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Interview mit Kate Tempest : Alles muss durch mich hindurch

  • -Aktualisiert am

„Let Them Eat Chaos“ heißt die neue Platte von Kate Tempest, Jahrgang 1985. Bild: INTERTOPICS/Empics/David Jensen

Sie macht Musik. Sie schreibt Gedichte und Theaterstücke. Sie ist eines der Gesichter des jungen Widerstands gegen den Brexit. Aber jetzt singt Kate Tempest erst einmal wieder. Ein Gespräch.

          Als Kate Tempest vor etwas mehr als zwei Jahren ihr Debütalbum „Everybody Down“ herausbrachte, waren sich alle einig: Das ist sie, die Stimme einer Generation! Solche Zuschreibungen können junge Künstler auch einschüchtern: Im Falle von Kate Tempest ist es aber noch mal gut gegangen. Die Londonerin hat unbeirrt ein Debüt nach dem anderen abgeliefert, darunter ein Gedichtband und ein Roman („Worauf du dich verlassen kannst“, Rowohlt). Mit ihrem Song „Europe Is Lost“ hat sie 2015 einem Gefühl Ausdruck verliehen, das sechs Monate später im „Brexit“ politische Realität wurde. Kate Tempest ist zu einer der lautesten Stimmen des Widerstands gegen den Austritt der Briten geworden. Dass sie eine begnadete Erzählerin und eine scharfe Beobachterin ihrer Zeit ist, zeigt sie auch auf ihrem neuen Album „Let Them Eat Chaos“ wieder: Ihre Songs führen uns in das nächtliche London, in die Wohnungen von sieben Figuren: Sie alle liegen wach, finden keine Ruhe. Und dann beginnt Kate Tempest zu erzählen – von Angst, Zweifel und sehr viel Hoffnung.

          London ist ein Katalysator für viele Themen, die Sie immer wieder künstlerisch behandeln: Verdrängung, zunehmende soziale Ungerechtigkeit, Selbstbezogenheit und Konkurrenzdenken. Sollte Ihr zweites Album politischer als das erste werden?

          Das neue Album will viel bewusster eine Botschaft verbreiten. Das war beim ersten noch nicht so: Das war subtiler und naiver. Mit der Rahmenhandlung von „Let Them Eat Chaos“ habe ich einen Weg gefunden, mich direkter auszudrücken, ohne dabei zu ausschweifend oder zu eingeschränkt zu sein. Ich erzähle eine Geschichte – das Album richtet sich nach außen und guckt sich um. Das ist mir wichtig in meiner Arbeit: dass die Geschichten ausschwärmen und kommunizieren wollen.

          Nebenbei haben Sie ja auch noch einen Roman geschrieben und waren auf Tour – wie ging das zusammen?

          Es war ein längerer Prozess. Am Anfang ging es darum, Ideen zu zähmen. Der Prozess im Studio ist intensiv und schonungslos wie ein Rausch.

          Gibt es diesen Rausch auch, wenn Sie einen Roman schreiben?

          Nein, das ist komplett anders. Im Studio basiert alles auf Instinkt. Es ist die pure Freude, was auch an dem Verhältnis zwischen mir, den Musikern und dem Produzenten liegt. Alles passiert im Moment. Irgendwann trittst du wieder raus auf die Straße, zitternd, und guckst dir die Welt an, gehst in den Pub, völlig fertig, und sagst erst mal einfach nichts. Deswegen ist die Pause danach so wichtig. Indem ich mich mit anderen Dingen beschäftige, bekomme ich die Distanz, die ich brauche, um die Gestalt dieses neuen Albums zu erkennen.

          Eine Gestalt? Was meinen Sie damit?

          Im Fall von „Let Them Eat Chaos“ war es die Idee, mit einem Zoom zu beginnen: vom Universum ausgehend, landet man in London. Und dann wird weiter hereingezoomt in die Wohnungen all der Menschen. Dabei wusste ich die ganze Zeit nicht, wie ich nur eigentlich in diese Zimmer hineinkommen soll – bis mir klar wurde, dass ich dafür einen auktorialen Erzähler brauche, der die einzelnen Figuren vorstellt. An dem Punkt hatte ich schon die Songs, aber noch nicht die nötige Verbindung untereinander. Und während ich das alles schrieb, war ich noch nicht mal in London, sondern in Italien. Aber egal, wohin ich gehe: Ich trage diese Stadt mit mir herum.

          Entwickelt man eine andere Sensibilität für soziale Fragen, wenn man in einer Stadt mit so krassen Kontrasten wie London aufwächst?

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