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Irans heimliche Rockszene : Gitarretragen ist nicht verboten

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Kritische Stimme per Videoclip: Arash Sobhani, einer der populärsten persischen Rockmusiker Bild: 2 plus 1 Productions

Irans Revolutionsführer Ajatollah Chomeini duldete im Gottesstaat nur Marschmusik. Doch die Kinder der islamischen Revolution haben Rockmusik als Ventil entdeckt. Dank dem Internet sammeln kritische Musiker im Exil eine große Fangemeinde.

          Arash Sobhani ist eigentlich Architekt. Dass der Siebenunddreißigjährige im Nebenberuf zum derzeit einflussreichsten iranischen Rockmusiker werden konnte, verdankt er seiner Auswanderung nach Kalifornien und den Medien in der Neuen Welt: Das noch in Teheran aufgenommene Debüt seiner Band Kiosk war 2005 das erste Album aus dem iranischen Untergrund, das bei iTunes zu haben war; das zweite Album führt nun seit Monaten die persischen Verkaufscharts im Internet an. Die amerikanischen Konzerte der Band sind ausverkauft - es gibt eine große iranische Diaspora in den Staaten -, die Klicks bei YouTube werden bald die Millionenschwelle überschreiten, und neulich wurde der scharfzüngige Liedermacher sogar nach Stanford geladen, um einen Vortrag zu halten. Thema: Underground-Musik in Iran.

          Zwei Jahrzehnte war Sobhani im Teheraner Untergrund aktiv. Zwischen 1980 und 1988, den Jahren des Krieges gegen den Irak, stand das öffentliche Musikleben still. Nicht nur die Teheraner Symphoniker lösten sich auf, selbst traditionelle persische Musik durfte kaum gespielt werden. Doch indem der Klerus Musik zu Teufelswerk erklärte, trieb er die junge Generation in die verbotenen Klangparadiese des Westens. „Als wir 1987 die Band Tatar2 gründeten, gab es kaum Bands. Entsprechend oft wurde ich von den Revolutionswächtern angehalten, weil ich eine Gitarre trug. Es herrschte Krieg, Chomeini war noch am Leben und Iran eher wie ein kommunistisches Land. Es gab natürlich kein Gesetz, das verbot, öffentlich Gitarren zu tragen. Aber die politische Atmosphäre vermittelte einem durchaus das Gefühl, etwas Falsches zu tun.“

          „Musik war das Einzige, das vergessen machte, was man täglich erlebte“

          Tatar2 machten englischsprachige Protestsongs, die sie bei Hauskonzerten Freunden vorspielten. Bob Dylan und Pink Floyd waren ihre Helden. „Musik war wie Morphium für uns. Wir hassten die Eindringlinge und wollten unser Land verteidigen. Doch zugleich wurden wir - die Mehrheit der Iraner - vom Regime unserer Rechte beraubt, gedemütigt oder gar getötet. Musik war das Einzige, das vergessen machte, was man täglich erlebte: einerseits den Krieg, andererseits die Zerstörung der Gesellschaft.“

          Zu Beginn der Ära des pragmatischen Präsidenten Rafsandschani traten die geburtenstarken, von der Make-Love-and-War-Bevölkerungspolitik des Revolutionsführers Chomeini hervorgebrachten Jahrgänge ins Bewusstsein der Machthaber. Als die Kinder der Revolution nach dem Krieg zu Teenies heranwuchsen, habe die Islamische Republik begriffen, dass sie diesen ein Minimum an Freiheit zugestehen müsse, analysiert Sobhani die Situation um 1990. So begann ein bis heute anhaltender Prozess der politisch kontrollierten Reintegration der Musik ins tägliche Leben einer Bevölkerung, die heute im Durchschnitt vierundzwanzig Jahre jung und dementsprechend musikhungrig ist.

          Vor zehn Jahren schossen die Bands wie Pilze aus dem Boden

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