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Jane Birkins neues Album : Besternte Ernte

  • -Aktualisiert am

Legte ihr 16. Album vor: Jane Birkin Bild: AP

In ihrem neuen Album „Enfants D'Hiver“ („Winterkinder“) scheint Jane Birkin endlich zu sich selbst zu kommen. Es geht um die Zuflucht der Erinnerung vor grausigen Gegenwartsphänomenen, das Wort steht im Vordergrund, die Arrangements sind spärlich.

          Ihre neuen Chansons kommen so daher, wie Jane Birkin selbst an der Seite von Serge Gainsbourg auf vielen Fotografien der wilden und freien Zeit zu sehen ist: in einem Kleid aus nichts. Das Album „Enfants D'Hiver“ („Winterkinder“) steht im Zeichen des Parlandotons und höchstens kleiner, kindlicher Melodien, die von spärlichen Arrangements getragen werden. Selbst die wenigen beteiligten Instrumente sind aber im Verhältnis zur Stimme merklich in den Hintergrund gemischt. Deutlich spürbar ist demnach die Konzentration auf das Wort; das Stück „Maison etoilée“ etwa wird am Ende ganz zum gesprochenen Gedicht - zu keinem schlechten, schon deshalb, weil die Übersetzung das schöne Gernhardt-Adjektiv „besternt“ erfordert.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Es geht um das besternte Haus der Kindheit, eine Zuflucht der Erinnerung vor grausigen Gegenwartsphänomenen: „Le Gulf Stream nous évite / Avec allégresse / Les gens se suicident / C'est à cause du stress“. Die blaue Höhle der Kindheit sucht auch das Stück „Periode bleue“ wieder auf, das von Wind und Meer beherrscht wird: Jane Birkin schaut zurück in die eigene Vergangenheit; das zeigen auch die Kinder- und Jugendbilder von ihr, die das Album schmücken. Der Exhibitionismus liegt ihr eben, und wir, die Voyeure, staunen über die schlagende Ähnlichkeit zwischen der Zehn- und der Zweiundsechzigjährigen. Wie damals das Kind am Strand trägt sie heute die Haare kurz, was ihr, die in den Siebzigern weiß Gott ein anderes Image hatte, einen merkwürdig androgynen Zug verleiht.

          Mit Gott und der Welt im Studio

          Besternt war Birkins Weg bis jetzt in vieler Hinsicht. Nicht nur als Serge Gainsbourgs Gespielin und Duettpartnerin war sie der Star der Szene; sie schaffte auch den Übergang zu reiferen Rollen, in der Musik wie im Film. In der „schönen Querulantin“ von Jacques Rivette etwa, in der sie die Ehefrau des Malers Frenhofer aus der Vorlage einer Novelle von Balzac spielte, während Emanuelle Béart den Part der jungen Schönen übernahm, war diese Transformation vollzogen. Der Zuschauer stand am Ende vor der Frage, welche der beiden Querulantinnen der Maler auf seinem Bild verewigt hatte - das Gemälde wird vom Schöpfer eingemauert, bevor der Zuschauer davon mehr als einen Fuß zu sehen bekommt -; doch vieles sprach dafür, dass es der der Birkin war.

          Heute, noch einmal fast zwanzig Jahre nach der Querulantin, hat sie auch ihrem musikalischen Werk manche neue Note hinzugefügt. Nach Gainsbourgs Tod 1991 wollte sie zunächst überhaupt nicht mehr singen und konnte sich gar nicht vorstellen, mit jemand anderem als ihm zusammenzuarbeiten. Die Wende kam dann doch, und wie dem vorherigen Schwur zum Trotz ging Jane Birkin dann mit Gott und der Welt ins Studio, um zunächst Gainsbourg märchenhafte Aufnahmen zu widmen („Arabesque“, 2003), gab sich ein Stelldichein mit Manu Chao und der Portishead-Sängerin Beth Gibbons („Rendez-Vous“, 2004) und legte sich schließlich mit Fremdkompositionen großer Meister wie Tom Waits an („Fictions“, 2006).

          Die zarteste Bekundung spiritueller Anwesenheit

          Wirklich eigenständig aber wird sie erst durch das nun vorliegende Album, wenngleich sie sich auch hier für die Komposition Hilfe holte. In den Texten ist sie endlich ganz sie selbst. Noch immer hört man dem Französisch der gebürtigen Londonerin den britischen Einschlag an, während kurioserweise ihre Tochter Charlotte Gainsbourg den französischen Akzent im Englischen kultiviert. Drei Töchter hat Jane Birkin, von drei verschiedenen Männern.

          „Prends cette main / qui a beaucoup servi“ eröffnet sie die Platte - eine Aufforderung, die an ein Du genauso wie auch an das eigene Ich gerichtet sein kann: Reich mir die Hand, mein Leben, komm auf mein Schloss mit mir. Tatsächlich erkundete Birkin einmal die Möglichkeit eines weiblichen Don Juan, in Roger Vadims Film „Don Juan 73“ an der Seite von Brigitte Bardot. Unter ihren Dachbodenfunden sind aber nicht nur schöne Erinnerungen: In „14 février“ klagt sie über jenen Schmerz, der bei Jährungen zum Ausdruck kommt, und über kurze Küsse, die lange Nachwirkungen haben. Ganz aus dem Rahmen fällt nur ein Stück: In einem Anflug von Engagement widmet Birkin sich hier burmesischen Mönchen, die von Folter bedroht sind. Dafür deklamiert sie plötzlich auf Englisch, verliert ihren Charme und liest ein Manifest für die unter Hausarrest stehende Oppositionspolitikerin Aung San Suu Kyi. Selbst auf die Marschtrommel wird hier als Stilmittel nicht verzichtet, ein etwas staubiges Instrument vom Dachboden der engagierten Popmusik. So ehrbar das Unterfangen sein mag, so störend ist das Stück auf einem Album, das sonst wie aus einem Guss ist.

          Als wäre nichts gewesen, folgt auf diesen Ausrutscher die zarteste Bekundung spiritueller Anwesenheit, die Birkin dem Hörer verspricht: „Je suis au bord de ta fenêtre / Laisse-moi entrer“. Auf einer Bewertungsskala, wie manche sie für Platten vorsehen, würden wir sagen: ziemlich hohe Besternung.

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