https://www.faz.net/-gqz-9yh4f

James Taylor und Einsamkeit : Isolation ist gut für den Gitarrenstil

  • -Aktualisiert am

Gute Nachricht: James Taylor ist nicht allein. Bild: dpa

„Gone to Carolina in my mind“: Ein Anruf bei dem amerikanischen Liedermacher James Taylor, der gerade ein autobiographisches Hörbuch und das Album „American Standard“ veröffentlicht hat.

          3 Min.

          Alleinsein kann James Taylor. Sein vielleicht traurigster Song, der über Feuer und Regen, über den Suizid seiner Kindheitsfreundin Suzanne, beklagt „lonely times when I could not find a friend“. „Jeder, der James Taylor kannte, wusste, dass er zu gleichen Teilen aus Musik und Isolation bestand“, schreibt der Journalist David Browne in seinem Buch „Fire and Rain“ über das bewegte Musikjahr 1970. Taylor war bis dahin weitgehend unbekannt. Dann erschien sein zweites Album „Sweet Baby James“, darauf besagter Song. Taylor war berühmt.

          Jetzt, da alle Welt allein ist, ist Taylor es nicht mehr. Er sitze in Montana fest, aber es könne schlimmer sein. Seine Frau Kim und ihre beiden achtzehn Jahre alten Söhne – „Zwillingen“, sagt Taylor in gebrochenem Deutsch – waren im Skiurlaub, als das Land in den Stillstand schlitterte. Seit einem Monat harren sie nun in ihrem abseits gelegenen Häuschen aus. Ursprünglich standen Tourneen mit Bonnie Raitt und Jackson Browne an, letzterer war vor kurzem selbst am Coronavirus erkrankt. „Ein milder Fall“, versichert Taylor, er wolle seinen Freund später aber unbedingt noch mal fragen. James Taylor hat jetzt viel Zeit zum Telefonieren.

          Wie passt die Abschottung zur Musik? „Alleinsein ist nötig, um ein eigenes musikalisches Vokabular zu entwickeln“, sagt Taylor, der jetzt zweiundsiebzig ist. Er meint damit aber sein jüngeres Ich. „Wenn man der beliebteste Kerl der Highschool ist, verbringt man seine Zeit nicht damit, seinen persönlichen Gitarrenstil zu finden. Isolation spielte da eine wichtige Rolle für mich.“ Der Gitarrenstil: Scharen von akustischen Fingerpickern hat er mit seinen tippelnden Hammer-ons und Pull-offs beeinflusst, diesen eckigen Taylor-Noten, die nur in der linken Hand entstehen und Songs wie „Carolina in My Mind“ schon im ersten Akkord signieren.

          Mehr Kamin- als Lagerfeuermusik

          Gerade hat Taylor sein neunzehntes Studioalbum veröffentlicht. „American Standard“ – gemütliche Neuarrangements von Stücken aus Musicals wie „Oklahoma!“ oder „Brigadoon“ – ist ein altmodisches Alterswerk, mehr Kamin- als Lagerfeuermusik. Was zieht den nicht mehr jungen Songschreiber zum Fremdmaterial? Neil Young sang nostalgisch-schöne Coverversionen auf „A Letter Home“ (2014), Bob Dylan trällerte Sinatra-Lieder auf „Shadows in the Night“ (2015), Johnny Cash nahm in seinem letzten Lebensjahrzehnt die „American Recordings“ auf (1994 bis 2002). Und Taylor?

          Er weiß, dass diese Musik eine Retrospektive ist. „Meine Songwriter-Generation war zutiefst geprägt von den Songs, die vor dem Rock ’n’ Roll, von den späten Zwanzigern an bis in die Fünfziger geschrieben wurden. Rodgers und Hammerstein, Cole Porter, Frank Loesser – in Sachen Liedkunst war das der Zenit der Popmusik, und wir waren damit aufgewachsen. Joni Mitchell, Paul Simon und Bob Dylan hatten alle noch diese Musik im Ohr. Sie war Teil unserer Quelle.“

          Anfang der siebziger Jahre waren Taylor und Mitchell ein Paar, heute sind sie befreundet. Kürzlich machte Taylor mit einem Interview im „Guardian“ Schlagzeilen, weil er gesagt hatte, Mitchell, seit Jahren schwer krank, mache wieder Musik. Etwa ein Album? „Sie tut, was ihr Freude macht“, sagt Taylor. „Sie arbeitet nicht. Sie spielt. Wie ich höre, veranstaltet sie gelegentlich musikalische Abende, an denen Freunde vorbeikommen und Lieder singen. Und ab und zu setzt sie sich selbst ans Klavier.“

          Bevor Taylor Mitchell kennenlernte, bevor er „das Genre mit dem scheinbar widersinnigen Namen Soft-Rock“ (David Browne) mitbegründete, war er ein schwermütiger Teenager. In seinem hörenswerten Audio-Memoir „Break Shot“ erzählt Taylor von seinem Aufwachsen in einer Akademikerfamilie in Neuengland. Das anderthalbstündige Hörbuch erinnert selbst ein wenig an einen James-Taylor-Song: ein Mittelschichtsdrama, trügerisch behütet.

          Der Vater hatte Medizin in Harvard studiert, die Mutter Gesang an einem Bostoner Konservatorium. Wochenends fuhren Taylors nach New York, ins Theater oder ins Museum. James lernte Segeln, bekam Cello- und Französischunterricht. Als Sechzehnjähriger bereiste er mit einer Jugenddelegation beide Seiten des Eisernen Vorhangs und besah in einer Turbotour Moskau, Leningrad, Minsk, Ost-Berlin, Hamburg, Kopenhagen, München und London. „Im Jahr nach mir machte Bonnie Raitt die gleiche Reise“, erwähnt Taylor nebenbei. Zuvor war die Familie von Massachusetts nach North Carolina gezogen, wo der Vater eine Professur angenommen hatte. Dann verschwand er für zwei Jahre als Militärarzt in die Antarktis und kehrte alkoholabhängig zurück. Die Familie zerbrach. Als junger Mann kämpfte James Taylor gegen Depression und Drogensucht.

          Taylor muss bald auflegen, er hat noch ein paar Anrufe. Man fragt unbeholfen nach Trump, muss man ja fast. Ja, sagt Taylor, schlimm. Dürfe auf keinen Fall wiedergewählt werden. Und bis dahin? „Meine Hoffnung ist, dass wir aus dieser Pandemie herauskommen und überdenken, wie unsere Aktivitäten den Planeten beeinflussen. Dass wir aufhören, in fieberhaftem Konsum einzig an die Stimulation der Wirtschaft zu denken und sie dabei nur in Brand setzen.“ Man möchte irgendeine Pointe mit Feuer und Regen dazudichten. Aber „Fire and Rain“ ist keine Ökohymne, sondern ein zeitloses Ich-und-du-Lied über das Alleinsein. Recht hat Taylor trotzdem. „Bis bald“, sagt er zum Schluss, in Quarantäne, nicht allein.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Joe Kaeser bei der virtuellen Siemens-Hauptversammlung am 9. Juli

          Abspaltung von Siemens Energy : „Joe Kaeser hat nichts gelernt“

          Die größte Transformation der Siemens-Geschichte ist fast einmütig abgesegnet worden. Der Börsengang der Energiesparte dürfte das Ereignis des Jahres am deutschen Aktienmarkt werden. Fridays for Future sieht ein „fossiles Geschäftsmodell“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.