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Jazz : Töne aus Elfenbein

  • -Aktualisiert am

Wegen seines Stils berühmt: Jazz-Trompeter Freddie Hubbard Bild: AP

Der Mann mit dem „Satchelmouth“: Zum Tod des Jazztrompeters Freddie Hubbard, der eine ganze Generation von Jazzmusikern mit seinem musikalischen Stil prägte und am Montag im Alter von siebzig Jahren starb.

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          Der amerikanische Jazz-Trompeter Freddie Hubbard ist im Alter von 70 Jahren gestorben. Er erlag am Montag in einem Krankenhaus in Los Angeles den Folgen eines Herzinfarkts, berichtete der amerikanische Fernsehsender CBS unter Hinweis auf seinen Manager David Weiss.

          Der schwarze Musiker hat mit seinem melodischen Stil eine ganze Generation von Jazz- und Bebop-Trompetern beeinflusst. In seiner jahrzehntelangen Karriere trat er immer wieder mit Musikgrößen wie John Coltrane, Ornette Coleman, Art Blakey und Herbie Hancock auf. 1972 erhielt er für das Album „First Light“ den begehrten Grammy-Musikpreis.

          Kritik an Mainstream-Ausrichtung

          1938 in Indianapolis im amerikanischen Bundesstaat Indiana geboren, hatte Hubbard schon während der Schulzeit eine eigene Band. Mit 20 zog er nach New York und brachte zwei Jahre später mit „Open Sesame“ sein erstes Album heraus. Weitere wichtige Platten waren in den frühen 70er Jahren „Red Clay“, „Straight Life“ und „Sky Dive“. Später warfen ihm Kritiker gelegentlich vor, zu sehr auf Mainstream und Kommerz zu setzen.

          Hubbard war seit längerem gesundheitlich angeschlagen, stand aber bis vor wenigen Monaten noch auf der Bühne. Ende November erlitt er einen Herzinfarkt und war seitdem im Krankenhaus.

          Wenn er in die Kamera blickte, sah er aus, als sei er der Sohn von Louis Armstrong, von dem er das „Satchelmouth“ geerbt hat, diese charakteristische Kerbe in der Oberlippe, von der man nie so recht wusste, ob sie das Ergebnis oder die Voraussetzung eines phantastischen Trompetenspiels war. Aber wenn er sein Instrument spielte, wirkte er eher, als habe er die musikalischen Gene von Dizzy Gillespie erhalten. Freddie Hubbard war ein grandioser Stilist auf der Trompete und dem Flügelhorn.
          Aber das war auch sein Problem. Denn während all die individualistischen Bläser von Bix Beiderbecke bis zu Don Cherry und von Chet Baker bis zu Clifford Brown und Miles Davis leicht zu identifizieren, aber schwer zu kopieren waren, wirkte alles, was Freddie Hubbard von sich gab, beispielhaft. Bei all den Hubbard-Epigonen, die seit den sechziger Jahren die Bühne betraten, erschien Hubbards Hardbop gelegentlich wie seine eigene Kopie.

          Vielleicht war das auch ein Grund, warum der Trompeter aus Indianapolis mit der Sozialisation in New York so oft die Klangfarben wechselte, ohne dabei die Grundprinzipien des modernen Jazz aufzugeben. Hubbard kam gerade zur rechten Zeit in die Hauptstadt des Jazz, um in Ornette Colemans Doppelquartett jene Aufnahme unter dem programmatischen Titel „Free Jazz“ herauszubringen, die die zweite Jazzrevolution nach der Bebop-Wende in den vierziger Jahren einläutete und das Jazzpublikum spaltete wie kein neuer Stil zuvor. Danach beschäftigte er sich mit modalen Skalen und nahm mit John Coltrane so wichtige Platten wie „Africa/Brass“ und „Ascension“ sowie mit Eric Dolphy „Out to Lunch“ auf. Später fand er wieder zurück zum Hardbop, spielte mit Herbie Hancock „Maiden Voyage“ ein, flirtete mit Jazzrock, Disco-Music, Fusion-Jazz und brachte immer wieder neue expressive Hardbop-Aufnahmen und wunderbare Balladen mit seinem Ton aus Elfenbein auf dem Flügelhorn heraus.

          Seinen größten Erfolg erzielte er freilich nicht auf direktem Weg. Und so recht wird er sich darüber auch nicht gefreut haben. Denn „Cantaloupe Island“, ein Stück von Herbie Hancock und mit diesem 1964 auf der Platte „Empyrean Isles“ herausgebracht, wurde Mitte der neunziger Jahre von dem englischen Discjockey Geoff Wilkinson in einer neuen Version mit einer täuschend echt wirkenden Imitation des Hubbard-Solos als „Cantaloop“ veröffentlicht und so populär, dass davon mehr als eine Million Aufnahmen verkauft wurden, Eisreklamen die charakteristisch abgehackte Phrasierung und die mit halbgedrückten Ventilen herausgepressten Trompetenklänge à la Freddie Hubbard als Werbespot benutzten, zahlreiche Filme sich der Version zur Untermalung bedienten und Fernsehshows wie „Willemsens Woche“ sie als Erkennungsmelodie benutzten.

          Wer heute die ursprüngliche Version von Freddie Hubbard und Herbie Hancock hört, könnte in melancholische Stimmung verfallen: So aufregend neu und dennoch so attraktiv-eingängig konnte der Jazz damals sein. Und so kraft strotzend, originell, klar, ausgewogen und formvollendet klang das, was aus dieser Trompete kam. Freddie Hubbard war ein Klassiker. Am Montag ist er siebzigjährig in einem Krankenhaus in Los Angeles an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben, den er schon im November erlitten hatte.

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