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Jazz in der Krise : Unser Geschäft ist einfach ein Live-Geschäft

  • -Aktualisiert am

Ein geschlossener Jazzclub in New Orleans Bild: AFP

Die Jazzszene beruht auf in jeder Hinsicht freien Geistern. Mehr Entertainment, eine stärkere Lobby, bessere Vermarktung, stilistische Offenheit: Wie könnte sie nach der Krise wieder auferstehen?

          4 Min.

          Eigentlich sollte Thomas Gansch mit der schrägen Bläsertruppe Mnozil Brass auf einer Kalifornien-Tournee sein. Stattdessen sitzt er im kalten Wien im geparkten Auto auf der Straße, weil dort der Handyempfang besser ist als in seiner Wohnung. Thomas Siffling, der bei der Videokonferenz zugeschaltet ist, berichtet, dass er gestern mit seinem Sohn den Vorgarten bepflanzt habe. Normalerweise hätte der siebenundvierzigjährige Trompeter und Produzent an diesem Abend in seinem Mannheimer Jazzclub „Ella & Louis“ den englischen Sänger Ian Shaw angekündigt. Seit der Corona-Krise ist aber alles anders.

          Siffling hat zumindest noch ein wenig mehr Bewegungsfreiheit als sein österreichischer Kollege, der nicht einmal einen Freund treffen darf und seit zwei Wochen gemeinsam mit seiner Frau home schooling für seine Kinder macht. Getroffen haben sich die beiden Jazzmusiker noch nie. Aber das digitale Gespräch läuft so flüssig und vertraut, als kenne man sich schon lange. Ab und zu reißt die Verbindung ab, oder es klopft ein Nachbar ans Autofenster. Die beiden bleiben tiefenentspannt. Sie haben ja auch jetzt viel Zeit.

          Siffling und Gansch gehören nicht zu den 68 Prozent der Jazzmusiker, deren Jahreseinkommen laut Jazzstudie aus dem Jahr 2016 bei maximal 12 500 Euro liegt. Im Gegenteil – die beiden Trompeter sind kommerziell erfolgreich und können von ihrem Beruf gut leben. Mit dem weltweit tourenden österreichischen Bläserseptett Mnozil Brass finanziert sich Thomas Gansch, 44 Jahre alt, sein Leben und auch die vielen kleinen künstlerischen, nichtkommerziellen Projekte wie die Schlagertherapie, die Jazzband Gansch & Roses oder sein neues Trio Wieder, Gansch & Paul. Auch Thomas Siffling wechselt Stile und Formationen. Er kombiniert den Trompetenklang mit Elektronik und versucht, den Jazz ein wenig trendiger zu machen.

          Reserven aufbrauchen

          Außerdem sitzt Siffling als Produzent und Geschäftsführer des 2018 gegründeten Mannheimer Jazzclubs „Ella & Louis“ auch auf der anderen Seite des Business. „Meine Tätigkeit als Kurator von Konzertreihen retten mich jetzt gerade ein bisschen. Als Musiker hätte ich auch einen guten Frühling gehabt, aber über diesen Gagenausfall denke ich lieber gar nicht nach. Ab April werde ich es merken, dass mein zweites Einkommen fehlt.“ Gansch arbeitet bis auf einen kleinen Lehrauftrag ausschließlich als freier Musiker: „Bis jetzt hat sich das Konto gefüllt, weil die Gagen für meine letzten Gigs gekommen sind. Jetzt werde ich die Reserven aufbrauchen müssen. Und Mitte Juni wird’s dann sehr eng. Aber ich habe das Glück, dass es zumindest so weit reicht. Andere wissen nicht, wie sie die nächste Miete zahlen sollen.“

          Durch die Absage aller Konzerte trifft die Corona-Krise die fast ausschließlich als Freelancer arbeitenden Jazzmusiker besonders hart. „Unser Geschäft ist einfach ein Live-Geschäft. Das ist das einzige Geschäft, was noch bleibt, nachdem der CD-Verkauf seit vielen Jahren eingebrochen ist. Musik ist Kommunikation. Mit den anderen Musikern, aber auch mit dem Publikum. Mir fehlt im Augenblick dieser Austausch und auch die Nähe enorm. Ein Mindestabstand von einem Meter ist mir zu viel.“ Auch Thomas Siffling vermisst die Kollegen, besonders das gemeinsame Abhängen und Quatschmachen nach einem Konzert.

          Alles wird auf null gestellt

          Sein Spendenaufruf für die Künstler, die bei ihm im Club hätten spielen sollen, wurde vom Mannheimer Finanzamt nicht genehmigt: „Als Club den Künstlern etwas Gutes zu tun ist gar nicht so einfach. Wenn ich keine Einnahmen habe, kann ich auch nicht die Gagen der Künstler bezahlen, zumal wir laufende Kosten haben.“ Dabei kann er der erzwungenen Entschleunigung durchaus etwas Positives abgewinnen, da sein Leben bisher völlig durchgetaktet gewesen sei. „Alles wird auf null gestellt. Und man kann das Leben, das wir Europäer bisher als selbstverständlich betrachteten, wertschätzen. Auch die Fragilität des Ganzen wird einem bewusst.“

          Sein Wiener Kollege stimmt zu: „Ein Teil von mir ist sehr froh, dass endlich mal die Stop-Taste gedrückt wurde. Vor dem Virus sind alle gleich – das finde ich schön. Bisher gab’s da nur den Tod, der mir als Wiener sehr nah war. Plötzlich fliegen keine Flugzeuge mehr. Vielleicht bekommt durch diesen Stillstand auch die Kultur einen gewissen Wert im Bewusstsein der Leute.“

          Dass diese Krise die Jazz-Szene besonders hart triff – Thomas Gansch: „Wer nie geschaut hat, dass er was hat, hat jetzt gar nichts“ –, biete laut Siffling auch eine Chance zur Veränderung. „Die Jazzer müssten auch mal lernen, dass man sich eine Marke aufbauen muss, damit sie bessere Gagen bekommen und dann auch Rücklagen haben. Wir sollten uns endlich eine Lobby aufbauen, die jetzt in dieser Situation auf die prekären wirtschaftlichen Verhältnisse vieler Jazzmusiker aufmerksam macht.“

          Auch in der Ausbildung sollten sich die Musikhochschule mehr Gedanken machen über Aspekte wie Vermarktung, Performance und den Umgang mit dem Publikum. „Puristen haben in der Jazzszene viel Negatives bewirkt“, ergänzt Thomas Gansch. „Da verteilen Kritiker Preise für irgendeinen Avantgarde-Mist, während sie alles runterschreiben, was Freude beim Zuhören macht. Es gibt großartige Avantgarde, aber diese Schieflage zwischen ‚Kunst‘ und ‚Unterhaltung‘ gefällt mir gar nicht. Zu mir sagen viele nach dem Konzert: ‚Eigentlich mag ich keinen Jazz, aber das war super!‘“ Und holt weiter aus: „Dizzy Gillespie war ein großartiger Entertainer. Ich habe mich in den Jazz verliebt, weil ich ihn gesehen habe, wie er auf der Bühne gegangen ist. Diese Leichtigkeit, diese positive Ausstrahlung, die fehlt mir heute bei den meisten Acts. In der Jazzszene ist vieles sehr selbstreferentiell und völlig humorlos.“

          Mehr Entertainment, eine stärkere Lobby, bessere Vermarktung („Du bist immer das wert, was du verlangst“), stilistische Offenheit, eine praxisbezogenere Ausbildung – das wären die Verbesserungsansätze der beiden Musiker für den Jazz nach Corona. „Von den großen Plattformen wie Spotify oder Apple Music ist meiner Meinung nach nichts mehr zu erwarten“, sagt Siffling. „Aber für Jazzkonzerte von der Gema in Deutschland einen höheren Satz zu bekommen, das wäre möglich und wünschenswert.“ Am Ende des Gesprächs erfolgt eine Einladung Sifflings an Thomas Gansch, doch mal im seinem Mannheimer Club zu spielen. An diesem Abend steht für den Wiener erst einmal eine zweite Videokonferenz an, und zwar mit Freunden zum Biertrinken.

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