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Joan Baez in Frankfurt : Für Protestsongs ist es nie zu spät

  • -Aktualisiert am

An diesem Abend ihrer „Farewell Tour“ strahlt Joan Baez Nachlassbewusstsein aus. Bild: Wonge Bergmann

Fast fünfzig Jahre nach Woodstock steht in der Alten Oper die Frau, die in Hanoi und Sarajevo für den Frieden und für Martin Luther King zur Tröstung sang: Joan Baez. Die politischen Themen gehen ihr auch heute nicht aus.

          Der Mond über dem Main hatte schon mehr als Schönheit versprochen, nämlich Erhabenheit, vielleicht Unfassbarkeit. Und so kam es auch. Auf der Bühne der Alten Oper steht die Frau, die 1969 in Woodstock gesungen hat, damals im sechsten Monat schwanger mit ihrem Sohn Gabriel. Nun, fast fünfzig Jahre später, wird sie begleitet von ebendiesem Sohn, der mit nur bestrumpftem Fuß auf einer Holzkiste mit Löwenbemalung den Takt schlägt, und singt noch einmal die Ballade vom Wanderarbeiter und Gewerkschaftsführer Joe Hill, der einem Justizmord zum Opfer fiel. „I dreamed I saw Joe Hill last night / Alive as you and me / Says I, ,But Joe, you're ten years dead' / ,I never died‘, says he.“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Auf der Bühne steht Joan Baez – die Frau, die einem noch unbekannten Bob Dylan einst mit zum Ruhm verhalf, als sie schon berühmt war, die Frau, die Martin Luther King Tröstungslieder vorspielte, als dieser einmal erschöpft war von seinem langen Marsch, die Frau, die im bombardierten Hanoi und im belagerten Sarajevo um Frieden flehte, die Frau, die sowohl mit Dylan als auch mit Steve Jobs liiert war, und die Václav Havel einmal als ihren Roadie ausgegeben hat, um ihn vor einer Verhaftung zu bewahren.

          Wie lässig sie ist

          Erster Eindruck von dieser Frau, die im Januar achtundsiebzig wurde: wie lässig sie ist. Der Knopf in ihrem Ohr funktioniert nicht, es muss ein Roadie – diesmal ein echter – kommen und an der Verkabelung unter ihrem Frack herumnesteln. Sie macht einen gespielten Schreckhüpfer und beruhigt sogleich das Publikum: Keine Sorge, sie kenne den Mann.

          Falls es noch irgendjemanden gab, der mit ihr noch nicht warmgeworden war: Nach zwei Minuten ist es also auch schon bei dem oder der Letzten soweit; Joan Baez, die ihr Publikum immer geliebt hat, hat es nun ganz und bis zum letzten Ton in der Hand. Joe Hill ist gar nicht tot, es geht ihm gut, solange ihr ihn nur im Lied weiterleben lasst: Die fast schon religiöse Botschaft des alten Mutmachstücks scheint hier jeder zu glauben. In ihr steckt etwas, das Baez an diesem Abend ihrer „Farewell Tour“ voller Überzeugung ausstrahlt: Nachlassbewusstsein.

          Es bezieht sich zu großen Teilen auf Lieder, die schon vor ihr da waren und für die sie sich „nur“ als Sprachrohr sieht, die aber für viele doch auf ewig mit ihr verbunden bleiben werden: die Bürgerrechtsgospelhymne „We Shall Overcome“, Pete Seegers „Where Have All The Flowers Gone“, Woody Guthries „Deportee“, das sie in Frankfurt mit Bezug auf die heutige Misere von Südamerikanern in den Vereinigten Staaten neu validiert, und vor allem auch: Lieder von Bob Dylan. Ein ganzes Doppelalbum mit solchen hat sie einst aufgenommen, manche sind seit Jahrzehnten fest in ihrem Live-Repertoire, insbesondere an die frühen glaubt sie noch immer. „The Times They Are a-Changin'“ spielt sie zu Beginn, „Blowin' in the Wind“ fast ganz zum Schluss, sie sind ihr Gerüst und Rahmen.

          Das Kuriose daran ist: Es sind die Lieder, die Dylan selbst schon lange nicht mehr spielen mag oder sie, wenn doch noch, mutwillig verbiegt oder entstellt. Baez dagegen spielt sie wie einst, als einfache Folksongs zum Mitsingen (eine Vorstellung, die Dylan heute wahrscheinlich verabscheut). In dieser Diskrepanz steckt ein bedeutendes Stück populärer Musikgeschichte: Das legendäre Lossagen Bob Dylans von engagierter Musik und damit von den meisten seiner seinen früheren Weggefährten, das diese, besonders Joan Baez, damals als furchtbaren und schmerzlichen Verrat empfanden, hat Nachwirkungen, die bis heute spürbar sind.

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