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Lars Seniuk über neuen Jazz : Gibt es illegale Akkorde?

  • -Aktualisiert am

Na ja, einerseits mangelt es nicht an Jazz-Studenten und Menschen, die es werden wollen, denn diese Zahlen steigen jährlich und liegen weit höher als noch vor einigen Jahrzehnten. Doch eine Art Nachwuchsproblem, wenn man das so nennen will, sehe ich tatsächlich. Denn was wir eigentlich viel mehr benötigen, sind die „Dickköpfe“ unter den Musikern. Die Lehre in der Musik und im Jazz heutzutage achtet, was vielleicht symptomatisch für unsere Gesellschaft ist, sehr darauf, dass systematisch und brav geordnet gelehrt und musiziert wird. Dadurch steigt zwar das Durschnittsniveau unter den Musikern, was selbstverständlich ein positiver Aspekt ist, doch was fehlt, ist der Platz und der Sinn für das Eigenwillige und Individuelle. Die größten Musiker, egal in welcher Stilrichtung, waren stets ausgesprochen eigensinnige Menschen, die unbeirrbar ihren eigenen Weg gegangen sind: Miles Davis, Glenn Gould, Thelonious Monk, Albert Mangelsdorff. Ein Miles Davis wäre vermutlich, hätte man ihn mit dem momentan herrschenden Stil in Musikpädagogik und Hochschullehre konfrontiert, entweder aus diesem ausgebrochen oder daran gescheitert.

Wenn Sie sagen, dass im New German Art Orchestra viele Musiker sind, die anders ihr Brot verdienen, etwa in BigBands des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, heißt das dann, dass die dort nicht ganz auf ihre künstlerischen Kosten kommen und „ausbrechen“ wollen?

Für die meisten Musiker ist ja die Vielfältigkeit gerade das Spannende. Diesen Leuten gefällt dann natürlich auch ein modernes Big-Band-Projekt wie das NGAO mit seiner Musik. Zumal wir keine Quoten erfüllen müssen und das Programm sehr künstlerisch ausgerichtet ist.

„Pendulum“ wirkt auf Anhieb ziemlich weit entfernt von der Jazztradition, oder täuscht das?

Beim letzten Stück, „Goldmund“, gibt es noch ein bisschen Blues und Call-and-Response wie in New Orleans. Tradition ist die Grundlage dessen, was wir heute an klanglichen Möglichkeiten haben und ragt als solche immer in die Gegenwart hinein. Trotzdem habe ich alles ein wenig verändert, das heißt zum Beispiel: elftaktige Form statt der traditionellen zwölftaktigen, eine für Blues ungewöhnliche Tonart und kleine subtile Dissonanzen.

Das sagen Sie jetzt so leicht dahin, aber wenn man bei der Bluesform einen Takt wegnimmt, ist das ja eigentlich schon eine Zerstörung.

Aber eine gutgemeinte Zerstörung.

Was ist denn überhaupt Schönklang für Sie, und wie wichtig ist Melodie?

Melodie ist essentiell. Wichtig ist, wenn man ein starkes Motiv hat, dass man damit arbeitet, es gut weiterentwickelt. Für mich liegt schon ein Reiz in der Komplexität, also dass der Hörer nicht beim ersten Hören schon weiß, wie der Hase läuft, sondern dass man vielleicht auch beim zehnten Hören noch Neues entdecken kann. Das Stück „Prometheus“ zum Beispiel gründet auf einer Zwölftonlinie. Die ist zwar nicht eingängig, aber man wird vielleicht sukzessive wahrnehmen, dass alles in diesem Stück aus ihr entwickelt wird. Grundsätzlich ist es ja so: Alles, was man beim ersten Hören als schön und eingängig empfindet, das gab es schon mal. Dass das Gegenteil der Fall ist, merkt man beim Komponieren zum Beispiel, wenn man im Notenprogramm sogenannte „illegal request chords“ erzeugt.

Illegale Akkorde?

Ja, die werden dann von der Software rot markiert, weil sie so normalerweise in der traditionellen Musiktheorie keine Existenzberechtigung haben. Aber natürlich schreibe ich sie dann trotzdem auf.

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