https://www.faz.net/-gqz-8p21m

Paolo Conte zum Achtzigsten : Knarzgesang von höchsten Gnaden

That’s wonderful: Paolo Conte beim Jazz Fest Wien Bild: dpa

Er bescherte Adriano Celentano seinen größten Hit, wagte sich aber selbst erst spät als Sänger aus der Deckung: Zum achtzigsten Geburtstag des italienischen Musikers Paolo Conte.

          3 Min.

          Als das Publikum Paolo Conte selbst kennenlernte, war der schon Ende dreißig. Seine Lieder aber waren da längst weltberühmt, vor allem „Azzurro“, das er 1968 für Adriano Celentano komponiert hatte. Es wurde zu einem unvergänglichen italienischen canzone und übertraf an Popularität im Herkunftsland sogar noch das Duett „La coppia più bella del mondo“, das Conte ein Jahr zuvor ebenfalls für Celentano (und dessen mitsingende Ehefrau) geschrieben hatte. Aber als Musiker eigenen Rechts wahrgenommen wurde der 1937 im piemontesischen Asti in eine Juristenfamilie hineingeborene Conte, der nach dem frühen Tod des Vaters dessen Kanzlei übernommen hatte, erst bei Erscheinen seiner ersten Soloplatte 1974.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Für sie gab er den Anwaltsberuf auf und ließ keinen Zweifel aufkommen, wer hier am künstlerischen Werk war: Der Titel dieser Platte lautete schlicht „Paolo Conte“, als müssten ihn schon alle kennen, Conte sang und spielte Klavier bei jedem Stück, hatte alles selbst komponiert und getextet (bis auf ein Lied, das sein um vier Jahre jüngerer, damals immer noch als Anwalt tätiger Bruder Giorgio geschrieben hatte), ja selbst die Hüllengestaltung lag ganz in der Hand des nun allgemein sicht- und hörbar werdenden Multikünstlers, der darauf eine eigene Zeichnung unterbrachte. Denn warum sich mit Juristerei und Musik begnügen, wenn man auch noch malen kann? Und ein Jahr später sollte sich dieses monomanische Herstellungsprinzip bei der zweiten Platte wiederholen, nur dass diesmal sämtliche Lieder von Paolo Conte stammten.

          Immerhin lud er zu den Aufnahmen andere Musiker zum Mitspielen ein - die Live-Auftritte verlangten das ohnehin -, aber das Piano als sein eigenes Instrument bildet die Dominante in den Arrangements; und als er später die Kazoo für sich entdeckte, die so klingt, wie Conte singt, und vor allem neben dem Klavier gespielt werden kann, wurde sie zum beliebten Effekt in den Liedern der achtziger und neunziger Jahren. Aber Conte hat eben auch das Selbstverständnis eines Bandleaders. Im jazzaffinen Italien sind seine eingängigen Melodien deshalb so erfolgreich, weil der selbst seit Jugendzeiten vom Jazz begeisterte Conte eine Instrumentierung wählt, die den kleinen Ensembles der intimen Bars und Nachtklubs abgelauscht ist: Klavier, akustische Gitarre, Kontrabass und Schlagzeug, gerne auch noch ein Akkordeon, wie wir es aus einigen seiner größten Hits kennen, aus „Max“ oder „Avanti Bionda“. Doch vor allem seine Stimme machte ihn zum Phänomen, und als sie 1974 zum ersten Mal für ein großes Publikum zu hören war, verstand man, warum er so grandios für Celentano hatte komponieren können: Beide Sänger klingen, als trainierten sie ihre Stimmbänder mit Schleifpapier. Doch Conte pflegt dazu oft noch die hohe Kunst eines Sprechgesangs, der in Vibrationstiefen führt, denen sich eine heimische Musikanlage erst einmal gewachsen zeigen muss. Die Technik des Scats beherrscht er auch. Und die der himmelstürmenden Großorchestrierung, man höre nur „Sparring Partner“, „Gli impermeabili“ oder „Aguaplano“.

          Bis dieses musikalische Phänomen jenseits aller Moden auch diesseits der Alpen populär wurde, dauerte es weitere zehn Jahre, und dann fand Paolo Conte sein treuestes Publikum außerhalb der Heimat trotz zeitweise jährlichen Konzerttourneen nicht in Deutschland, sondern in Frankreich und bei den von seinem Knarzcharme noch hingerisseneren Niederländern - selbst wenn er ein Lied wie „Don’t throw it in the W.C.“ singt (das allerdings eine höchst melancholische Geschichte erzählt und ein fabelhaftes New-Orleans-Jazzarrangement aufweist). Ironie ist ohnehin Contes Sache nicht, in ihm hat das waidwunde Liebeslied einen Liebhaber gefunden, und er ist ein großer Nostalgiker, nicht nur betreffs des Jazz, sondern vor allem in seinen Texten, die winzige Beobachtungen wie abperlende Tropfen auf Regenmänteln oder Beschwörungen des Genusses von Zitroneneis oder eines Tags am Meer bieten. Italianità reinsten Wassers.

          Erst Ende der Neunziger ebbte die europaweite Begeisterung wieder ab, weil sich der Musiker nun mehr Zeit mit neuen Aufnahmen und Gastspielen ließ, ein Musical schrieb und sich wieder verstärkt der Malerei zuwendete, für die ihm 2007 sogar die Ehrendoktorwürde verliehen wurde - als Komponist und Interpret hatte er schon vier Jahre früher eine erhalten. Aber wenn Paolo Conte noch einmal auf Tournee geht, wie zuletzt im Winter 2015 mit Ende siebzig, dann kann man einen Künstler erleben, der außer der eigenen Musik keine Legitimation braucht. Heute wird er achtzig Jahre alt.

          Weitere Themen

          Wie man Wunder verpasst

          Alanis Morissettes Comeback : Wie man Wunder verpasst

          Nach Jahren erscheint ein neues Album von Morissette: „Such Pretty Forks in the Road“. Ihre Chuzpe ist wieder da, aber an der Musik stimmt etwas nicht. Sie klingt, als hätten die Produzenten von Andreas Bourani mitgemischt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.