn zu bekämpfen.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          In seiner besten Spielart war er „so amerikanisch und so universal wie Cheeseburger, Flipper und Bluejeans“, wie Franz Schöler einmal über „Creedence Clearwater Revival“ (CCR) bemerkte. Was andere ungern gehört hätten, mußte diese Band als Auszeichnung verstehen, weil es der Absicht ihres Anführers genau entsprach.

          Erdrückend dominierend

          John Fogerty, der Jüngste des Quartetts, dem auch sein inzwischen verstorbener Bruder Tom angehörte, wollte Musik machen, die sich nicht nur gut verkaufte, sondern etwas Allgemeingültiges zum Ausdruck brachte. Das gelang der von ihm als Sänger, Sologitarrist, Songschreiber, Arrangeur und Produzent erdrückend dominierten Band auf einzigartige Weise: CCR machten nur vier Jahre lang Platten, aber sie verkauften davon allein in dieser Zeit weit mehr als hundert Millionen; sie waren in Amerika zur Saison 1969/70 beliebter als die „Beatles“. Fogerty, so Rowohlts Rock-Lexikon, schrie mit seiner nach jahrelangem Singen ohne Mikrofon geschulten, eher hohen Stimme „so durchdringend, die Band rockte so kräftig, daß ihre Musik selbst im billigsten Transistorradio noch akzeptabel klang.“ Dies ist nachzuhören auf der sorgfältig gestalteten Werkschau (Zyx Music).

          Der Kopf von CCR

          Fogertys konsequenter Anti-Modernismus nahm sich neben den psychedelischen Spielarten anderer Bands jener Jahre seltsam genug aus, nötigte aber dank seiner stilistischen Geschlossenheit auch anspruchsvolleren Hörern Respekt ab. Er verschmolz schwerblütigen, südlichen Country-Blues mit hartem Boogie und Folk zu etwas Neuem, das ganz und gar archetypisch war und die Leute glauben ließ, es mit etwas Urvertrautem zu tun zu haben.

          Im Reifezustand

          Das Debüt war mit den Screamin'-Jay-Hawkins- und Wilson-Pickett-Adaptionen noch dem Rhythm & Blues verhaftet; aber schon auf dem Folgewerk „Bayou Country“ präsentierte sich Fogerty im Reifezustand, der eine Weiterentwicklung im Grunde überflüssig machte. Sein Anspruch war kein enzyklopädischer, ihm war an der Verfeinerung einer einzigen Idee gelegen. „Born On The Bayou“ stimmte ein zwiespältiges Lob über den amerikanischen Süden als Fluch und Fluchtpunkt an.

          Fogerty hatte damit eine Projektionsfläche gefunden, die das Image seiner betont unglamourösen Band nachhaltig prägte. „Proud Mary“ war, nicht nur in dieser Hinsicht, der zwingendste Song; der gelassene, machtvoll ausgreifende Rhythmus ließ einen die Räder des Mississippi-Dampfers unmittelbar und wie mit eigenen Augen sehen. Dabei waren die Landschaftsmalereien ein fake: Fogerty durchmaß ein Areal, das für ihn nur in der Phantasie existierte - er war von seiner nordkalifornischen Heimat aus noch nicht einmal bis Memphis gekommen, das er jedoch mit mehr feeling und Autorität besang als jeder andere weiße Rockmusiker.

          Beschränkt auf das Nötigste

          Man spürte, daß all die Lieder über Ochsenfrösche, den „Bad Moon Rising“ und den „Green River“, die sich in jeder Hinsicht auf das Nötigste beschränkten und das persönliche Bekenntnis mieden, in einem poetischen Sinne beglaubigt waren. Dies erklärt auch, warum sich selbst mit den wenigen politisch gemeinten Songs wie „Fortunate Son“, „Run Through the Jungle“ und „Who'll Stop the Rain“ Vietnam-Soldaten und Friedensdemonstranten gleichermaßen identifizierten.

          Die Intensität, in die sich Fogerty vor allem auf den Platten „Cosmo's Factory“ und „Pendulum“ (beide 1970) hineinspielte, brachte trotz einer grundsätzlichen Zutraulichkeit dieser Musik aber auch so etwas wie Lebensangst zum Ausdruck. Was vormals nur von ferne bedrohlich geklungen hatte, schlug um in Verzweiflung: „I Heard It Through the Grapevine“, die schwierige Motown-Vorlage, zwang Fogerty in elf Minuten rustikal in die Knie; in der Ballade „Long As I Can See the Light“ vertiefte er den Abschieds- zum Weltschmerz. Gleichzeitig produzierte er wuchtig-übermütige Songs, die bis heute ein wirksames Mittel gegen melancholische Anwandlungen sind: „Down On the Corner“ und, vor allem, „Up Around the Band“, das er so frenetisch singt, als gäb's den Elan seiner Jugend ewig.

          Auf Jahrzehnte blockiert

          Aber John Fogerty stieß bald an seine Grenzen. Lange nach dem Ende der Band wurde bekannt, daß er einst leichtsinnig einen Knebelvertrag unterschrieben hatte, der ihn um die Tantiemen eines Werks brachte, das zu den kostbarsten der Rockgeschichte gehört. Das ganze Geld fiel dem Produzenten Saul Zaentz zu, auf dessen Label „Fantasy“ die CCR-Platten erschienen. Fogerty war - und dies ist wohl der krasseste Fall von Talentausbremsung - auf Jahrzehnte blockiert, legte aber in den wenigen Schaffensphasen meistens Makelloses vor.

          Es ist müßig zu fragen, was aus dieser Karriere ohne die erbitterten Rechtsstreitigkeiten geworden wäre. Vielleicht ist das Genial-Einfache, Unausgetüftelte sowieso nur in größeren Abständen möglich. Fogerty ahnte vermutlich, daß ihm nicht viel Zeit bleiben würde, seine Vorstellungen so zu verwirklichen, wie er es für richtig hielt. Deswegen nahm er das Ruder fest in die Hand, auch um den Preis von Zerwürfnissen, von denen die Kollegen nicht ausgenommen waren: „Das erste Album war gut gelaufen, aber eine große Karriere wäre daraus nicht geworden. Entweder die nächste Platte würde ein wirklich großer Erfolg werden, oder ich könnte wieder Autos waschen gehen.“

          Er hat sein Ziel erreicht. Auch als Solist spricht er eine Sprache, die überall verstanden wird: „Rockin' All Over the World“ und „Deja Vu All Over Again“ - schon die Titel sagen, worum es ihm immer ging. Wie sehr dieser Universalismus fortwirkt, davon konnte man sich noch im März überzeugen, als er eine der eindrücklichsten Shows bot, die im Seniorenbereich zu erleben sind. An diesem Samstag wird John Cameron Fogerty sechzig Jahre alt.

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