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Interview mit Noel Gallagher : Kleine Songs von kleinen Leuten

  • Aktualisiert am

Letztlich geht es doch vor allem um die Musik: Noel Gallagher von Oasis Bild: ddp

Oasis, nach den Beatles die erfolgreichste britische Band, haben ein neues Album gemacht. Im F.A.Z.-Gespräch äußert sich Noel Gallagher zu aufgeblasenen Mythen und Geisterbeschwörung in der Popkultur. Und sagt, worauf es wirklich ankommt.

          5 Min.

          Noel Gallagher, 41, sitzt auf einem roten Brokatsofa in der hinteren linken Ecke einer Studiohalle im Londoner Westen. Ein kleiner Tisch steht vor ihm, ein paar Stühle, der Rest der Halle ist durch einen schwarzen Vorhang abgeschirmt. Hier proben Oasis die Live-Umsetzung ihres neuen Albums „Dig out Your Soul“. Noel Gallagher trägt ein weißes Kurzarmhemd, an der rechten Hand einen schweren, goldenen Ring mit einem roten Stein. Er spricht mit ausgesuchter Höflichkeit. Das Fluchen, in den neunziger Jahren das hervorstechende Merkmal eines Gallagher-Interviews, hat er sich, von einem kleinen Ausrutscher mal abgesehen, offenbar abgewöhnt.

          Sie sind nun seit fast fünfzehn Jahren . . .

          Oh, danke, dass Sie mich daran erinnern . . .

          . . . die beste Band der Welt.

          Aaah!

          Haben Sie in all diesen Jahren jemals an Oasis gezweifelt?

          Eigentlich nicht. Ich sehe das anders als der Rest. Für mich geht es bei der Musik nicht um Leben und Tod.

          Worum denn dann?

          Musik ist im Prinzip doch lächerlich. Kleine Songs von kleinen Leuten, die man im Radio hört, um gut drauf zu sein.

          Was ist mit den großen Hymnen, die Sie geschrieben haben? Mit „Live Forever“, „Don't Look Back in Anger“ und „Wonderwall“?

          Es gibt wichtigere Dinge im Leben. Sie wollen mir erzählen, Musik sei wichtiger als Kinder? Sehen Sie, genau das ist mein Punkt. Oasis waren einst eine große Sache in meinem Leben. Aber ich habe jetzt Kinder, das ist ebenso wichtig. Es ist albern, wie viel Aufmerksamkeit und Bedeutung die Leute einem Song beimessen können.

          Sie sind für die Aufnahmen von „Dig out Your Soul“ mit Oasis nach zehn Jahren in die Abbey-Road-Studios zurückgekehrt. Wollten Sie den Geist der Beatles noch einmal beschwören?

          Nein, der Grund war, dass ich in London sein musste, weil meine Freundin ein Baby bekam.

          Als Sie zuletzt dort aufgenommen haben, war das Resultat die bislang einzige Oasis-Platte, mit der Sie nicht zufrieden waren . . .

          Bitte?

          Kann „Be Here Now“ sich Ihrer Meinung nach mit den anderen Oasis-Platten messen?

          Sie meinen unsere letzte Abbey-Road-Platte. Das stimmt. Aber es ist nicht die Schuld des Studios, dass diese Platte nicht besonders gut ist.

          Ähnlich wie die Beatles Mitte der sechziger Jahre scheinen Sie mit „Dig out Your Soul“ nun Ihre psychedelische Phase erreicht zu haben.

          Ich analysiere nicht, was wir tun. Diese Platte mag einen psychedelischen Einschlag haben, aber ich habe ihn nicht bewusst herbeigeführt. Wenn wir aufnehmen, dann diktieren die Songs, wohin die Platte geht.

          Es ist das erste Album, das europaweit auf Ihrem eigenen Label erscheint, „Big Brother“ heißt es. Wie steht Ihr kleiner Bruder Liam eigentlich zu dem Namen?

          Ich habe ihn nie gefragt.

          Gibt es andere Bands, die Sie gerne unter Vertrag nehmen möchten?

          Unbedingt. U2. Und Coldplay.

          The Verve, die in den Neunzigern eine der bekanntesten Brit-Pop-Bands neben Blur, Pulp und Oasis waren, haben in diesem Jahr ihr Comeback-Album veröffentlicht. Im Sommer waren sie die Headliner des traditionsreichen Glastonbury-Festivals. Hätte dieser Platz nicht Oasis gebührt?

          Wir haben drei Mal dort gespielt. Ich denke, dass eines von diesen drei Malen in Ordnung war. Ich mochte Glastonbury früher lieber. Die Atmosphäre dort hat sich verändert. Ich bin mir nicht sicher, ob Glastonbury noch unser Ding ist.

          Was hat sich dort verändert?

          Das Publikum ist vornehmer geworden. Sehr vornehm. Es mag nicht dieselben Dinge wie ich.

          Ist das nicht generell so, wenn eine Band erfolgreich ist?

          Haben Sie in England einmal eines unserer Konzerte besucht? Da kommen keine vornehmen Leute. Nein. Die vornehmen Leute sind bei den Coldplay-Konzerten. Oasis-Konzerte sind für die Arbeiterklasse. Für gewöhnliche Menschen.

          Wird die der psychedelische Touch Ihrer neuen Platte nicht abschrecken? Ist das noch ein Album für die Arbeiterklasse?

          Sicher. Denn hier drin (er legt die Faust aufs Herz) gehören wir zur Arbeiterklasse. Aber wenn ich vorhersagen könnte, was den Leuten gefällt, dann wäre ich ein sehr erfolgreicher und wohlhabender Mann.

          Sie sind ein erfolgreicher, wohlhabender Mann, oder nicht?

          Nein. Ich bin gerade so erfolgreich. Wer weiß schon, was den Leuten gefällt? Jeder, der die Platte bislang gehört hat, sagt mir, sie würde ihm gefallen. Aber wer würde mir schon die Wahrheit sagen? Wenn ich Sie fragen würde, ob Ihnen das Album gefällt, dann würden Sie wohl kaum nein sagen, oder? Aus reiner Höflichkeit würden Sie sagen, das Album sei in Ordnung. Also habe ich keine Ahnung. Die Leute werden es kaufen, wenn es ihnen gefällt. Wenn nicht, schreibe ich trotzdem noch eines. Es ist mir egal. Ich mag das Album.

          Früher haben Sie ganz anders getönt. Sind die Zeiten, in denen Sie es allen zeigen wollten, vorbei?

          Ich weiß nicht, was es für uns noch zu erledigen gäbe. Wir haben in England die größten Shows gespielt und die meisten Platten seit den Beatles verkauft. Hat man erst mal alles erreicht, dann wird es schwierig. Ich bin nicht besonders ehrgeizig. Ich mache das alles, damit ich sechs Monate lang am Strand sitzen und mit meinen Kindern Fußball spielen kann.

          Haben Sie denn die Zeit dafür?

          Ich muss tun, was ich tun muss. Wenn ich mein Privatleben und die Band nicht gleichberechtigt behandle, dann leidet einer. Das heißt aber, dass die nächsten beiden Jahre fest der Band gehören. Wir werden jetzt zwei Jahre unser Bestes geben, und dann werden wir uns ein Jahr Auszeit nehmen.

          Sie sind als äußerst schneller Songschreiber bekannt.

          Ich habe bereits das nächste Album aufgenommen.

          Während der Aufnahmen zur aktuellen Platte?

          So ziemlich. Ja.

          Ihr Schlagzeuger Zak Starkey, Sohn des Beatles-Schlagzeugers Ringo Starr, hat die Band nach den Aufnahmen verlassen. Es heißt, sein Nachfolger sei früher der Schlagzeuger von Robbie Williams gewesen?

          Für kurze Zeit.

          Gegenüber dem britischen Magazin „Mojo“ sollen Sie gesagt haben, Sie hätten der Versuchung nicht widerstehen können, Ihrem Bruder Liam und Robbie Williams damit eins auszuwischen?

          Ich habe das ironisch gemeint. Es tut mir leid, wenn ich alle Mythen zerstöre. Ich weiß, Sie würden gerne etwas hören, das magischer klingt. Aber Sie müssen wissen, dass Popstars immer einen Haufen Lügen erzählen. Ich versuche, ehrlich zu sein. Ich versuche, Ihnen einfach zu sagen, was ich denke. Ich könnte mich wie ein Popstar verhalten und Geschichten erfinden. Ich könnte Ihnen erzählen, wie es war, als wir versucht haben, den Geist der Beatles einzufangen. Aber das entspricht nicht der Wahrheit.

          Ist die Wahrheit eines Popstars jeden Tag eine andere?

          Nein, die Wahrheit bleibt immer gleich. Solange man nicht vergisst, wer man ist und was man tut, gibt es keinen Grund, Mist zu erzählen. Ich finde es irritierend, wenn andere Bands alles, was sie tun, in der Presse aufblasen können.

          Ihr großer Streit mit Blur in den neunziger Jahren, war der dann auch nur . . .

          Nein! Und was uns betrifft, so haben wir nie damit angefangen. Blur sind schuld. Ich finde das sehr peinlich. Blur waren Geschäftsmänner, wir waren einfach nur eine Band.

          Verfolgen Sie, was Ihr einstiger Kontrahent Damon Albarn von Blur heute macht? Im Royal Opera House lief vor kurzem eine Oper, die von Albarn komponiert wurde.

          Eine Oper? Lächerlich. Das ist fucking lächerlich. Aber mir gefällt sein Projekt „The Good, the Bad & the Queen“. Ich mag diesen Mädchenkram.

          Wie verhält es sich mit den zerstörten Hotelzimmern. Ist das auch nur ein Mythos?

          Ich habe nie ein Hotelzimmer demoliert. Aber ich habe dabei zugesehen. Ich glaube, so etwas passiert heute nicht mehr. Wir waren die Letzten, die das gemacht haben. Ich fand es sowieso nie cool. Es geht beim Rock 'n' Roll ja nicht darum, Möbel zu demolieren. Alles, worum es geht, ist, gute Musik zu machen, die die Leute glücklich macht. Und dass man dabei gut aussieht, ist ein wichtiger Punkt. Ich will nicht behaupten, das träfe auf mich zu. Aber darum ging es nun mal bei Elvis, den Beatles und den Stones. Für mich bedeutet Rock 'n' Roll, die Gitarre zu spielen und dabei verdammt laut zu sein. Am Ende bleibt einem nur die Musik. Man kann die Leute nicht zwingen, sie zu mögen.

          Es ist 14 Uhr, das Interview war das letzte für heute, die Band darf jetzt proben. Beim Verlassen der Halle ist noch kein Song zu hören. Im Gegenlicht der Einfahrt ist die Ursache der Verzögerung zu erkennen, in dunklen Jeans, dunklem Hemd, mit übermächtiger Sonnenbrille. Liam Gallagher sieht aus wie Liam Gallagher. Nur sein Haar ist anders, anstelle des tausendfach kopierten Britpopper-Schnitts trägt er eine Prinz-Eisenherz-Frisur. An seiner Hand geht ein Königskind, auf den blonden Locken trägt es eine goldene Krone, die verrät, dass die beiden in einem Fastfood-Restaurant waren. Ohne Eile schlendern sie Richtung Studio, dann werden sie vom Dunkel der Halle geschluckt.

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