https://www.faz.net/-gqz-adcxb

50. Todestag von Jim Morrison : Ein unheiliger amerikanischer Prediger

  • -Aktualisiert am

Wie man auf sich selbst reinfällt: Jim Morrison 1967, als er mit den Doors durchbrechen wollte zur anderen Seite Bild: Pressephoto / courtesy Schirmer-Mosel Verlag

Jim Morrison wollte Dichter und Denker sein. Dabei reicht die Musik, die er mit den Doors hinterließ, vollauf für ein langes Leben, das er leider nicht hatte. Wiederhören mit einem Sänger, der wohl zu viel las.

          4 Min.

          Aufgedunsen und obszön wie Elvis, frech wie John Lennon und, wie jeder richtige Amerikaner seit Doc Holliday, den ganzen Tag besoffen: Aber statt sich damit zufriedenzugeben, musste er auch noch Rimbaud und Artaud, Blake und Baudelaire, Nietzsche und Freud sein, alle in einem, einer in allen. Das war, neben den Unmengen an Bier, Schnaps, LSD und zuletzt sogar noch Heroin, dann doch etwas viel; und so starb dieser selbsternannte Eidechsenkönig am 3. Juli 1971 in Paris, vermutlich in der Badewanne, ohne Quietscheentchen, aber mit einem kaputten Herzen.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          Jim Morrison, mit dem die Psychedelik-Blues-Rock-Band The Doors sechs Jahre und sieben Platten lang meistens mehr schlecht als recht lebte und starb, ist unter den vielen Dichtern und Denkern, neben denen er auf dem Pariser Friedhof begraben liegt, jedenfalls nicht der größte. Auch zum Rockopernkomponisten, der er so gerne hatte sein wollen, reichte es am Ende nicht. Die nur live überlieferte „Celebration of the Lizard“, neben der sich „The End“ fast schon schlicht ausnimmt, ist wahrscheinlich das lyrisch Anspruchs- und Reizvollste, was er überhaupt fertiggebracht hat, aber als Rockstück viel zu lang und, wie manches andere, zu predigerhaft.

          Was geht uns dieser „American Prayer“ (so der Titel einer Nachlassplatte mit spoken words) eigentlich noch an? Ungefähr alle zehn Jahre gibt es eine Jim-Morrison- und damit auch eine Doors-Wiederbesinnung: zuerst gleich nach dem Ableben; dann Anfang der Achtziger, als vergessenes Livematerial herauskam. Bei späteren Gedenktagen ging und geht es vor allem um die Todesumstände. Dazwischen liegt, als Dokument von eigenem künstlerischen Rang, Oliver Stones „The Doors“ (1991). Dieser Spielfilm hielt eine doppelte Überraschung bereit: zum einen, wie täuschend echt der Sänger in Aussehen, Habitus und Stimme (durch Val Kilmer) imitiert werden konnte; zum anderen, dass man es hier mit jemandem zu tun hatte, der auf sich selbst reingefallen ist, alle anderen dann natürlich mit ihm. Wozu hatte er schließlich Nietzsche gelesen? Der wusste natürlich, dass man in so einem albernen Zarathustra-Kostüm höchstens eine Saison herumlaufen kann und sich dann wieder vernünftig anziehen sollte. Jim Morrison aber spielte die Narrenrolle des unheiligen Erlösers je länger, je lieber.

          Manchmal richtig abstoßend

          Oliver Stone war einer der Ersten, die ihn durchschaut haben, obwohl er seinen Film, der wahrscheinlich das genaueste Künstlerporträt ist, welches das Kino hervorgebracht hat und von dem danach veröffentlichten authentischen Material im Wesentlichen bestätigt wurde, so sicht- wie hörbar als Ehrerweisung angelegt hat. Dank der sorgfältigen Recherche, in die auch zwei von den überlebenden Bandmitgliedern einbezogen waren, und trotz des manipulativen Zugs, der seinen Arbeiten auch sonst anhaftet, bekam eine über ergebene Fankreise weit hinausgehende Öffentlichkeit einen ernüchternden Einblick in Leben und Werk eines Musikers, der wohl wirklich glaubte, sein Publikum von gesellschaftlichen Zwängen und persönlichen Hemmungen befreien, ihm wohl gar zu einem letzte Erkenntnisgrenzen sprengenden Leben verhelfen zu können.

          Man muss einen Künstler aus seiner Zeit heraus verstehen. Wenn es damals vielen Bands, zumal an der amerikanischen Westküste, zufiel, Hippie-Klischees wichtig erscheinen zu lassen, dann haben es Jim Morrison und die Doors wohl am weitesten gebracht. Dabei war das mit der Bewusstseinserweiterung in dieser penetranten Großspurigkeit und jenseits herkömmlicher, drogeninduzierter Trips einfach nur Quatsch; auch andere haben es ja versucht, mit seriöseren Mitteln. Die ganze Geheimniskrämerei, der Kult, den Jim Morrison mit dem Dionysischen, mit den verbotenen Wonnen des Abseitigen veranstaltete, konnten intellektuell gar nicht anders, als unausgegoren zu wirken. Obwohl also das meiste von dem, was er sich in den Kopf gesetzt hatte, im Sand verlaufen ist wie ein Tropfen auf den heißen Strand von Venice Beach, an dem die Doors sich 1965 fanden, darf man festhalten, dass er sich als Dichter und Filmemacher eher zu sehr verwirklicht hat – es sei denn, man legt Wert auf Lyrik, die Tiefsinn meistens nur vortäuscht und im Grunde nicht viel mehr ist als ein Ausdruck spätpubertärer, unbeherrschter Verzweiflung, oder auf Filmbilder, die ohne Sinn und Verstand zusammenmontiert wurden.

          Weitere Themen

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Topmeldungen

          Raus mit dem giftigen Schlamm: In diesem Hotel in Altenahr packen Freiwillige vom Helfer-Shuttle und Bundeswehrsoldaten gemeinsam an.

          Als Helfer im Flutgebiet : Wer hier war, findet keine Ruhe mehr

          Keller trocken legen, Müll wegschaffen und immer dieser Schlamm: Anstatt in den Urlaub zu fahren, ist unser Autor ins Ahrtal gereist. Freiwillige Helfer werden dort nach wie vor gebraucht. Aber es gibt auch Spannungen – mit der Polizei.
          Nicht viel los: Ein mobiles Impfzentrum in Sachsen

          Nachlassendes Impftempo : Mehr Impfdruck, bitte!

          Sobald Politiker festlegen, dass Geimpfte in der vierten Corona-Welle mehr Freiheiten genießen werden, bricht der Shitstorm los. Aber es wird so kommen. Und es ist völlig legitim.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.