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Interview : „In Deutschland wird alles zu Tode getestet“

  • Aktualisiert am

Einst bei Universal: Tim Renner Bild: ZB

Tim Renner, der frühere Chef des Musikkonzerns „Universal“, im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über mutlose Unterhaltung und die Zukunft der Entertainment-Industrie.

          Tim Renner, der frühere Chef des Musikkonzerns „Universal“, im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über mutlose Unterhaltung und die Zukunft der Entertainment-Industrie.

          Herr Renner, im Januar haben Sie Ihren Job als Geschäftsführer des Musikkonzerns Universal Deutschland niedergelegt. Haben Sie seither wieder Spaß am Musikhören?

          Ich habe zumindest einen unbefangeneren Spaß am Musikhören. Aber der Spaß an Musik war mir auch vorher noch nicht vergangen.

          Als Universal-Chef hatte Musik für Sie allerdings hauptsächlich mit Verkaufszahlen zu tun.

          Klar. Deshalb höre ich heute ja auch das Repertoire der früheren Mitbewerber mit größerer Freude. Ich mag zum Beispiel die Berliner Band "Mia" sehr gern - da hab' ich mich damals hauptsächlich darüber geärgert, daß wir die nicht im Programm hatten.

          Sie sind 1986 als Junior Product Manager zum Plattenlabel Polydor gegangen, weil Sie als junger Journalist die Mechanismen der Musikbranche enthüllen wollten. 15 Jahre später waren Sie Chef von Universal Deutschland. Was ist da schiefgelaufen?

          Da ist zum einen schiefgelaufen, daß ich feststellen mußte: Es gibt ja gar nicht so viel zu enthüllen - der große Masterplan, den ich als junger Linker glaubte im System aufspüren zu müssen, war nicht existent. Auch in dieser Branche passiert eben sehr viel aufgrund von Zufällen und Eitelkeiten. Und zum anderen wurde mir bald klar, daß man tatsächlich viel bewegen kann, wenn man sich an vermeintliche Regeln einfach nicht hält, sondern das tut, was man für richtig hält.

          Als Verschwörungstheoretiker wurden Sie also eines Besseren belehrt...

          Richtig, was ja an sich eine Riesenenttäuschung ist. Also feststellen zu müssen, daß Leute, die mit der Bierflasche in der Hand nächtelang über den musikalisch-industriellen Komplex diskutieren, größtenteils intelligenter sind als die ganze Struktur der Musikbranche selbst.

          Sie haben die vergangenen Monate in neuer Freiheit dazu genutzt, ein Buch über die Zukunft der Musikbranche zu schreiben - insofern haben Sie Ihren ursprünglichen Plan ja doch noch erfüllt, auch wenn die Recherche 18 Jahre gedauert hat. War es die Zeit wert?

          In gewisser Weise schon, auch wenn ich ursprünglich ein ganz anderes Buch schreiben wollte. Ich hätte wirklich lieber ein Skandalbuch geschrieben, in dem ich enthülle, wie boshaft die Branche ist. Aber "den Bösen" gibt es nicht - dafür jedoch um so häufiger Fälle von nicht wahrgenommener Verantwortung. Statt dessen habe ich jetzt eben analysiert, wie es mit der Musikwirtschaft weitergehen kann.

          Welches war das prägendste Erlebnis in Ihrer Laufbahn?

          Mit Sicherheit die Fusion der beiden Firmen Universal und Polygram. Das hatte nämlich so rein gar nichts mehr mit dem zu tun, weshalb ich ursprünglich angetreten war. Spannend war da natürlich auch, mich selbst dabei zu beobachten, wie ich Sachen machte, die ich eigentlich nicht für richtig hielt.

          War das der Moment, als Ihnen klar wurde, daß Sie nun endgültig Teil des Systems geworden waren?

          Im Prinzip drohte mich das klassische Achtundsechziger-Schicksal schon vorher, beim Gang durch die Institutionen, zu ereilen. Aber als die beiden Firmen zusammengeführt wurden, war die Situation in der Tat extrem - also so, daß ich dachte: Könnte ich jetzt frei entscheiden, würde ich es anders machen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich eigentlich alle meine Entscheidungen auch vor mir selbst rechtfertigen können.

          Dann hätten Sie doch konsequenterweise schon am Tag der Fusion Ihren Hut nehmen müssen...

          Stimmt. Aber was ich immerhin daraus gelernt habe, ist, daß man seine Position stets klar darlegen muß. Je vehementer man seine Auffassung vertritt, desto eher ist die andere Seite dazu bereit, über sie nachzudenken.

          Als Universal-Chef waren Sie am Erfolg der ersten deutschen Fernseh-Casting-Band, den "No Angels", beteiligt. Mit dem Ergebnis, daß heute viele junge Künstler anstatt bei Plattenlabels zuerst bei Fernsehsendern vorstellig werden, wenn sie Karriere machen wollen. Warum hat sich die Musikbranche von den Sendern dermaßen über den Tisch ziehen lassen?

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