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50. Todestag von Jim Morrison : Ein unheiliger amerikanischer Prediger

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Die wohl als alle Sinne ansprechendes Gesamtkunstwerk gedachten und gerne unter die Gürtellinie zielenden Bühnenshows, die Morrisons Visionen noch am ehesten hätten einlösen können, waren schon aufgrund seiner notorischen Volltrunkenheit manchmal richtig abstoßend. Zu besichtigen war ein haltlos, ohne jede Körperbeherrschung agierender Theatraliker, der schnell zu Boden ging und die oft genug schikanösen Scherereien mit der Polizei coram publico opportunistisch ausplauderte – kein Vergleich zu dem ritterlichen Verhalten, das die Rolling Stones damals, in der Hochphase auch ihrer Drangsalierung durch die Obrigkeit, an den Tag legten; aber Mick Jaggers Maxime war ja auch immer: never complain, never explain. So ist das Einleuchtendste, was Jim Morrison je von sich gegeben hat, am Ende dies: „I drink, so I can talk to assholes.“

Zum Heiland hat es nicht gereicht

Am meisten irrte Morrison wahrscheinlich in der Annahme, auf Fleiß und Disziplin könnte er auf die Dauer pfeifen, Ledermontur und gelegentliches Gliedvorzeigen reichten für eine Karriere als Rockstar. Denn dies war er nun ohne jeden Zweifel. Die Originalität der Doors-Musik liegt in der immer noch unerhörten Mischung aus Blasphemie und Unschuld, Schwere und Leichtigkeit, klanglich wie lyrisch. Kindlich verspielt wie auf dem Jahrmarkt tönte Ray Manzareks Farfisa-Orgel, während Manzarek mit der linken Tastenhand meist auch noch den Bass besorgte; abwechselnd geläufig und unheilvoll dräuend platzierte Robby Krieger mit seinem Bottleneck-Spiel auf der Gibson SG, in das sich Morrison so verliebt hatte, seine Blues-Licks; druckvoll und tückisch verstolpernd trommelte John Densmore. Dies waren profunde, auch am Jazz, am Flamenco und an Bach’scher Chromatik geschulte Musiker, und es ist nicht richtig, so zu tun, als wären nur sie auf Jim Morrison angewiesen gewesen, er aber nicht auf sie. Über allem freilich dieser Bariton, mit dem Morrison düsterste Trieb- und Todesfantasien intonierte, um im nächsten Moment so unbeschwert von der Liebe zu singen, als gäb’s keine Schlechtigkeit auf Erden. Die Titel dürften alle noch bekannt sein, das Werk ist ja überschaubar.

Und doch bleibt die schon mit „Break On Through (To The Other Side)“, einem der wirkmächtigsten Doors-Songs, artikulierte Sehnsucht eine schöne Fantasie, welche die eminentesten Künstler beschäftigt hat. „Wem also der Durchbruch gelänge aus geistiger Kälte in eine Wagniswelt neuen Gefühls, ihn sollte man wohl den Erlöser der Kunst nennen.“ So steht es im „Doktor Faustus“, der Geschichte eines nicht weniger rettungslosen Tonsetzers.

Zum Heiland hat es auch bei Jim Morrison nicht gereicht. Alles andere spielt sich auf dem Plattenteller ab. Sollte der sich an diesem unehrenhaften Tag zufällig drehen, dann sollte man dafür den machtvollen Blues von „Morrison Hotel“, dem im Gesamtbild besten Doors-Album, nehmen oder „Absolutely Live“ (beides 1970). Allein, von Letzterem, „Who Do You Love“, Bo Diddleys Rhythm-and-Blues-Klassiker: Mit mehr Autorität, mit mehr Sicherheit, noch in den tiefsten Schreien, hat James Douglas Morrison nie gesungen. „This is the strangest life I’ve ever known“, heißt es in „Waiting for the Sun“. Wir kennen auch kaum ein merkwürdigeres Leben als seines.

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