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Indie-Pop live : Honigmelonen für Millionen

  • -Aktualisiert am

Traum vom Ruhm ohne Anbiederung: Francesco Wilking und seine Band „Tele” Bild: F.A.Z. - Foto Michael Kretzer

„Tele“ aus Freiburg und „Anajo“ aus Augsburg: In diesen Tagen zwei exemplarische Bands des neuen Booms deutschsprachigen Indie-Pops live zu erleben. Ein Vergleich.

          3 Min.

          Im Frankfurter Cooky's betritt Helge Schneider die Bühne, der diesmal als Sänger der Freiburger Band „Tele“ agiert. Zum Glück dauert es nicht lange, bis das Missverständnis aufgeklärt ist, nach dem ersten gesungenen Ton erkennt man Francesco Wilking hinter seiner Haarmaske aus Frisur und Bart. Er sieht dem Komiker nicht nur ähnlich, er versucht sich auch noch in dessen Paradedisziplin des amüsanten Entertainment bei gleichzeitiger musikalischer Virtuosität. Mit der Bürde dieses Vergleichs zu starten und sich nach neunzig Minuten und zwei Zugabenblöcken Arm in Arm mit den Bandkollegen vor johlendem Publikum zu verbeugen spricht für Klasse.

          Im Wiesbadener Kulturpalast hängt ein roter Vorhang unter dem schwachem Licht, das der Bühne etwas Mysteriöses verleiht. Die Kulisse erinert an die verstörenden Traumsequenzen der Serie „Twin Peaks“, einzig der Riese mit seiner rätselhaften Sprache fehlt. Stattdessen erscheinen die Jungs von „Anajo“, begleitet von der Titelmelodie des „A-Team“. Weder verwirrend noch markig, sondern einnehmend melodiös verläuft der anschließende Abend. Harmonie und kluge Texte satt: Man kann den drei Augsburgern nicht vorwerfen, mit den Ingredienzien eingängiger Popmusik zu geizen.

          Marktverweigerer sind beide nicht

          Mit „Tele“ und „Anajo“ sind in diesen Tagen zwei exemplarische Bands des neuen Booms deutschsprachigen Indie-Pops live zu erleben. Beide haben gerade ihre zweiten Alben vorgelegt, und beide bieten mit ihren originellen und charmanten Texten reichlich Identifikationspotential für junge Hörer jenseits des immergleichen Radio-Mainstreams. Mit dem Etikett des „reinen Pop“ wird man der Musik von „Tele“ nur in den schwächeren Momenten gerecht, wenn sich die sechs Musiker auf die schlichte Melodie beschränken. Die tänzelnde Leichtigkeit, die „Anajos“ Liedern so gut steht, mag „Teles“ Werk nicht schmücken. Wenn der Pop untergeht in einer Mischung aus Funk, Rock 'n' Roll und Soul, wenn der Klavierspieler richtig in die Tasten haut und wenn bei den Rhythmus-Verantwortlichen die halblangen Haare im Takt geschüttelt werden, versteht man, weshalb die Band in Indiejugendkreisen so beliebt ist.

          Der kommerzielle Durchbruch ist beiden Bands bisher verwehrt geblieben, ohne dass sie sich dabei einer Marktverweigerung schuldig gemacht hätten, mit der viele andere Indie-Bands kokettieren. „Tele“ und „Anajo“ vertraten Baden-Württemberg und Bayern bei Stefan Raabs Wettsingen, dem „Bundesvision Song Contest“, und präsentierten sich damit einem Millionenpublikum. Es war ein kleiner Ausflug ins große Showgeschäft, ein Reinschnuppern, ein Gastauftritt.

          „Anajo“: Leider nicht mehr als eine Nachwuchsband

          Der Grund für das Oben der anderen und dem eigenen Irgendwo dürfte „Tele“ in der Zeit als Vorband von „Juli“ bewußt geworden sein. Mit eingängigen Gitarren und Teenager-Texten fanden die den Weg ins Radio und damit in die Charts. Man kann sich vorstellen, wie befremdlich das „Juli“-Publikum damals reagiert haben muss, wenn der Bassist ohne Vorwarnung ein mehrminütiges Solo spielte. Seichtigkeit ist die Sache der Freiburger nicht.

          „Anajo“ pflegen beim Texten und beim Spielen ihrer Instrumente einen freundlichen Ton. Auf einen Rocker-Ansatz, mit dem etwa die viel erfolgreicheren „Sportfreunde Stiller“ punkten, legen sie auch live keinen Wert. Auch auf Experimente oder Improvisationen verzichten sie, doch gerade die Konsequenz ihres eingängigen Werks lässt das Konzert zu einem kleinen Triumph werden. Im Chor hört man das Publikum singen: „Honigmelone / Du bist nicht ohne / Du bist mit: / Glücklich, wer's hat“. Klein und fein. Sympathisch. Nett. Leider zu harmlos, um über den Status einer Nachwuchsband hinauszukommen.

          „Tele“ dagegen sind groß, zu groß an diesem Abend. Der Keyboarder und der Schlagzeuger mussten sich neben der Bühne plazieren, die vier verbleibenden Bandmitglieder standen sich trotzdem auf den Füßen. Die Enge fördert offenbar die Spiellaune, mehrmals bebt das gedrängte Kollektiv dort oben, körperlich und musikalisch. Der charismatische wie unterhaltsame Wilking singt nicht, er quält sich förmlich. Um den Mikrofonständer gewunden steht er da, mit aufgerissenem Mund und schluchzt über vergangene Liebe, um im nächsten Moment mit eingezogenem Kopf aufzuspringen (über ihm schwebt gefährlich das an der Decke befestigte Mikrofon des Bassisten, der dicht hinter ihm steht) und mit entschlossenem Gesang das „Fieber“ zu besingen. Schön, dass diese Energie in so heimeliger Atmosphäre zu genießen ist, denkt sich der Fan. Kaufen können sich die Bands freilich nichts dafür.

          Weitere Konzerte der beiden Bands im März:

          „Tele“

          Mittwoch, 21. März: Gleis 22, Münster
          Donnerstag, 22. März: Uebel&Gefährlich, Hamburg
          Freitag, 23. März: Römer, Bremen
          Samstag, 24. März: Indiego Glocksee, Hannover

          Donnerstag, 29. März: Rosenkeller, Jena
          Freitag, 30. März: Ilses Erika, Leipzig
          Samstag, 31. März: Waschhaus, Potsdam

          „Anajo“

          Mittwoch, 21. März: Lindenpark, Potsdam
          Donnerstag, 22. März: Amp, Münster
          Freitag, 23. März: Grend, Essen
          Samstag, 24. März: Römer, Bremen
          Sonntag, 25. März: Soma, Hannover

          Montag, 26. März: Knust, Hamburg
          Dienstag, 27. März: Magnet Club, Berlin
          Mittwoch, 28. März: Projekt 7, Magdeburg
          Donnerstag, 29. März: Barracuda Bar, Kassel
          Freitag, 30. März: Bakuda Club, Dortmund
          Samstag, 31. März: Druckluft, Oberhausen

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