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Iggy Pops neues Album „Free“ : Ja, er lebt noch

  • -Aktualisiert am

1970 erfand er das Stage Diving. Auch heute wirkt Iggy Pop noch, als könne er jederzeit zum Sprung ansetzen. Bild: AFP

Iggy Pop hat im Alter von 72 Jahren ein neues Album aufgenommen: „Free“. An Punk erinnert daran nur noch die kurze Spieldauer. Der Beat ist dafür unwiderstehlich.

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          Ziemlich früh in seiner Karriere erfand Iggy Pop das stage diving, also das sprichwörtliche Baden in der Menge. Wie so oft war er aber auch mit dieser Innovation seiner Zeit voraus: Als er sich zum ersten Mal vom Bühnenrand fallen ließ – weil er mehr Kontakt zum Publikum haben wollte, wie er behauptet – landete er flach auf dem Bauch und schlug sich einen Schneidezahn durch die Oberlippe, statt dass die gutaussehenden Frauen ihn aufgefangen hätten, auf die er sich hatte stürzen wollen.

          Bald aber lernte die Welt zum Glück dazu, und der Frontmann der Stooges badete ausgiebig in seinem Publikum und ergatterte erst noch die Telefonnummern der Frauen, die ihn ohnehin schon auf Händen trugen. Das ist zumindest Iggy Pops Version der Geschichte. Was daran wahr ist, wird sein Geheimnis bleiben. Einzig dass Iggy Pop in seiner gesamten musikalischen Karriere ein Visionär und Erneuerer war, ist unbestritten, wenn der Sprung von der Bühne auch zu seinen kleinsten Erfindungen gehört.

          Ende der sechziger Jahre zog es Iggy Pop und die Stooges von dem Universitäts-Städtchen Ann Arbor in Michigan nach New York. Deep Purple und Led Zeppelin hatten mit ihrem harten Stil die Welt von England aus gleichermaßen verschreckt wie erobert, und in New York versuchten ein paar Außenseiter, eine amerikanische Antwort darauf zu geben. Bald waren die Landeier um Iggy Pop ein wichtiger Teil dieser Antwort. John Cale wurde von Lou Reed bei The Velvet Underground herausgeworfen und hatte daher Muße, den blutjungen Stooges bei den Aufnahmen ihres Debüts zur Seite zu stehen. Das selbstbetitelte Album enthielt acht Songs, vier davon waren am Tag vor den Aufnahmen geschrieben worden. „No Fun“ und „I Wanna Be Your Dog“ wurden schlagartig bekannt und sind heute noch häufig gecoverte Knaller.

          Ein paar Jahre später wurde Iggy Pop in London mit David Bowie bekanntgemacht, der ihn und die aus den Vereinigten Staaten eingeflogenen restlichen Mitglieder der Stooges aber bald sich selbst überließ. „Alle wollten etwas von Bowie, wir aber mussten im Studio bleiben, weil wir dem Label ja ein Album schuldeten. Und dort machten wir also unser Ding ohne jede Kontrolle von irgendwem“, erzählt der Gitarrist James Williamson im Dokumentarfilm „Gimme Danger“ von Jim Jarmusch. Heraus kam bei diesem Herumtollen „Raw Power“, eines der einflussreichsten Rockalben der Geschichte. Bowie übernahm am Ende bloß noch die endgültige Abmischung des Albums, die Iggy Pop zuvor völlig misslungen war. In ihrer reduzierten und primitiven Art nahm die Scheibe einen Sound vorweg, der wenig später eine ganze Generation von Punkbands prägen sollte.

          Kommerziell war die Band trotz ihres heutigen Kultstatus nie besonders erfolgreich. Ein halbes Jahr nach Erscheinen von „Raw Power“ lösten The Stooges sich kurzzeitig auf. Schlagzeuger Scott Asheton musste für das Ticket zurück nach Hause sogar sein Instrument verkaufen. Das Ausbleiben des ganz großen Erfolgs entmutigte Iggy Pop aber nie; im Gegenteil hat er als Solokünstler immer wieder neue Wege eingeschlagen. Er hat ein Dutzend Songs in ziemlich wackeligem Französisch und einen in ebensolchem Spanisch eingespielt, mit dem britischen Duo Underworld eine komplett elektronische EP aufgenommen und mit dem Gitarristen Josh Homme 2016 ein weiteres Kultalbum mit dem Titel „Post Pop Depression“ geschaffen. Seine Soloaufnahmen umfassen weit über 200 Songs. Aber auch außerhalb der Musik hat Iggy Pop immer wieder überrascht. So hat er bei einer Folge von Star Trek mitgewirkt und 1995 einen wissenschaftlichen Artikel publiziert, der untersucht, inwiefern die Gedanken von Edward Gibbon zum Römischen Reich auf die moderne Gesellschaft anwendbar sind.

          Und jetzt, im Alter von 72 Jahren, bringt Iggy Pop noch einmal ein Album auf den Markt. Wer ihn nur als Inbegriff des Punks kennt, wird damit fremdeln. Es heißt „Free“ und enthält zehn neue Songs, die er über weite Strecken mit dem Jazztrompeter Leron Thomas und der Gitarristin Sarah Lipstate geschrieben und aufgenommen hat. Thomas’ Improvisationen lassen der Musik viel Raum, weshalb „Free“ immer wieder an „Après“ von 2012 erinnert, jenes luftige Album mit französischen Songs. An Punk erinnert höchstens noch die äußerst kurze Spielzeit von 34 Minuten.

          Von einem, der eine 50 Jahre währende Karriere, 25 Studioalben und eine ganze Reihe von Entzugstherapien hinter sich hat und in Jim Jarmuschs jüngstem Spielfilm „The Dead Don’t Die“ schon selbstironisch als Zombie aufgetreten ist, sind keine Meisterwerke mehr zu erwarten. Das heißt aber nicht, dass „Free“ sich nicht zu hören lohnte. Im Gegenteil kommen Fans bei der ersten Hälfte des Albums in den Genuss einiger großartiger Rocksongs wie „James Bond“. Hier gelingt es Iggy Pop, noch einmal die Energie von Hits wie „Lust for Life“ aufzubringen. Der Text ist frech und sinnlos („She wants to be your James Bond / Well, it’s not for a price and it’s not to be nice“), der Beat unwiderstehlich. Auch bei „Loves Missing“ oder „Dirty Sanchez“ beweist Iggy Pop wieder seine Qualitäten als Songschreiber, die schon David Bowie erkannte, als er „China Girl“ zu einem Welthit machte. Die zweite Hälfte des Albums ist dann sehr atmosphärisch gehalten, die Songs ähneln Klangcollagen und leben fast ausschließlich von Iggy Pops charakteristischer Stimme, die ganz am Ende plötzlich nachdenkliche Töne anschlägt. Ob das etwas zu bedeuten hat, lässt sich nicht sagen, bei ihm weiß man schließlich nie, wie ernst es ihm ist.

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