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Interview mit Noel Gallagher : Kleine Songs von kleinen Leuten

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Früher haben Sie ganz anders getönt. Sind die Zeiten, in denen Sie es allen zeigen wollten, vorbei?

Ich weiß nicht, was es für uns noch zu erledigen gäbe. Wir haben in England die größten Shows gespielt und die meisten Platten seit den Beatles verkauft. Hat man erst mal alles erreicht, dann wird es schwierig. Ich bin nicht besonders ehrgeizig. Ich mache das alles, damit ich sechs Monate lang am Strand sitzen und mit meinen Kindern Fußball spielen kann.

Haben Sie denn die Zeit dafür?

Ich muss tun, was ich tun muss. Wenn ich mein Privatleben und die Band nicht gleichberechtigt behandle, dann leidet einer. Das heißt aber, dass die nächsten beiden Jahre fest der Band gehören. Wir werden jetzt zwei Jahre unser Bestes geben, und dann werden wir uns ein Jahr Auszeit nehmen.

Sie sind als äußerst schneller Songschreiber bekannt.

Ich habe bereits das nächste Album aufgenommen.

Während der Aufnahmen zur aktuellen Platte?

So ziemlich. Ja.

Ihr Schlagzeuger Zak Starkey, Sohn des Beatles-Schlagzeugers Ringo Starr, hat die Band nach den Aufnahmen verlassen. Es heißt, sein Nachfolger sei früher der Schlagzeuger von Robbie Williams gewesen?

Für kurze Zeit.

Gegenüber dem britischen Magazin „Mojo“ sollen Sie gesagt haben, Sie hätten der Versuchung nicht widerstehen können, Ihrem Bruder Liam und Robbie Williams damit eins auszuwischen?

Ich habe das ironisch gemeint. Es tut mir leid, wenn ich alle Mythen zerstöre. Ich weiß, Sie würden gerne etwas hören, das magischer klingt. Aber Sie müssen wissen, dass Popstars immer einen Haufen Lügen erzählen. Ich versuche, ehrlich zu sein. Ich versuche, Ihnen einfach zu sagen, was ich denke. Ich könnte mich wie ein Popstar verhalten und Geschichten erfinden. Ich könnte Ihnen erzählen, wie es war, als wir versucht haben, den Geist der Beatles einzufangen. Aber das entspricht nicht der Wahrheit.

Ist die Wahrheit eines Popstars jeden Tag eine andere?

Nein, die Wahrheit bleibt immer gleich. Solange man nicht vergisst, wer man ist und was man tut, gibt es keinen Grund, Mist zu erzählen. Ich finde es irritierend, wenn andere Bands alles, was sie tun, in der Presse aufblasen können.

Ihr großer Streit mit Blur in den neunziger Jahren, war der dann auch nur . . .

Nein! Und was uns betrifft, so haben wir nie damit angefangen. Blur sind schuld. Ich finde das sehr peinlich. Blur waren Geschäftsmänner, wir waren einfach nur eine Band.

Verfolgen Sie, was Ihr einstiger Kontrahent Damon Albarn von Blur heute macht? Im Royal Opera House lief vor kurzem eine Oper, die von Albarn komponiert wurde.

Eine Oper? Lächerlich. Das ist fucking lächerlich. Aber mir gefällt sein Projekt „The Good, the Bad & the Queen“. Ich mag diesen Mädchenkram.

Wie verhält es sich mit den zerstörten Hotelzimmern. Ist das auch nur ein Mythos?

Ich habe nie ein Hotelzimmer demoliert. Aber ich habe dabei zugesehen. Ich glaube, so etwas passiert heute nicht mehr. Wir waren die Letzten, die das gemacht haben. Ich fand es sowieso nie cool. Es geht beim Rock 'n' Roll ja nicht darum, Möbel zu demolieren. Alles, worum es geht, ist, gute Musik zu machen, die die Leute glücklich macht. Und dass man dabei gut aussieht, ist ein wichtiger Punkt. Ich will nicht behaupten, das träfe auf mich zu. Aber darum ging es nun mal bei Elvis, den Beatles und den Stones. Für mich bedeutet Rock 'n' Roll, die Gitarre zu spielen und dabei verdammt laut zu sein. Am Ende bleibt einem nur die Musik. Man kann die Leute nicht zwingen, sie zu mögen.

Es ist 14 Uhr, das Interview war das letzte für heute, die Band darf jetzt proben. Beim Verlassen der Halle ist noch kein Song zu hören. Im Gegenlicht der Einfahrt ist die Ursache der Verzögerung zu erkennen, in dunklen Jeans, dunklem Hemd, mit übermächtiger Sonnenbrille. Liam Gallagher sieht aus wie Liam Gallagher. Nur sein Haar ist anders, anstelle des tausendfach kopierten Britpopper-Schnitts trägt er eine Prinz-Eisenherz-Frisur. An seiner Hand geht ein Königskind, auf den blonden Locken trägt es eine goldene Krone, die verrät, dass die beiden in einem Fastfood-Restaurant waren. Ohne Eile schlendern sie Richtung Studio, dann werden sie vom Dunkel der Halle geschluckt.

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