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Pop-Prinzessin : Sexy geht auch ohne Ausschnitt

  • -Aktualisiert am

Nur hochgeschlossene Auftritte: Janelle Monáe wurde gleich mit Prince verglichen Bild: AP

Janelle Monáe verzaubert die Menschen. Sie hat mehr Stil als alle derzeitigen Popstars zusammen, ihre Musik ist eine Mischung aus Funk, Hiphop, Rock und Varieté. Das Popjahr 2010 gehört der Künstlichkeit.

          Janelle Monáe pfeift auf Authentizität. Sie ist in erster Linie: anders. Anders als die anderen, anders als die Vorgänger, die wie sie den Soul singen. Janelle Monáe will nicht authentisch sein, schon gar nicht zu einer Minderheit gehören, das ist sie wegen ihrer Hautfarbe und wegen ihres Geschlechts - nicht nur, aber auch im Pop - sowieso. Janelle Monáe macht etwas, was gerade Frauen in einem professionellen Sinn oft fehlt: Sie denkt sich groß. Kluge Inszenierungskünstler wie Janelle Monáe oder Lady Gaga haben das Prinzip der „Authentizität“ mal wieder tief in der Mottenkiste vergraben. Das Popjahr 2010 gehört der Künstlichkeit.

          Und so legt Janelle Monáe, vierundzwanzig Jahre alt, geboren in Kansas City, inzwischen lebt sie in Atlanta, mit ihrem Debüt auch mehr hin als nur eine weitere R-'n'-B-Platte. „The ArchAndroid (Suites II and III)“, so lautet der etwas komplizierte Titel, ist ein Konzept-Album, die afroamerikanische Auslegung von Fritz Langs Stummfilm „Metropolis“, und erzählt die Geschichte einer Kunstfigur: Cindy Mayweather, ein Android aus dem Metropolis des 28. Jahrhunderts, geschaffen aus der DNA von Janelle Monáe. In Metropolis verliebt das Wesen sich in einen Menschen und bewahrt damit die Gesellschaft aus Robotern und Humanoiden vor dem Untergang. Die Musik, die dazu spielt, ist eine Mischung aus Funk, Hiphop, Rock und Varieté.

          Androide Forscherin

          „The ArchAndroid“, was in Anlehnung an Erzengel so viel wie Erzandroid bedeutet, beginnt ganz klassisch: Ein Orchester stimmt seine Instrumente, die Zuhörer applaudieren, die Ouvertüre setzt ein. Gleich danach kommt ein Stück, zu dem man unbedingt tanzen will - „Dance or Die“ mit dem Rap-Poeten Saul Williams als Gast. Was für ein Beginn! R'n'B und Electronica mischen sich aufs Schönste mit dem Swing der dreißiger Jahre. Mit „Tightrope“, bei dem Big Boi vom Hiphop-Duo OutKast mitmacht, hat Janelle Monáe eine Single geschrieben, die genauso die Massen begeistern dürfte wie „Cold War“: dessen Groove erinnert an Gnarls Barkley. „Make the Bus“ schließlich kommt eher wie Indierock daher, es wurde mit der Band of Montreal aufgenommen.

          Janelle Monáe war zum Studieren nach New York gegangen, an die American Musical and Dramatics Academy, hatte das aber abgebrochen. „Ich bin eine Forscherin, deswegen habe ich die Schule verlassen, um nicht zu sehr von standardisierten Lehren beeinflusst zu werden“, sagt sie. Stattdessen zog sie nach Atlanta, wo sie in den Dunstkreis um OutKast gerät. Sie fällt P.Diddy auf, er nimmt sie unter Vertrag, das Publikum findet Gefallen an ihr: Das jetzt erscheinende „The ArchAndroid Suites II and III“ ist die Fortsetzung von Janelle Monáes erster EP, „Metropolis Suite I“, die gleich für den Grammy nominiert wurde.

          Die Kunstfigur Monáe

          Ihren ersten und bislang einzigen Auftritt in Deutschland hatte Janelle Monáe auf der Berliner Modemesse Bread & Butter vor gut einer Woche. 37 Grad Celsius zeigte das Thermometer auf dem Rollfeld des früheren Flughafens Berlin-Tempelhof an. Monáe tanzt wie ein Derwisch. Die ersten drei Lieder gehen ohne Pause ineinander über. Die Kunstfigur Monáe, perfekt und cool wie in ihren Videos, trotzt der Hitze. Das Einzige, was kollabiert, ist ihre Frisur. Monáe trägt es mit Fassung, rückt die Haare zurecht, und setzt ihre grandiose Live-Show fort.

          Mit der gleichen Fassung trägt sie, dass sie sich mit Schlagzeuger, Gitarrist, Bassist und zwei Tänzern in eine Art Puppenstube pressen muss. Monáe trägt schwarz-weiße Lederschuhe, schwarze Anzughose und eine weiße Bluse unterm schwarzen Samtumhang, ihr Publikum ist sommerlich nachlässig gekleidet. Sonst lässt die Sängerin nach Beginn ihrer Konzerte niemanden mehr ein, jetzt tut sie so, als würde sie den mangelnden Glamour nicht bemerken. Und legt eine mitreißende Show hin, bei der sie sich gegen Ende sogar unter das Publikum mischt. Begleitet von ihren Tänzern, die unter dunklen Roben und venezianischen Masken verborgen sind, gleitet die knapp 1,50 Meter große Frau wie auf Eis durch die Menge.

          Respekt im Anzug

          Die bestgekleidete Frau auf der Bread-&-Butter-Messe ist an diesem Nachmittag also kein Model und auch keine Hostess, sondern Janelle Monáe. Sie hat mehr Stil als alle derzeitigen Popstars zusammen. Auch und gerade weil sie sich nicht als halbnacktes R'n'B-Starlet inszeniert, sondern nur hochgeschlossen auftritt. Der Anzug, hat Anne Hollander geschrieben, sei das Kleidungsstück mit dem größten Sexappeal - allerdings nur beim Mann. Janelle Monáe scheint das auf der Bühne und in ihren Videos zu widerlegen. Ihre Kleidung zeigt ein Gefühl für visuelle Differenz; Monáe ist gleichzeitig schick - und in Arbeitskleidung. Die Sängerin sieht sich selbst in der Tradition einer unterprivilegierten Schicht, die gezwungenermaßen uniformiert arbeiten muss. Ihre Mutter ist Putzfrau, ihr Vater Müllmann. Gleichzeitig entzieht sich Monáe dadurch der klassischen Arbeitskleidung der Black Music.

          Statt sich also wie die anderen R-'n'-B-Stars erotisch oder kindlich zu inszenieren, gründet Janelle Monáes Stil auf Selbstachtung. Ihr Sex-Appeal ist diskret. „Ich will einfach zeigen, dass man sexy aussehen kann, ohne in kurzen und tief ausgeschnittenen Kleidern herumzulaufen“, sagt sie selbst über ihren maskulinen Mode-Stil. Auch wenn sie äußerlich immer respektabel bleibt, halten manche sie für angreifbar: So wird sie den Ruf nicht los, lesbisch zu sein. Janelle Monáe selbst hat partout keine Lust, sich zu diesen Gerüchten zu äußern - und hat gesagt, sie würde sowieso nur mit Androiden ins Bett gehen.

          Ihre Musik setzt all diese Fragen außer Kraft. Sie ist cool und elegant, sprüht vor Energie, die Pop-Songs sind smart arrangiert. Janelle Monaé springt spielerisch zwischen den Genres hin und her, was ihr den Ruf einbrachte, der neue Prince zu sein. Sie inszeniert sich klüger als Beyoncé und ist leichter zugänglich als Erykah Badu. Bei allem Stilmix verkommt ihr Debütalbum „The ArchAndroid“ nie zur Nummernrevue. Janelle Monáe: A star is born.

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