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Jan Delay : Es gibt Kartoffeln, Baby

  • -Aktualisiert am

Posiert passend zur Platte: Jan Delay Bild: Universal Music

Weg vom Reggae, hin zum Funk: Jan Delay hat eine neue Platte aufgenommen, bei der Bob Dylan und Helge Schneider Pate standen. Dem näselnden Nike-Fan geht es diesmal nicht um Politik, sondern um Stilkritik.

          5 Min.

          Manche Probleme erledigen sich ja mit der Zeit. Die Sorge, schurkische Musikjournalisten könnten noch unveröffentlichte Tonträger, die ihnen von der Musikindustrie zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt wurden, ins Netz stellen oder auf dem Flohmarkt verhökern, scheint noch nicht aus der Mode gekommen zu sein. Oder das Problem ist wirklich so groß. Jedenfalls fallen den Plattenfirmen immer noch sagenhafte Tricks ein, um moralisch ungefestigte Journalisten von ihrem Tun abzuhalten. Eine Möglichkeit sind sogenannte „digital watermarked"- CDs, die allein schon aufgrund dieses Vermerks bei leicht beeindruckbaren Journalisten den Eindruck erwecken müssen, sie seien irgend etwas, was Tom Cruise in „MI:3" in der Hand hatte.

          Die Auskunft, eine CD sei watermarked, also mit einer Art digitaler Prägung zur Rückverfolgung versehen, suggeriert: Die leichtfertige Weiterreichung eines solchen Tonträgers wird von höchster Stelle sofort bemerkt und mit stundenlangen Verhören, Armumdrehen, Brennesseln und Haue bestraft. Jan Delay, dreißig, auch bekannt als Jan Eißfeldt, und seine Plattenfirma wählten einen anderen Weg, das noch unveröffentlichte neue Album des Künstlers zu schützen: Auf seiner Vorab-CD kamen alle zwanzig Sekunden akustische Kühe und Schafe in die Songs gelaufen und machten lautstark „Muh" und „Mäh". Plärrten einfach mitten rein. Zusätzlich wurde die Soundqualität merklich verschlechtert: Die Platte klang wie eine leere Keksdose. Eine klangliche Zumutung, kaum anzuhören.

          Siebziger-Jahre-Gesäßwackel-Funk

          Eine großartige Platte. Auf „Mercedes Dance" findet sich dermaßen phantastische Musik, daß keine doofe Kuh dieser Welt ihr etwas anhaben könnte. Musik, der man einen dicken Stempel aufpappen könnte, wenn Jan Delay dies nicht selbst täte. Es ist ein Funk-Album, Funk im Sinne von Siebziger-Jahre-Gesäßwackel-Funk, und dies teilt uns Jan Delay auch gleich zu Beginn mit: „Ein neuer Jan, ein neuer Anfang / Reggae ist tot, jetzt ist Funk dran", singt der Mann, der hauptberuflich bei den Beginnern (früher: Absoluten Beginnern), Deutschlands feinster aktiver Hip-Hop-Band, rappt und zuletzt, vor fünf Jahren, eine Reggae-Platte veröffentlichte.

          Verwunderlich daran ist letztlich gar nichts: Hip-Hop ist der Achtziger-Jahre-Sprößling des Funk, und Reggae, die jamaikanische Spielart schwarzer Musik, parkt auch ums Eck. Insofern ist das natürlich fraglich mit dem neuen Jan und dem neuen Anfang. Das mit dem Funk allerdings ist fix: „Mercedes Dance" ist, wie schon das Reggae-Album, die entspannte Aneignung eines Genres. Das ist vielleicht das Besondere an Jan Eißfeldt: daß er sich die Musiken, die er liebt, so elegant einverleibt, daß Kategorien wie „echt" oder „nachgemacht" nicht greifen. Allein dem Schlagzeug auf dieser Platte zuzuhören, wie es präzise tickt und elastisch swingt, ist eine Riesenfreude. Das ist höchste Musikalität - vollkommen jenseits des hierzulande verbreiteten hüftsteifen Muckertums von Stefan-Raab-Showbandmusikanten.

          Die Deutschlandverbesserungsstrategie

          War Jan Delays Reggae-Platte „Searching for the Jan Soul Rebels" noch stark politisiert (unter anderem arbeitete sich das Album am Deutschen Herbst und der RAF ab), geht es dem näselnden Nike-Fan nunmehr vor allem um Stilkritik - die bei ihm jedoch nie weit weg ist von Systemkritik: Falsche Schuhe und blöde Frisuren sind ihm untrügliche Indikatoren einer gesamtdeutschen Fäulnis. Der Schlüsselsong in diesem Zusammenhang trägt den Titel „Kartoffel". Darin heißt es: „Geht's um Entertainment bei unserem Kleingewächs / sag ich ,Bonjour Tristesse', und zwar im vollen Effekt / Wir haben andere Hobbies, andere Vorlieben / Regeln vorschreiben oder auch Riegel vorschieben / Wir scheißen auf Mucker, wollen lieber Bausparen / darum haben andere Bob Marley, und wir haben Klaus Lage / keinen Miles Davis, nicht mal einen Frank Sinatra / Warum sind hier alle so modebewußt wie Taxifahrer?" Sosehr die Beschreibung ja in Teilen stimmt, so verkürzt und simpel ist Delays Fazit: Es bedürfe nur einer ausreichenden Stilbildung, und „wir können wetten / in zwanzig Jahren mach ich dir aus Bielefeld Manhattan".

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