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„Ice-Cream“-Mann : Jazz-Ikone Chris Barber ist tot

  • Aktualisiert am

Posaunist und Bandleader Chris Barber Bild: dpa

Der Pate des britischen Jazz ließ den New-Orleans-Sound in Europa wieder aufleben. Er beeinflusste Generationen von Blues- und Rockmusikern. Nun ist Chris Barber im Alter von 90 Jahren gestorben.

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          Chris Barber gehörte zu den führenden Figuren im europäischen Jazz. Erst 2019 hatte er von seiner aktiven Rolle aus dem Musikgeschäft zurückgezogen, nachdem er beinahe 70 Jahre lang an der Spitze verschiedener Bands gestanden hatte. Auch in Deutschland war er immer wieder aufgetreten. Am Dienstag starb Barber im Alter von 90 Jahren, wie sein Label Last Music. Co. unter Berufung auf seine Frau mitteilte. Er hatte zuvor an einer Demenzerkrankung gelitten.

          Geboren wurde Barber am 17. April 1930 am nördlichen Rand von London. Sein Vater war Wirtschaftswissenschaftler, seine Mutter eine sozialistische Bürgermeisterin. Sein erstes Instrument war die Geige. Einem Zufall war es später zu verdanken, dass er Bläser wurde: Ein Posaunist bot ihm ein Instrument an, und Barber hatte gerade genügend Geld in der Tasche.

          In einem Interview mit der Deutschen Presseagentur sagte Barber 2015: „Nachdem ich herausgefunden habe, dass ich spielen konnte, wollte ich nie wieder etwas anderes machen.“ Mit 19 gründete er seine erste Jazzband. Er studierte Posaune und Kontrabass an der berühmten „Guildhall School of Music and Drama“ in London. „Improvisation ist Teil der Musik, aber man muss trotzdem die richtigen Noten spielen“, erklärte der klassisch ausgebildete Musiker.

          Waters und die E-Gitarre

          „In einigen Londoner Nachtclubs wurde so etwas wie Jazz gespielt“, sagte Barber über die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. „Amerikanische Jazzmusiker arbeiteten im Orchester an Orten wie dem Savoy.“ Blues-Musik fand aber keine größere Anerkennung. Das änderte sich in den 1950er Jahren, als Barber der Musikrichtung wieder zu mehr Aufmerksamkeit verhalf. Damals war Barbers Band in Großbritannien so bekannt wie die Beatles in den Sechzigern. Seine Version von Sidney Bechets „Petite Fleur“ wurde ein Hit, der sich allein im Vereinigten Königreich über eine Million Mal verkaufte. Bereits sein Debütalbum „New Orleans Joys“ von 1954 hatte das Skiffle-Stück „Rock Island Line“ enthalten, das Barbers Band in den USA bekannt machte.

          Von dort brachte Barber viele afroamerikanische Blues-Legenden nach Großbritannien. Neben Muddy Waters traten auch Louis Jordan, Sonny Boy Williamson und die Gospelsängerin Sister Rosetta Tharpe mit Barbers Band auf. Er organisierte nicht nur ihre Tourneen, sondern finanzierte sie oft auch.

          E-Gitarren waren damals in Jazzclubs als „Rock 'n' Roll“ verpönt - doch Barber sorgte mit Muddy Waters dafür, dass die E-Gitarre Einzug in die britische Rhythm-and-Blues-Szene hielt. Das veränderte die Stimmung gegenüber dem traditionellen Jazz. Der Posaunist und seine Band verloren an Popularität, wurden dafür aber im europäischen Ausland umso bekannter – vor allem in Deutschland, wo sie die meisten Konzerte spielten.

          Während seiner langen Karriere hat Barber vielen Musikern als Förderer den Weg geebnet. 1958 eröffnete er zusammen mit einem Geschäftspartner den legendären Londoner Marquee Club, in dem viele zukünftige Rockstars auftraten, darunter die Yardbirds und die Rolling Stones.

          Selbst im hohen Alter gab er noch 100 Konzerte im Jahr und unterhielt sein Publikum mit Hits wie „Ice Cream“, „Petite Fleur“ oder „Wild Cat Blues“. Zeit seines Lebens blieb er dem frühen New-Orleans-Jazz treu. An einer Jubiläumsplatte von 2011, die „Memories Of My Trip“ (Erinnerungen an meine Reise) heißt, beteiligten sich Stars wie Eric Clapton, Van Morrison und Mark Knopfler. Erst nach einem gefährlichen Sturz zog sich der Jazz-Veteran 2019 nach sieben Jahrzehnten im Musikgeschäft ins Privatleben zurück. 

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