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Jimmy Page zum Siebzigsten : Der Solist als Orchesterhirn

Jimmy Page (r.) mit Robert Plant 1995 in Schwalmstadt Bild: picture alliance / dpa

Einer der einflussreichsten Rockgitarristen des zwanzigsten Jahrhunderts feiert Geburtstag: Der Gründer von Led Zeppelin, Jimmy Page, wird siebzig Jahre alt. Nichts, was man schlagen, reißen oder zupfen kann, ist ihm fremd geblieben.

          In einer Folge der hierzulande noch kaum bekannten amerikanischen Fernsehserie „Revolution“, die nach dem Untergang der gegenwärtigen Zivilisation spielt, kriechen die Figuren in finsteren Tunnels herum und erleiden wegen Sauerstoffmangels Halluzinationen. Der Held träumt von einer Rückkehr ins Licht, an den Hof eines Militärdiktators, dem er einst verbunden war und den er jetzt bekämpft. Der in der Vision erschaute Raum ist hell und hoch, Versprechen und Rätsel - während der Traumwandler ihn langsam durchmisst, hört man, was man in dieser Serie selten hört, weil sie von einer Zukunft ohne Pop handelt: einen Rock-Klassiker, nämlich „Kashmir“ von Led Zeppelin.

          Das Virtuose mit dem Bulligen zusammenschließen

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Jimmy Page hat das Stück auf der Gitarre komponiert, die Grundakkordfolge wurde für „Physical Graffiti“ (1975) opulent orchestriert, mit Streicherwanderdünen, orchestralem Goldstaub, paradoxem Reif, Glut und Schnee - tatsächlich ein Trugbild für Leute, die um Atem ringen; Robert Plant durfte dazu heulen wie ein Dschinn auf Absinth. Die elektrische Gitarre als Werkzeug der Aufführung musikalisch sinnvoller Störgeräusche hat vielen gut in der Hand gelegen; als Fächer aus Kontrapunktmöglichkeiten aber, Blaupause eines mehrspurigen Tonsetzerhirns und programmierbare Harfe haben sie wenige so vielseitig genutzt wie James Patrick Page, Londoner Vorstadtsohn eines Personalmanagers und einer Arzthelferin, die ihm wohl mitgegeben haben, dass Übersicht nicht schaden kann, wenn man es mit erzmenschlichen Empfindlichkeiten wie Arbeit, Krankheit oder schönem Lärm zu tun hat.

          Mit seiner Gitarre erfand er die Legierung, die bald darauf Hard Rock heißen sollte: Jimmy Page wird siebzig Jahre alt

          So fing der Künstler, dessen Händen von der Mandoline bis zur Ukulele nichts fremd geblieben ist, was man schlagen, reißen oder zupfen kann, damit es singt, nicht als spontan inspiriertes Originalgenie an, sondern als fleißiger Autodidakt und einsatzfreudiger Studiomusiker, der sich bei den Yardbirds dann allerdings schnell zum Eigensinn emanzipierte und als Mitbegründer von Led Zeppelin das Virtuose mit dem Bulligen zu einer Legierung zusammengoss, die bald darauf „Hard Rock“ und „Heavy Metal“ heißen sollte.

          Was verstärktes und verzerrtes Gitarrespiel vermag, hat er in Kontrasten zu anderen Sounds herausgearbeitet: Seine entschlossenste Griffarbeit beweist sich am Ende von „Rock And Roll“ im Dialog mit einem hämmernden Piano; sein mit Silberkrallen aus Mondlicht gepflücktes Intro zum Schmachtdenkmal „Stairway to Heaven“ lebt vom Duett mit Plant („Uhuhuu“, schamloser geht’s wirklich nicht). Klangbildern anderer Instrumente oder Menschenstimmen zog Plant so kühn Konturen ein wie Andy Warhol seinen Siebdrucken. Der Vergleich aus der bildenden Kunst ist ergiebiger, als man meinen könnte - wenn es den frühen Bluesgitarristen um Impressionismus (Stimmungen als Wahrheiten) ging und Jimi Hendrix um Expressionismus (Ausdruck als zweischneidige Klinge der Befreiung von Lust und Schrecken), dann hat Page sein Instrument ins Stadium der Pop- Art geführt, in der das Genie eins der gesellschaftlichen Erzeugung, in seinem Fall: des Studios, ist. An diesem Donnerstag wird Jimmy Page siebzig Jahre alt.

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