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Interview : Ich werde auf jeden Fall noch sehr berühmt

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„Der ultimative alternative Künstler”: Rufus Wainwright
          6 Min.

          Für viele ist er der mit Abstand beste lebende Songwriter. Wer seine Musik nicht kennt, hat ihn vielleicht in Scorseses "Aviator" gesehen, wo er einen kurzen Auftritt als Nachtclub-Sänger hatte: Rufus Wainwright, 31, gebürtiger Kanadier, der in New York lebt.

          In Ihren Songs finden sich viele Einflüsse klassischer Musik. Mal zitieren Sie Ravels "Bolero", dann klingt etwas nach Gregorianik, oder ein Stück ist mit Streichquartett instrumentiert. Woher kommt Ihre Liebe zur klassischen Musik?

          Ich habe mit sechs Jahren angefangen, Klavier zu lernen. Meine Mutter hat mich mehr oder weniger gezwungen. Sie hat eine Schwäche für Bach und spielt sehr hübsch die "Goldberg-Variationen", aber bei uns zu Hause wurden eigentlich vor allem Folk und Rock gehört.

          Haben Sie jeden Tag geübt?

          Nicht jeden Tag. Und ich habe auch nicht unbedingt das komplizierteste Repertoire in Angriff genommen, aber die leichteren Sachen habe ich mit soviel Gefühl gespielt, daß es offensichtlich war, daß ich großes musikalisches Talent hatte. Leider war ich faul.

          Immerhin haben Sie es auf eine Musikhochschule geschafft.

          Aber ich habe dort nie richtig dazugehört. Ich habe es gehaßt, mit den anderen Musikstudenten zu reden. Sie sind zu gut ausgebildet, überqualifiziert, sie erkennen gar nicht, wie brillant es ist, was sie tun. Ich glaube, mein Mangel an Ehrgeiz, der größte Pianist der Welt zu werden, hat mir künstlerisch geholfen. Für mich war es immer ein Wunder, wenn ich es geschafft hatte, ein neues Stück zu lernen, während die vierzehnjährigen japanischen Meisterschülerinnen depressiv wurden, wenn sie sich mal verspielten.

          Klassischen Musikern wird die Liebe zur Musik oft ausgetrieben. Ich habe trotzdem den wildesten Respekt vor ihnen. Ich habe gestern im Fernsehen Martha Argerich gesehen, Schumann-Klavierkonzert - atemberaubend, ich bin so froh, daß es diese Menschen gibt. Aber als Komponist muß man einsehen, daß die Musik sich nicht mehr um Klassik dreht. Man muß eine Verbindung zu populärer Musik haben, um irgendwie relevant zu sein.

          Glauben Sie, Popmusik ist die logische Fortführung von klassischer Musik?

          Ich glaube eher umgekehrt. Gäbe es einen Markt für interessante Ideen in der Popmusik, dann wäre klassische Musik die beste Quelle für Inspiration. Was Klangfarben angeht, Harmonien - ich kann nur jedem Popmusiker empfehlen, sich da Anregungen zu holen. Leider geht es heute in der Popmusik nur um Titten und Ärsche.

          Manche Ihrer Songs sind pompös arrangiert, mit Orchester und Chor; andere eher wie Schubert-Lieder, nur Klavier und Gesang. Und es gibt auch klassische Popsongs. "The One I Love" zum Beispiel basiert auf Schlagzeug, Gitarre und Gesang.

          Ja, dieser Song ist speziell radiofreundlich, aber es sind immer noch ein paar ungewöhnliche Harmonien drin. Solche Songs kommen immer mal wieder zu mir, und wenn sie kommen, schmeiße ich die Kronleuchter raus und versuche, direkt zu sein.

          Ich habe gelesen, daß es Ihnen nichts ausmachen würde, berühmter zu sein. Meinen Sie, das kriegen Sie hin, wenn Sie, wie auf Ihrem neuen Album, auch mal lateinisch singen?

          Ich glaube, wenn man nur lange genug da ist und bei seinen Waffen bleibt, wird einen die Gesellschaft früher oder später anerkennen. Das sieht man ja in der klassischen Musik - alle dreißig Jahre gibt es eine Handvoll Musiker, die den Test der Zeit besteht. Beethoven, Haydn, Mozart - ich glaube, ich werde auf jeden Fall noch sehr berühmt, nur vielleicht nicht unbedingt zu meinen Lebzeiten.

          Im Plattenladen stehen Ihre CDs im "Alternative"-Regal - stehen sie da gut?

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