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Im Gespräch: Diana Krall : Warum können Sie nicht im Stehen singen, Mrs Krall?

  • -Aktualisiert am

Bild: Burkhard Neie/xix

Zum Interview trägt Diana Krall eine Sonnenbrille. Am liebsten würde sie einfach nur die Songs von ihrem neuen Album vorspielen. Aber sie findet ins Gespräch, und auch die Brille legt sie ab.

          6 Min.

          Ist mit Ihren Augen alles in Ordnung, Mrs Krall? Sie tragen eine Sonnenbrille.

          Ja, ich habe nur etwas Puder in die Augen bekommen. Außerdem vermisse ich meine beiden Söhne und Elvis, den ich seit sechs Wochen nicht mehr gesehen habe. Deswegen bin ich dünnhäutiger als sonst. Nur damit Sie wissen, was los ist, wenn ich an Ihrer Schulter plötzlich Tränen vergieße.

          Wo steckt Ihr Mann denn?

          Er ist auf Tour. Und ich bin selbst auch schon seit zehn Tagen unterwegs. Schwierig. Aber Elvis hat das gebraucht. Sein Vater ist im Dezember gestorben. Es tut ihm gut, rauszukommen und ein paar richtig große Konzerte zu spielen.

          T-Bone Burnett, der Produzent Ihres Mannes, hat Ihr neues Album „Glad Rag Doll“ produziert. Es klingt auch ein wenig nach der Musik Ihres Mannes. Haben Sie ein Elvis-Costello-Album aufgenommen?

          Nein, das ist natürlich ein Diana-Krall-Album. Aber es stimmt schon: Ich habe mich ein wenig auf sein Territorium gewagt. Es ist sicherlich das Album, auf dem ich am meisten von Elvis beeinflusst bin.

          Beeinflussen Sie auch seine Musik?

          Nicht besonders, glaube ich. Jedenfalls nicht so wie Elvis mich. Okay, er spielt jetzt mehr Ukulele als früher - auch auf meinem neuen Album übrigens. Das hat sicherlich mit mir und meiner Musik, dem Jazz, zu tun. Und praktisch ist es auch: Ich trage die Ukulele nach Hause und er mich.

          Die neue Produktion ist von dem Bossa-Nova-Album, das Sie zuvor veröffentlicht haben, so verschieden wie die beiden Männer, die es produziert beziehungsweise arrangiert haben: T-Bone Burnett und Claus Ogerman. Wie würden Sie die beiden beschreiben?

          Claus Ogerman ist ein leises Genie. Er spricht nicht viel, hat einen ziemlich trockenen Humor, ist unprätentiös, aber immer brillant. All das hört man auch seiner Musik an. Ich glaube, dass er noch immer nicht genügend Anerkennung findet. Er ist der einzige Arrangeur, dem ich keine Vorgaben gemacht habe. Ich habe die Songs ausgewählt, er hat sie arrangiert, und so habe ich sie gesungen. Dabei habe ich versucht, ihm und seinen wunderbaren Arrangements so wenig in die Quere zu kommen wie möglich. Normalerweise läuft es andersherum: Da nehmen wir die Songs zuerst in der Combo auf, und der Arrangeur legt anschließend das Orchester oder die Streicher darüber.

          Und was für ein Typ ist T-Bone Burnett?

          Ein richtiger Voodoo-Zauberer, ein ganz leiser. Er hört erst einmal zu und lässt die Leute machen. Und er hat eine ganz eigene Art, aufzunehmen und die Mikros zu plazieren. Die Arbeit mit T-Bone war sehr frei und kreativ, wir haben uns sehr viel mit dem Sound beschäftigt. Schon wegen der vielen Gitarren und Instrumente, die beteiligt waren. Es hat auch Spaß gemacht, dass bei manchen Songs Elvis mitspielt.

          Haben Sie sich vorher viel mit T-Bone Burnett und seiner Musik befasst - dem Soundtrack zu „O Brother, Where Art Thou?“ oder mit „Raising Sand“ von Robert Plant und Alison Krauss zum Beispiel?

          Nein. Jedenfalls habe ich seine Arbeit nicht eigens studiert. Manches kannte ich ohnehin schon. Und ich wusste ja von meinem Mann, wie T-Bone Burnett arbeitet. Und bei ihm war es genauso. Ich war für ihn so etwas wie eine leere Leinwand. Und genau das war mir auch recht.

          Wer hat die Musiker ausgewählt?

          Wenn man sich T-Bone Burnett ins Studio holt, steht eines schon vorher fest: Am Schlagzeug wird Jay Bellerose sitzen, und den Bass spielt Dennis Crouch. Mit den beiden arbeitet er praktisch immer zusammen. Als Gitarristen habe ich mir Marc Ribot gewünscht, weil mir schon immer gefallen hat, wie er etwa auf den Alben von Tom Waits spielt. Er war es auch, der mit seiner verrückten Gitarre unsere Version des Ray-Charles-Hits „Lonely Avenue“ in ein siebenminütiges, wildes Psychedelic-Stück verwandelt hat. Wollen Sie es hören? (Diana Krall springt zur Stereoanlage.)

          Viele Songs auf dem neuen Album stammen überwiegend aus den zwanziger und dreißiger Jahren. Weshalb?

          Ich bin mit den Schellacks meines Vaters aufgewachsen. Er mochte Musiker wie Bix Beiderbecke, in die ich mich schon als Kind verliebt habe und die heute kaum noch einer kennt. Als wir mit den Aufnahmen begannen, meinte der Gitarrist Marc Ribot: „Wow, das sind aber tolle Songs, die du da ausgegraben hast!“ Da habe ich ihm geantwortet: „Das sind einfach nur die Platten von meinem Dad!“ Aber wissen Sie, wer es mir von allen am meisten angetan hat? Gene Austin. Seine Version von „Let It Rain“ ist wunderbar. Hören Sie mal, wie toll der gesungen hat! (Diana Krall startet den Song auf ihrem Smartphone.)

          Kann man Ihr neues Album mit dem letzten von Paul McCartney vergleichen: „Kisses on the Bottom“, seiner Hommage an die swingende Lieblingsmusik seines Vaters? Darauf spielen Sie Klavier, und Sie haben die Songs arrangiert.

          Nein, es sollte kein Tribute-Album werden. Ich habe einfach nur Songs ausgewählt, die mir gefallen und die ich neu interpretieren wollte. Vor allem sollte das Album keine Nostalgie-Übung sein. Deswegen hatte ich eine Zeitlang richtig Panik: Ich wusste, dass ich diese alten Songs spielen wollte. Aber ich hatte keine Vorstellung, wie.

          Dafür gibt es ja den Produzenten.

          Mit T-Bone hat es wirklich Klick gemacht. Allerdings erst am zweiten Studiotag, weil er am ersten noch krank war. Da hingen wir alle im Studio und wussten nicht, was wir tun sollten. Als er dann aufkreuzte, war das so, wie wenn man in ein Kaleidoskop schaut und ganz hinten ein buntes, wunderbar geordnetes Muster sieht.

          Welchem Muster folgt Ihr neues Album?

          Mir fällt es immer schwer, meinen Alben einen Stempel aufzudrücken. Für mich ist das einfach mein „Song and Dance“-Album. Es hat hoffentlich etwas von der Wildheit der Vaudeville-Shows, der Musik und den Tanzrevuen der zwanziger und dreißiger Jahre, die auch die Fotos zum Album inspiriert haben. Manches ist fast Rock’n’Roll-haft, anderes dafür umso leiser und zarter.

          Sind Ihre Zwillingssöhne eigentlich so etwas wie Ihre ersten Kritiker?

          Bislang haben sie sich eigentlich nur für die Musik ihres Vaters interessiert. Und dann natürlich für die der Beatles. Dexters Lieblingssong ist „Fool on the Hill“, Frank liebt „Strawberry Fields Forever“ - auch, weil er so gern Erdbeeren isst. Von „Revolver“ kennen die beiden jeden Song. Dank meiner Söhne höre ich ziemlich viel Beatles. Vor allem im Auto.

          Mamis Musik finden die beiden nicht so gut?

          Bislang war das jedenfalls so. Okay, ihnen gefällt „Hit that Jive Jack“ von meinem Nat- King-Cole-Album. Aber das ist eine Ausnahme. Allerdings scheint sich das mit dem neuen Album zu ändern. Dexter mag „Wide River to Cross“, diesen tollen Buddy-Miller-Song, den ich zusammen mit Elvis singe. Er nennt es den „Song, wo du zusammen mit Daddy singst.“ Frank mag unsere Psychedelic-Version von „Lonely Avenue“, die Dexter ein wenig unheimlich findet.

          Ist es Ihnen wichtig, dass das neue Album Ihren Zwillingen gefällt?

          Klar. Aber deswegen habe ich es natürlich nicht aufgenommen - jedenfalls nicht in erster Linie. Es ist auch nicht so, dass ich den beiden den ganzen Tag meine Platten vorspielen würde. Ich höre - wie übrigens die meisten Musiker - meine Alben, wenn sie mal veröffentlich sind, ohnehin kaum noch an. Es war einfach so, dass ich den Mix vom neuen Album im Auto dabei hatte und diese Kinderkassette unmöglich ein weiteres Mal hören konnte. Also habe ich gesagt: „Jetzt ist Mami mal dran!“ Und siehe da: Es hat ihnen gefallen.

          Lernen Ihre Kinder ein Instrument?

          Sie fangen gerade damit an. In der Schule. Wir wollen das nicht zu sehr vorantreiben, weil man in dem Alter eigentlich frei wie ein Vogel sein sollte.

          Wie haben Sie mit der Musik begonnen?

          Mein Vater spielte Klavier. Bei uns stand immer ein Instrument herum. Angefangen habe ich mit „Hey Jude“. Ich habe nach Gehör gespielt und mir Songs beigebracht, ohne groß zu wissen, was ich da mache.

          Bekamen Sie auch Unterricht?

          Als ich vier war. Meine erste Klavierlehrerin lebt heute noch in der Straße, in der auch mein Vater zu Hause ist. Sie mochte Boogie- Woogie, spielte auf allen Hochzeiten und war einfach die Klavierspielerin in unserer Stadt. Auch später hatte ich immer Glück mit meinen Lehrern und Mentoren: John Clayton, Jeff Hamilton, Tommy LiPuma und viele andere. Dafür bin ich sehr dankbar.

          Ihr erstes Album haben Sie vor fast zwanzig Jahren aufgenommen. Und Musikerin sind Sie noch viel länger.

          Im Grunde war ich mit fünfzehn schon Profi.

          Also sind Sie seit...

          Das rechnen Sie jetzt bitte nicht aus!

          Gemessen daran, dass Sie zwanzig Millionen Platten verkauft haben und schon so lange im Geschäft sind, wirken Sie noch immer recht selbstkritisch.

          Glauben Sie mir, ich zerfleische mich immer noch selbst. Ich kann bis zum Unerträglichen selbstkritisch sein, was meine Musik und mein Spiel angeht. Andererseits brauche ich nicht wirklich das Urteil anderer Leute, um zu wissen, ob das, was ich mache, gut ist oder nicht. Das mache ich mit mir selbst aus. Und mit meinen engsten Freunden. Bei dem neuen Album hatte ich durchaus erwartet, dass der eine oder andere fragt: Warum hast du ein solches Album gemacht? Das hat ja gar nichts mit „The Look of Love“ zu tun! Das ist bislang aber nicht passiert.

          Sie haben einmal gesagt: Ich bin eine Klavierspielerin, die auch singt. Und nicht wirklich eine Sängerin. Gilt das immer noch?

          Klar. Ich bin keine Cassandra Wilson, keine Diane Reeves, keine Sarah Vaughan. Ich bin die, die ich bin.

          Das bedeutet?

          Ich habe kein Problem damit, einmal nicht zu singen. Im Gegenteil: Paul McCartney nur mit dem Instrument zu begleiten, hat großen Spaß gemacht. Ich bin sicher auch nicht die großartigste Klavierspielerin der Welt. Ich glaube aber, dass ich eine ziemlich gute Begleiterin bin - und das ist gar nicht so leicht. Beim Begleiten kann man viel falsch machen. Vor allem darf man nicht zu viel spielen.

          Fühlen Sie sich als Sängerin wohler, wenn Sie am Klavier sitzen?

          Zu einem Konzert in Florida kam einmal Chick Corea. Ich habe ihn auf die Bühne gebeten, und wir haben zusammen „How Deep Is The Ocean“ gespielt. Ich habe mir extra einen Stuhl besorgt, damit ich beim Singen nicht stehen musste. Ich glaube, Chick Corea hat meine Anspannung bemerkt. Jedenfalls hat er beim Spielen gesagt: „Hast du das Diana- Krall-Lick gehört, das ich eben gespielt habe?“ Im Stehen zu singen ist wirklich schwierig für mich. Da fühle ich mich komplett unwohl. Als ich es einmal versucht habe, musste ich vorher erst einmal ein Glas Wein runterkippen. Und danach war ich immer noch steif. Nein, stehend singen - das geht bei mir überhaupt nicht.

          Zur Person

          * Diana Krall wird am 16. November 1964 in Nanaima auf Vancouver Island/Kanada geboren. Mit vier Jahren spielt sie Klavier, mit fünfzehn tritt sie in Restaurants auf.
          Krall gewinnt ein Stipendium für das Berklee College of Music in Boston.
          * Unterricht nimmt sie bei dem Jazzpianisten Jimmy Rowles, dem Mann, der Marilyn Monroe das Singen beibrachte. Rowles überzeugt Diana Krall, dass sie auch das Zeug zur Sängerin hat. Ihr erstes Album erscheint 1993. Ihr zweites, „All for You“, wird für einen Grammy nominiert.
          * Ihre Mutter stirbt 2002 an Leukämie, seitdem engagiert sich Diana Krall in einer Stiftung zur Erforschung des multiplen Myeloms, einer Krebserkrankung des Knochenmarks.
          * 2003 heiratet sie den Rock-Musiker Elvis Costello. Die Hochzeit findet auf dem Landsitz ihres gemeinsamen Freundes Elton John statt. Ende 2006 kommen die Zwillinge Dexter und Frank zur Welt.
          *„Glad Rag Doll“ ist ihr elftes Studioalbum. Im November tritt Diana Krall in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf.
           

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