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Gianna Nannini zum Sechzigsten : Die Frau ist ein Rocker

Gianna Nannini im November 2013 in Berlin Bild: dpa

Sie ist akademisch-musikalisch durchgebildet, aber nicht domestiziert. Sie nimmt sich die ganze Seele, keine Halbheiten. Gianna Nannini, die Primadonna assoluta der italienischen Rockmusik, wird sechzig Jahre alt.

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          Ohne Gianna Nannini wären viele Sommer kühler geblieben: ohne ihre Stimme, ihr Staccato und ihre Energie, ohne ihre Texte und ihre Musik, auf der Bühne sowieso, aber es reichen auch ihre Platten. Es ließe sich mit „California“ anfangen, dem Album, das 1979 erschien (ach ja, das Cover machte scandalo, weil die New Yorker Freiheitsstatue darauf einen Vibrator hochreckt). Dort schon sang sie „America“, was bis heute sehr gut geht, sie schreit sich jenes fa mi volare und fa mi l’amore von der Seele und vom Leib, mit dem Furor, der in ihr drin ist. Flamboyant unbedingt, ganz große Oper, wofür hatte Italien schließlich einen Verdi?

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Die Achtziger in Deutschland badeten, was die Musik angeht, regelrecht in italianità, die aber nichts mit dem Missbrauch des Begriffs in früherer Zeit (und später noch mal durch Berlusconi) zu tun hatte, sondern jetzt mit Sehnsucht nach der Wärme des Südens, wenn nicht nach Hitze. Die atemraubend aussehende Alice sang „Per Elisa“, sie spuckte den Namen ihrer Widersacherin nachgerade aus, eher für die ergriffenen Männer. Der inkarnierte Italiener Toto Cutugno besang ziemlich unverblümt sich selbst, sono un italiano vero. Und was tat die aufregende Gianna Nannini? Sie rockte ihren „Latin Lover“ in Grund und Boden, für die Frauen und für die Männer gleichermaßen - stai con le tue foto, das war noch der gelindester Ratschlag für den praktizierenden Narzissten von ihr, die sich stets zu ihrer Bisexualität bekannt hat. Das Ganze ging sie mit einer Verve an, die selbst so unwiderstehlich klingt wie, nun ja, der Sound einer Moto Guzzi California in der Sonne, eben cambi emozioni. „Latin Lover“ wurde zur unvergänglichen Hymne, es folgten Hits wie „Bello e impossibile“ oder „I maschi“, das Gegenteil einer Verwerfung, ein Liebesgeständnis eher.

          Das hätte halb Italien das Herz gebrochen

          Sie nahm sich das alles einfach heraus, geboren 1956 als bürgerliches Konditorentöchterlein im an sich lauschigen Siena, akademisch-musikalisch durchgebildet, aber nicht domestiziert. Denn die Maschine war und ist sie selbst, die Frau ist ein Rocker, auf Vorschriften reagiert sie deutlich allergisch. Das hat sie auch bewiesen, als sie 2010 im Alter von 54 Jahren ihre Tochter Penelope gebar. Sie hat sich diesen Wunsch erfüllen können; den Vater nennt sie nicht, sagt nur einmal irgendwo, die Schönheit habe das kleine Mädchen wohl von ihm.

          Im Juni 2007 in Hamburg

          Dabei ist Gianna Nannini wirklich schön, anmutig auf ihre Art und nie vulgär, aufsässig und beinah angstfrei; sie kennt die Abgründe. Aber auch ohne falsche Scheu vor der vollen Packung Romantik, und das nicht erst, seit sie im vergangenen Jahr ihre Platte „Hitalia“ aufnahm, in unverkennbar heiserer Inbrunst, wenn es um Gassenhauer wie „Volare“ oder „O sole mio“ geht. Dass ihr, die von ihren Landsleuten verehrt wird, in ihrer Heimat für einige Zeit eine Steueraffäre anhing, sei erwähnt. Sie ist inzwischen beigelegt, es gab einen Vergleich und eine Bewährungsstrafe. Gianna Nannini im Gefängnis hätte mindestens halb Italien das Herz gebrochen.

          Bereits auf dem „California“-Album sang sie „Me and Bobby McGee“ und auf der Bühne manchmal eine erste Strophe sogar in Englisch, den Rest aber in Italienisch. Vielleicht keine andere als Gianna Nannini hätte Janis Joplin so das Wasser reichen können bei Kris Kristoffersons ultimativer Herz-Schmerz-Freiheit-Hymne. Dagegen ist es nicht leicht vorstellbar, dass ein anderer oder eine andere ihre eigenen Lieder singen kann wie sie selbst.

          Im November 1987 in der Schweiz

          „Ragazzo dell’Europa“ heißt eines von ihnen, die ragazza ist sie. Und auch das gehört in ihre Vita: Als 1990 die FußballWeltmeisterschaft in Italien stattfand - Deutschland wurde Weltmeister (Andreas Brehme schoss das Siegtor; Italien war im Halbfinale ausgeschieden) - sang Gianna Nannini gemeinsam mit ihrem Kollegen Edoardo Bennato (die Musik war von Giorgio Moroder) den Titelsong „Un estate Italiana“. Ein bisschen grölte sie ihn auch. Das Liedchen könnte man doch gut einmal wieder hören, zumal nach dem ersten Spiel der deutschen Mannschaft am Sonntag in Frankreich. Es hat diese ungemein südliche Stimmung. Der Norden bleibt einfach für Anfänger, da kann eine deutsche Sängerin noch so atemlos durch die Nacht laufen.

          Gianna Nannini ist die Primadonna assoluta des italienischen Rock, und auch in jeder Hosenrolle ist sie umwerfend. „Sei nell’anima“ heißt eines ihrer schönsten sanftesten Lieder, und dieses Gefühl gilt für alle, die ihr immerfort zuhören. Sie nimmt sich die ganze Seele, keine Halbheiten. Den Schmachtfetzen hat sie sich auf der Bühne auch schon gemeinsam mit der Pop-Diva Laura Pausini gegönnt, die Damen gaben sich den Spaß - zuckersüß. An diesem Dienstag feiert die großartige Gianna Nannini ihren sechzigsten Geburtstag.

          Im Jahr 2010 ein Hit: „Ogni tanto“ von Gianna Nannini



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